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„Fracking“ in Südafrika : Angst vor den Löchern in der Wüste

  • -Aktualisiert am

Fracking in Pennsylvania. Sieht es auch bald in der südafrikanischen Karoo so aus? Bild: dpa

Auch in der südafrikanischen Karoo soll Erdgas durch „Fracking“ gewonnen werden - doch die Einwohner wehren sich. Wegen der möglichen Schäden und weil über ihren Kopf entschieden wurde.

          6 Min.

          Ein fruchtbares Tal inmitten einer abweisend wirkenden Landschaft, ein kühler Bach als Lebensspender, sattgrüne Felder, die sich an karstige Felsbrüche schmiegen, dazu mächtige Eichen, die Schutz bieten vor der Sonne: Was braucht man mehr zum Leben? „Nichts“, sagt Charles Du Toit und nippt an einem Glas selbstgemachter Zitronenlimonade, „absolut nichts“.

          Das kleine Paradies heißt Nieu Bethesda, liegt in der Halbwüste der südafrikanischen Karoo, wurde 1835 als Missionsstation der niederländischen Reformierten Kirche gegründet und ist bekannt für das „Owl-Museum“, das die Künstlerin Helen Martins ehrt, die ihr Leben lang Eulen in allen möglichen Formen schuf. Von Nieu Bethesda sind es 60 Kilometer in die verschlafene Kreisstadt Graaf-Reinet, in die andere Kreisstadt Middelburg sind es mehr als 100 Kilometer. Es gibt eine Kirche in Nieu Bethesda und eine Schule, ein Feuerwehrauto und einen Dorfpolizisten mit einem Fahrrad. Und vermutlich alsbald eine Menge Bohrtürme.

          Die Karoo sitzt auf enormen Gasvorkommen. Das sagt jedenfalls der niederländisch-britische Energiekonzern Shell, der sich um Förderlizenzen für ein Gebiet bemüht, das von Somerset East im Süden der Karoo bis nach Prieska im Norden reicht und von Calvinia im Westen bis fast an die Grenze zu Lesotho im Osten – eine Fläche von 90.000 Quadratkilometer und damit zwei Mal so groß wie Dänemark. Das Gas steckt im Gestein tief im Innern der Erde und soll sich Schätzungen zufolge auf bis zu 13,5 Trillionen Kubikmeter belaufen. Um es zu heben, will Shell die e relativ neue Fördertechnik einsetzen, „Hydraulic Fracturing“, auch Fracking genannt.

          Karoo ist in heller Aufregung

          Bei dieser in Amerika schon verbreiteten Technik wird ein Loch bis in eine Tiefe von fünf Kilometern gebohrt, dann horizontal kilometerweit durch das Gas führende Gestein getrieben. Anschließend werden unter hohem Druck Wasser, Sand und Chemikalien in den Bohrkanal gepresst, um das Gestein zum Bersten zu bringen und so das Gas freizusetzen. Der Sand hilft, die Brüche freizuhalten, die Chemikalien unterstützen die Strömungsfähigkeit des Gases. Die Mischung liegt bei 99 Prozent Wasser und je einen halben Prozent Sand und Chemikalien. Das Wasser ist danach hochkontaminiert und nicht mehr zu gebrauchen.

          Charles Du Toit will davon nichts wissen, und so wie er denkt mittlerweile die ganze Karoo. „Wasser ist unser kostbarstes Gut“, sagt er, „es ist buchstäblich unsere Lebensgrundlage“. Beim Fracking werden bis zu einer Million Liter Wasser in ein Bohrloch gepresst. Die Karoo aber ist ein extrem trockenes Gebiet. Die natürliche Regeneration der wasserführenden Schichten in der Halbwüste liegt bei drei bis vier Prozent im Jahr, aber auch nur, wenn die schweren Regenfälle, die alle 25 bis 30 Jahre auftreten, nicht ausbleiben. „Das ist, als ob du Mutter Erde vergewaltigst“, sagt der ansonsten bedächtige Geigenbogenbauer Du Toit.

          Die stets ein wenig rückständig und verschlafen wirkende Karoo ist seit Bekanntgabe der Bohrvorhaben – nicht nur von Shell, sondern auch vom südafrikanischen Energiekonzern Sasol – in heller Aufregung. Es geht um Umweltschutz, die eigene Viehwirtschaft und den langsam erblühenden Tourismus. Und es geht um die Frage, ob dem vermeintlichen Fortschritt ein Leben in selbst gewählter Genügsamkeit geopfert werden darf. Die Karoo ist Farmland, eines der harten Sorte, das seinen Bewohnern viele Entbehrungen abverlangt. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – hängen die Menschen so an ihrer Scholle. „Das ist schwer zu erklären, aber unsere Liebe zu diesem Land hat fast schon religiöse Züge“, sagt Charles Du Toit.

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