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Fortsetzung von „Vatileaks“ : Rachegelüste im Vatikan

  • -Aktualisiert am

Unter Verdacht: Der spanische Priester Lucio Angel Vallejo Balda und die PR-Expertin Francesca Chaouqui im Januar 2014. Bild: AFP

Ausschweifende Partys, Korruption und Geldverschwendung: Zwei neue Bücher befeuern die Debatte um die Zustände am Heiligen Stuhl. Demnach tobt hinter den Mauern des Vatikans ein Krieg gegen Papst Franziskus – weil er dem Treiben ein Ende setzen will.

          Der spanische Monsignore Lucio Ángel Vallejo Balda sitzt nun in derselben Zelle mit vergittertem Blick auf die päpstlichen Gärten, in der vor drei Jahren der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele einsaß. Gabriele hatte Dokumente vom Schreibtisch Papst Benedikts XVI. gestohlen und sie an die Presse weitergegeben. Dafür wurde er vom vatikanischen Zivilgericht im Oktober 2012 zu 18 Monaten Haft verurteilt. Aber schon im Dezember begnadigte ihn Papst Benedikt XVI., denn schon im Urteil hieß es, der nicht sonderlich begabte Mann sei wohl nicht der Kopf von „Vatileaks“. Unter diesem Verdacht steht indes der jetzige Zelleninsasse: Der 54 Jahre alte Vallejo Balda, der dem Opus Dei angehört, gilt als genauso charismatisch wie ehrgeizig. Und er hat ein Motiv, dem Papst zu schaden: gekränkten Stolz.

          Dass die Affäre über an die Öffentlichkeit getragene Interna des Vatikans nun wieder aufkommt, liegt an zwei Büchern, die bald erscheinen sollen. Eines stammt von dem Journalisten Gianluigi Nuzzi, der schon mehrfach Vatikan-Dokumente veröffentlicht und Kontakte zum Kammerdiener Gabriele zugegeben hat. Laut Nuzzi herrscht hinter den Mauern des Vatikans ein Krieg, der sich auch gegen Papst Franziskus richtet, weil dieser den Kampf seines Vorgängers Benedikt XVI. gegen Korruption und Geldwäsche fortsetze. Nuzzis Belege für diesen Krieg sind Dokumente über Veruntreuung und Geldverschwendung. In einem abgehörten Telefonat soll sich Papst Franziskus beim Chef des Wirtschaftssekretariats, Kardinal George Pell, über die Kostenexplosion im Kirchenstaat beklagt haben: „Wenn wir nicht in der Lage sind, das Geld zu kontrollieren, das man sehen kann, wie sollen wir dann über die Seelen der Gläubigen wachen, die man nicht sieht“, wird Franziskus zitiert. „Die Kosten sind außer Kontrolle; da gibt es Fallen.“

          Hinter den Mauern des Vatikans herrscht Krieg

          Nuzzi und der Journalist Emiliano Fittipaldi, der Autor eines zweiten Buches, sind nicht für gründliche Recherche bekannt. Auch wurden die mittlerweile international kontrollierten Bankgeschäfte des Vatikans eingehend auf Korruption hin untersucht. Doch gibt es wohl versteckte Budgets reicher Kongregationen und Ämter. Diesem Vermögen sind ein Wirtschaftsrat unter dem deutschen Kardinal Reinhard Marx sowie als ausführendes Organ das Finanz- und Wirtschaftssekretariat unter dem Australier Pell auf der Spur.

          Rachepläne und gegenseitige Beschuldigungen: Nach der Festnahme zweier Mitarbeiter flammt die „Vatileaks“-Affäre wieder auf

          Pell und der spanische Prälat Vallejo Balda kennen sich gut. Womöglich hat der Monsignore das ausgenutzt, um den Aktenverkehr zu kontrollieren und Telefonate mitzuschneiden. Vallejo Balda agierte nicht allein: An seiner Seite wirkte die 33 Jahre alte Juristin und PR-Fachfrau Francesca Chaouqui. Sie wurde ebenfalls festgenommen, aber von der vatikanischen Justiz nach einer Nacht in Haft wieder freigelassen, weil sie zur Kooperation bereit sei.

          Sie gehörte als einzige Frau zu den sieben Fachleuten in der mittlerweile aufgelösten „Kommission für die Neustrukturierung der wirtschaftlichen und administrativen Angelegenheiten“ (Cosea). Vallejo Balda war von Papst Franziskus zum Sekretär des im Juli 2013 gegründeten Gremiums ernannt worden. Sowohl Monsignore Balda, Francesca Chaouqui und wohl auch Kardinal Pell hielten es für sicher, dass Balda nach der Auflösung von Cosea zum Sekretär des neuen vatikanischen Finanzsekretariats berufen würde. Chaouqui rühmt den spanischen Monsignore, der seit 2011 zur Präfektur für wirtschaftliche Angelegenheiten gehörte, als den „Mann mit den besten Kenntnissen über die Vatikan-Wirtschaft“.

          Doch Franziskus blockierte im März 2014 die Berufung des Opus-Dei-Prälaten und entsandte seinen zweiten Privatsekretär Alfred Xuereb in das Finanzressort. Seither stockt die Karriere von Vallejo Balda. Übte er also aus Rache Geheimnisverrat?

          Krankheitsgerüchte, Korruption, angebliche Homosexualität

          Das Gespann Balda/Chaouqui machte mehrmals durch Merkwürdigkeiten auf sich aufmerksam. Die PR-Fachfrau geriet schon bald in Erklärungsnöte, nachdem Balda sie zu Cosea geholt hatte. Über ihren Twitter-Account wurden die Meldungen verbreitet, Benedikt XVI. leide an Leukämie, sein früherer Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone sei der Korruption überführt und Italiens ehemaliger Schatzminister Giulio Tremonti sei homosexuell. Sie behauptete, jemand habe ihren Computer gehackt. In einem Pressegespräch erzählte sie, bei Cosea erhalte sie Kenntnis von „vielen geheimen und sensiblen Finanzdaten“ des Vatikans - und selbstverständlich kenne sie auch Nuzzi.

          Im April 2014, einen Monat nach der Blockade der Beförderung, richteten der Prälat und die PR-Agentin ein Fest des Trotzes aus. Aus Anlass der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. luden sie Geistliche und Laien auf das Dach eines Vatikan-Gebäudes ein. Mit bestem Blick auf den Petersplatz wurden Häppchen und Champagner aus dem mit zollfreien Waren bestückten Geschäft in dem alten Bahnhof hinter dem Petersdom gereicht. Böse Gerüchte sagten auch, man habe bei dieser Gelegenheit auch die Kommunion empfangen können - aber das stimmte wohl nicht.

          Damals hätte man geradezu von einem Paar sprechen können. Jedenfalls schien kein Blatt zwischen den Monsignore und die PR-Frau zu passen, die sich auch außerhalb des Vatikans zusammen zeigten. Dabei legten sie eine Vorliebe für gute Restaurants und schwarze Limousinen an den Tag.

          Chaouqiu will der Polizei alles sagen

          Als Frau Chaouqui jetzt nach einer Nacht bei den Salesianerinnen im Vatikan wieder in Freiheit von der Presse befragt wurde, war nichts mehr von Gemeinsamkeit zu spüren. Während Monsignore Balda offenbar schweigt, will sie der Polizei alles sagen, denn sie habe wirklich nichts verbrochen. „Das hat alles der Monsignore gemacht, und ich habe immer wieder versucht, ihn davon abzuhalten“, behauptet sie. Derweilen muss sich der Prälat wegen schweren Geheimnisverrats verantworten. Ihm drohen sechs Jahre Haft.

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