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Psychologe über Waterboarding : „Ich würde es wieder tun“

Das Gefangenenlager der Vereinigten Staaten in Guantánamo auf Kuba (Archivbild) Bild: dpa

Der Psychologe James Mitchell hat die Folter des Waterboarding mitentwickelt und an Gefangenen angewandt. In einer Anhörung vor einem Militärgericht zeigte Mitchell keine Reue – er findet: Andere hätten die Grenzen überschritten.

          3 Min.

          In einer mehrstündigen Anhörung eines Militärgerichts auf dem amerikanischen Marinestützpunkt Guantánamo auf Kuba hat ein Psychologe, der die Foltermethode des Waterboarding mitentwickelt und dutzendfach selbst praktiziert hat, jede Schuld von sich gewiesen. Dem Auslandsgeheimdienst CIA warf der Psychologe James Mitchell dafür vor, das umstrittene Verfahren mit einer „missbräuchlichen Tendenz“ angewandt zu haben. Diese habe er nicht aufhalten können, sagte der heute 68 Jahre alte Fachmann für Verhörtechniken am Dienstag in der Anhörung.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Der Begriff Waterboarding bezeichnet simuliertes Ertrinken; dabei wird dem Befragten ein Tuch über das Gesicht gelegt und dieses langsam mit Wasser übergossen, sodass der Gefolterte das Gefühl hat, keine Luft mehr zu bekommen. Mitchell wurde von der CIA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als Berater engagiert. Zusammen mit einem Kollegen gründete er zu diesem Zweck später ein eigenes Unternehmen, das insgesamt 81 Millionen Dollar erhielt.

          In der Befragung sagte Mitchell am Dienstag aus, dass er den Vereinigten Staaten dabei geholfen habe, ein Programm mit dem – heute zynisch anmutenden – Titel „verbesserte Befragung“ aufzubauen. Aus Sorge vor weiteren Terroranschlägen, auch unter dem Einsatz von Atomwaffen, wollte die Regierung unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush so viele Informationen wie möglich von den mutmaßlichen Islamisten erhalten, die gefangen genommen und in geheime Gefängnisse der CIA meist außerhalb der Vereinigten Staaten gebracht worden waren.

          Zu den von Mitchell empfohlenen Methoden gehörte neben dem Waterboarding auch die Praxis, Verdächtige immer wieder gegen Holzwände zu schlagen und sie in zusammengekauerter Haltung für längere Zeit in kleine Kisten einzusperren. Mitchell sagte, diese Maßnahmen seien damals im Rahmen des Legalen gewesen. Das Justizministerium habe sie im Juli 2002 gebilligt.

          Allerdings hätten andere CIA-Mitarbeiter das Waterboarding außerhalb der Richtlinien angewandt, sagte Mitchell einem Bericht der britischen Zeitung „Guardian“ zufolge. Worin genau diese Richtlinien bestanden, ist unklar. „Wenn Menschen Zwangsmittel einsetzen, kann das mit der Zeit eskalieren“, sagte Mitchell. „Sie entmenschlichen die Gefangenen. Sie denken, sie sind dazu berechtigt, noch mehr Druck anzuwenden.“

          Nach Aussage von Mitchell – der sich damals längere Zeit in einem Geheimgefängnis der CIA mit dem Namen „Ort Nummer drei“ aufhielt, das mutmaßlich in Thailand lag – habe er mehrfach versucht, Befragungen zu beenden, die aus dem Ruder gelaufen seien. Dies habe vor allem für die Verhöre eines namentlich nicht bekannten CIA-Offiziers gegolten, den Mitchell nur den „neuen Sheriff“ nannte. „Die CIA hat die Techniken, die er angewandt hat, nicht genehmigt.“ Was genau der Offizier tat und inwiefern er sich dabei jenseits der Richtlinien bewegte, blieb am Dienstag unklar.

          Ein Angeklagter wurde 183 Mal gefoltert

          Mitchell sagte im Rahmen eines Verfahrens gegen fünf Terrorverdächtige aus, die unter Waterboarding und anderen Foltermethoden gelitten haben sollen. Unter ihnen ist auch der Pakistaner Chalid Scheich Mohammed, der als Kopf hinter den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gilt. Die Verdächtigen wurden zwischen 2003 und 2006 an geheimen Orten festgehalten und im Jahr 2007 nach Guantánamo gebracht. Dort soll ihnen vom kommenden Jahr an der Prozess gemacht werden; im Falle einer Verurteilung droht den Beschuldigten die Todesstrafe.

          Vor dem Beginn des Prozesses führt das Gericht mehrere Anhörungen durch, die das eigentliche Verfahren vorbereiten sollen. Das Gerichtsgebäude ist eigens für diesen Prozess gebaut worden. Mitchell folterte Mohammed den Berichten zufolge im März 2003 insgesamt 183 Mal mit der Methode des Waterboarding; die beiden saßen bei der Aussage des Psychologen nur wenige Meter voneinander entfernt.

          Folter als „zeitweiliges Unbehagen“ der Terroristen

          Mitchell wurde von den Verteidigern des Angeklagten Ammar al Baluchi vorgeladen, dem Neffen Mohammeds. Die Verteidiger der fünf Angeklagten wollen erreichen, dass die Aussagen, die die Männer unter dem Eindruck der Folter gemacht hatten, vor Gericht nicht verwendet werden dürfen. Der Psychologe äußerte in der Befragung keine Reue. „Ich würde es heute wieder tun“, sagte er. „Ich dachte, es ist meine moralische Pflicht, den Schutz der Leben der Amerikaner höher zu gewichten als das zeitweilige Unbehagen der Terroristen, die freiwillig ihre Waffen auf uns gerichtet haben.“

          Zugleich sei es der CIA „niemals um Strafverfolgung“ gegangen, sagte Mitchell. Der Geheimdienst habe rasch Informationen haben wollen. In der Befragung sprach Mitchell auch von dem Palästinenser Abu Zubaidah, den ersten Mann, den er mit Waterboarding folterte. Er gehört nicht zu den fünf Angeklagten des Militärgerichtsprozesses. Mitchell sagte, er habe an Zubaidah im Jahr 2002 alle neuartigen Verhörmethoden angewandt. Zuvor habe er lediglich beobachtet, wie andere CIA-Mitarbeiter ihn verhörten.

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