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Flutkatastrophe : Pakistan nimmt Hilfe Indiens an

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Ein „Zeitlupen-Tsunami” ereignet sich laut UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon in Pakistan Bild: AFP

Nach langem Zögern hat Pakistan die Hilfe des verfeindeten Nachbarlandes Indien angenommen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte die Geberländer zu schneller Finanzhilfe auf. Pakistan erleide einen „Zeitlupen-Tsunami“.

          Nach langem Zögern nimmt Pakistan die Fluthilfe des verfeindeten Nachbarlandes Indien an. Der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Qureshi dankte der indischen Regierung. Indien hatte Pakistan in der vergangenen Woche Hilfsgüter im Wert von 5 Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) angeboten. Die amerikanische Regierung hatte Islamabad zur Annahme gedrängt und betont, bei der Reaktion auf eine Katastrophe sollte Politik keine Rolle spielen.

          „Die Regierung Pakistans ist übereingekommen, das indische Angebot anzunehmen“, sagte Qureshi dem indischen Nachrichtensender NDTV. Der Minister betonte am Rande einer UN-Sitzung zur Flutkatastrophe am Donnerstagabend in New York: „Wir spielen keine Politik.“ Die pakistanische Regierung hatte mehrfach eindringlich an das Ausland appelliert, das verarmte südasiatische Land wegen der Jahrhundertflut finanziell stärker zu unterstützen. Indien und Pakistan haben seit ihrer Unabhängigkeit von britischer Kolonialherrschaft 1947 drei Kriege gegeneinander geführt.

          Die Anschläge von Mumbai haben die Beziehungen stark belastet

          Anfang 2004 nahmen die beiden südasiatischen Atommächte Friedensgespräche auf, die aber seit der Terrorserie von Mumbai auf Eis liegen. Die Terroranschläge in der westindischen Wirtschaftsmetropole im November 2008 haben die Beziehungen zwischen den Nachbarn schwer belastet. Nach Überzeugung der Regierung in Neu Delhi wurden die Angriffe von Mumbai (früher Bombay) in Pakistan vorbereitet. Neu Delhi wirft der pakistanischen Regierung vor, nicht ausreichend gegen muslimische Terrorgruppen vorzugehen, die in Indien Anschläge planen.

          Unterdessen drängen die Vereinten Nationen angesichts der wachsenden Not in Pakistan die Geberländer zu einer schnellen Auszahlung der zugesagten Hilfsgelder. „Zusagen sind Zusagen, bis das Geld überwiesen wird“, sagte der Sprecher des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten in Islamabad, Maurizio Giuliano, am Freitag. „Wir hoffen, dass diese Zusagen so schnell wie möglich erfüllt werden.“ Bislang seien 252 Millionen Dollar der von den UN angeforderten knapp 460 Millionen Dollar Nothilfe eingegangen, sagte Giuliano. Weitere 42 Millionen Dollar (knapp 33 Millionen Euro) seien zugesagt.

          Ban Ki-Moon sprach von einem „Zeitlupen-Tsunami“

          UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hatte die Welt am Donnerstag bei einer internationalen Geberkonferenz bei den Vereinten Nationen in New York eindringlich zur Hilfe für die Flutopfer aufgerufen. 15 bis 20 Millionen Menschen seien in Not, sagte er. „Pakistan ist mit einem Zeitlupen-Tsunami konfrontiert.“

          Mehrere Länder sagten stärkere Hilfe zu. Deutschland erhöht seinen Beitrag von 15 Millionen Euro auf 25 Millionen Euro. Auch die Vereinigten Staaten wollen zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Die Washingtoner Regierung richtete zudem einen Hilfsfonds ein, in den Amerikaner Spenden einzahlen sollen. Pakistan kündigte nach langem Zögern an, die vom Erzfeind Indien angebotene Fluthilfe anzunehmen.

          Trotz der dramatischen Lage in Pakistan will die Mehrheit der Deutschen nicht für die Opfer der Flut spenden. Laut Deutschland-Trend im ARD-„Morgenmagazin“ haben erst 12 Prozent der Befragten Geld gegeben. 58 Prozent sind dazu nicht bereit, 24 Prozent wollen noch helfen. Ihre Spendenmüdigkeit begründeten 40 Prozent damit, dass ihnen schlicht das Geld fehle. 29 Prozent derjenigen, die nicht spenden wollen, sagten, sie glaubten nicht, dass das Geld an der richtigen Stelle ankomme. Befragt wurden 1000 Bundesbürger. Nach dem Tsunami Ende Dezember 2004 hatten zu einem ähnlichen Zeitpunkt bereits 62 Prozent der Deutschen Geld gespendet, 22 Prozent hatten noch vor zu helfen. 14 Prozent konnten oder wollten nicht spenden.

          Ziel der UN-Konferenz war es, 460 Millionen Dollar zu sammeln

          Die Geberkonferenz bei den Vereinten Nationen war kein Sondertreffen, sondern eine reguläre Sitzung der UN-Vollversammlung. Länder, globale Finanzeinrichtungen und Organisationen wurden aufgerufen, Pakistan „volle Unterstützung“ zu geben. Hauptziel der Konferenz war es, zunächst die ursprünglich beantragten knapp 460 Millionen Dollar (knapp 360 Millionen Euro) zu sammeln. Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Summe bei weitem nicht ausreichen wird, um die entstandene Not zu lindern.

          Angaben der Katastrophenschutzbehörde NDMA zufolge wurden bei den Fluten 1491 Menschen getötet und 2052 weitere verletzt. Fast eine Million Häuser wurden zerstört. Auch Millionen Tiere wie Kühe, Schafe, Büffel und Hühner kamen in den Fluten um, Millionen brauchen dringend Futter und Medizin. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FA0) prüft nach Angaben vom Freitag in Rom, welche Futterreserven es in den Flutgebieten überhaupt noch gibt, um ihre Hilfe für die schwer geschädigte Landwirtschaft dann daran auszurichten. „Die Tiere sind für arme Leute zum finanziellen Überleben wichtig“, so die FAO.

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