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Football-Leaks-Hacker : Held oder Bösewicht?

Der schmale Grat zwischen Informant und Hacker: Rui Pinto Bild: AFP

In Lissabon beginnt der Prozess gegen Rui Pinto. Er hat mit seinen Hacks zwei internationale Korruptionsaffären aufgedeckt: „Football Leaks“ und „Luanda Leaks“.

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          Bei seiner Ankunft im Lissabonner Gerichtssaal gab sich Rui Pinto am Freitag siegesgewiss. „Ich bin hier, um zu kämpfen“, kündigte der junge Portugiese zu Beginn des Prozesses an, den die Zeitung „Observador“ mit den Worten „der schmale Grat zwischen Informant und Hacker“ charakterisierte. Für die einen sei der junge Mann mit der Igelfrisur ein „Held“, für die anderen ein „Bösewicht“, weil sich der 31 Jahre alte Portugiese illegal Zugang zu Computersystemen verschafft habe.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die erbeuteten Daten wurden als „Football Leaks“ und „Luanda Leaks“ bekannt. Sie förderten Korruption ungeahnten Ausmaßes zu Tage und führten zu unzähligen Verfahren. In Spanien wurde Cristiano Ronaldo wegen Steuerhinterziehung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und musste rund 20 Millionen Euro zahlen; die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. In Portugal und Angola haben die Behörden Ermittlungen gegen die Tochter des früheren Präsidenten José Eduardo dos Santos eingeleitet. Man wirft Isabel dos Santos illegale Bereicherung und Geldwäsche in Milliardenhöhe vor.

          90 Straftaten angeklagt

          Nach Ansicht seines Anwalts William Bourdon ist Pinto der „Edward Snowden der internationalen Korruption und muss als einer der größten Whistleblower des beginnenden Jahrhunderts anerkannt werden“. Snowden, ebenfalls ein Mandant Bourdons, hat die Verteidigung als einen von mehr als 40 Zeugen benannt. Pinto ist wegen 90 Straftaten angeklagt: In 68 Fällen soll er sich unberechtigten Zugang zu Computersystemen verschafft, 14 Mal soll er das Postgeheimnis verletzt haben. Ihm wird versuchte Erpressung vorgeworfen. Vor fünf Jahren habe er die IT der internationalen Sportvermarktungsagentur Doyen gehackt und danach bis zu eine Million Euro gefordert.

          Pinto könne nicht als echter Whistleblower gelten, weil er „nicht in gutem Glauben gehandelt“ habe, hielt ihm die Richterin vor. Seine Anwälte haben laut Presseberichten gegenüber dem Gericht bereits Pintos Bedauern darüber ausgedrückt, dass er die Lage falsch eingeschätzt habe: Er habe nur herausfinden wollen, wie viel man für sein Schweigen zahlen wolle, hatte er früher gesagt. Am Freitag sagte er nun, er habe nie Geld für seine Informationen erhalten. Seine bisherige Tätigkeit sei zu Ende. Laut dem Sender RTP versuchte er dem Eindruck entgegenzuwirken, er sei eine Art Internetpirat. Stattdessen stellte er seine Bereitschaft in den Vordergrund, mit den Behörden zusammenzuarbeiten.

          Erst Anfang 2019 war bekanntgeworden, dass es sich bei dem mysteriösen Informanten „John“, der „Football Leaks“ mit mehr als 70 Millionen Dokumenten versorgt hatte, um den früheren Geschichtsstudenten und IT-Autodidakten Rui Pinto handelte. Er wurde in Ungarn festgenommen, wohin er 2015 als Erasmus-Student gezogen war. Von dort lieferte man ihn nach Portugal aus, wo er im April 2020 aus dem Gefängnis in den Hausarrest kam.

          Druck der Mächtigen auf die Justiz?

          Seit Anfang August ist er auf freiem Fuß und nimmt an einem Zeugenschutzprogramm teil. Er lebt unter Polizeischutz in einer geheimen Wohnung im Großraum Lissabon. Die Sicherheitsvorkehrungen im Gericht erinnern deshalb an einen Terrorismusprozess. Pinto und seine Unterstützer hatten zuvor Zweifel an der Unabhängigkeit der Justiz erhoben: Große Fußballclubs, die er in Bedrängnis gebracht hatte, hätten Druck auf die Justiz ausgeübt. Es ist vom Versuch die Rede, seinen Europäischen Haftbefehl zu verlängern. Den Vorwurf wies der Fußballverein Benfica Lissabon in dieser Woche zurück.

          Inzwischen sind die portugiesischen Behörden voll des Lobes und würdigen Pintos „vollständige Bereitschaft, die Wahrheit zu finden“. Zunächst hatte er eine Freiheitsstrafe von bis zu 25 Jahren befürchtet. Offenbar führte seine Unterstützung im Fall dos Santos zu einem Umdenken bei der Staatsanwaltschaft, die sich zuvor auf keine Abmachungen hatte einlassen wollen. Pinto hatte sich Zugang zu mehr als 715000 Dokumenten im Zusammenhang mit den Geschäftsaktivitäten der angolanischen Milliardärin verschafft und sie einem internationalen Zusammenschluss von Journalisten übergeben.

          Die „Luanda Leaks“ hatten zu Jahresbeginn die Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zur früheren portugiesischen Kolonie Angola gelenkt. Die portugiesische und angolanische Justiz haben Ermittlungen gegen Isabel dos Santos aufgenommen. Konten und Vermögenswerte in Höhe von mehreren Milliarden Euro wurden eingefroren. Bis zu den Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform hatte Isabel dos Santos, die jegliches Fehlverhalten bestreitet, enge Geschäftsbeziehungen nach Portugal unterhalten. Damit könnte die Kooperation noch nicht zu Ende sein. Bisher soll er den Ermittlern mehr als 17 Terabyte überlassen haben. Aber er ließ schon wissen, dass er noch über viel mehr belastendes Material verfüge, das Portugal betreffe.

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