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Folterprozeß : Mißhandlung, Körperverletzung, Pflichtversäumnis

  • -Aktualisiert am

Vorgetäuschte Hinrichtung: Ein Häftling im Gefängnis von Abu Ghraib Bild: AP

Die Bilder haben die Welt aufgerüttelt, jetzt soll den unmittelbar Beteiligten der Prozeß gemacht werden. In Bagdad müssen sich vier Reservisten wegen der Mißhandlung irakischer Gefangener vor Militärgerichten verantworten.

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          Vier von den sieben amerikanischen Reservisten, denen wegen der Mißhandlung irakischer Gefangener im Gefängnis von Abu Ghraib Verstöße gegen das Militärstrafgesetzbuch („Uniform Code of Military Justice“) vorgeworfen werden, müssen sich von diesem Mittwoch an in Bagdad vor Militärgerichten verantworten. Alle Beschuldigten gehören der 372. Militärkompanie der Heeresreserve aus Cresaptown im amerikanischen Bundesstaat Maryland an.

          Bilder von nackten Gefangenen

          Der erste Prozeß findet an diesem Mittwoch gegen den 24 Jahre alte Jeremy Sivits statt. Er ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker, der seinen Lebensunterhalt vor dem Militärdienst vorwiegend als Hilfskraft bei McDonald's verdiente. Dem verheirateten Reservisten wird Verabredung zur Mißhandlung von Gefangenen und Pflichtversäumnis vorgeworfen, da er es fahrlässig unterlassen habe, Inhaftierte vor Mißhandlung und Grausamkeiten zu schützen. Ihm droht schlimmstenfalls eine Freiheitsstrafe von einem Jahr. Sivits wird vor allem vorgeworfen, im November Bilder von nackten und zu einer Pyramide gestapelten Gefangenen gemacht zu haben.

          Schon vor dem Prozeß gegen ihn gab es Meldungen, der Soldat habe sich zur Zusammenarbeit mit den militärischen Ermittlern bereit erklärt und werde sich in Erwartung einer milden Strafe schuldig bekennen. Es wird zudem vermutet, daß er in späteren Prozessen gegen Kameraden seiner Einheit aussagen wird, von denen er einige bereits schwer belastete. Bei seiner Vernehmung im Januar sagte er, im Gegensatz zu diesen habe er die Demütigungen und Mißhandlungen von Gefangenen „nicht komisch gefunden“. Doch habe er „mit jedermann befreundet sein“ wollen und deshalb Stillschweigen bewahrt. Befehle Vorgesetzter zu den Mißhandlungen hat es nach Angaben von Sivits nicht gegeben.

          Sieben Straftaten

          In den drei anderen Fällen wird an diesem Mittwoch die Anklage verlesen; die Verfahren sollen später beginnen. Der 35 Jahre alte Charles Graner aus Uniontown, Pennsylvania, muß sich wegen sieben Straftaten verantworten. Ihm werden Mißhandlung von Inhaftierten, Körperverletzung, unzüchtiges Verhalten, Verabredung zur Mißhandlung von Gefangenen, Pflichtverletzung, Behinderung der Justiz und Ehebruch vorgeworfen. Der letzte Anklagepunkt bezieht sich auf eine sexuelle Beziehung zu der 21 Jahre alten Reservistin Lynndie England, die mit Graner neben mißhandelten Gefangenen posierte und von ihm ein Kind erwartet.

          Graner, der früher bei der Marineinfanterie diente und diese als Obergefreiter verließ, arbeitete einige Jahre als Wachmann in einem Hochsicherheitsgefängnis. Nach Aussagen von Sivits, der Graner als einen der Rädelsführer der Mißhandlungen darstellte, hat dieser Gefangene in Abu Ghraib gezwungen, sich zu entkleiden, und sich über die darauffolgenden Demütigungen lustig gemacht. Einen Inhaftierten, der gezögert habe, sich auszuziehen, habe er derart hart mit der Faust an die Schläfe geschlagen, daß der Mann ohnmächtig geworden sei. Außerdem habe Graner sadistische Freude daran gehabt, einem Häftling auf dessen Schußwunden zu schlagen. Der Anwalt des Unteroffiziers sagte, Sivits versuche die Verantwortung für die Taten auf die anderen Angeklagten abzuwälzen. Im übrigen hätten Graner und die anderen beschuldigten Militärpolizisten auf Anweisung militärischer und ziviler Ermittler gehandelt.

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