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Flugverbot für Ägypten : Putins Eiertanz

Bild: Reuters

Tagelang warnte Moskau vor „voreiligen Schlüssen“ aus dem Flugzeugabsturz auf dem Sinai. Präsident Putin hielt sich bedeckt. Jetzt schwenkt der Kreml auf die Linie Londons ein.

          4 Min.

          Im Westen erhielt die These, eine Bombe habe die 224 Menschen an Bord des russischen Airbus über dem Sinai in den Tod gerissen, in den vergangenen Tagen immer mehr Nahrung. Nach und nach strichen etliche Anbieter ihre Flüge nach Scharm al Scheich, den Badeort am Roten Meer, von dem Flug Nummer 9268 am Samstagmorgen in Richtung Sankt Petersburg gestartet war. Doch Russlands Vertreter warnten währenddessen vor „voreiligen“ Schlüssen. Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew ordnete zwar an, die Sicherheitsvorkehrungen für russische Flüge zu verstärken, hob aber hervor, das gelte nicht nur für Ägypten. Russische Flugzeuge flogen Scharm al Scheich weiterhin an, auch wenn Russlands Reiseanbieter über einen Nachfrageeinbruch klagten. Dieselben Anbieter lobten am Freitagnachmittag prompt die Entscheidung von Präsident Wladimir Putin, nun doch den Flugverkehr mit Ägypten vorerst zu untersagen und nur die Touristen aus Russland zurückzuholen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Entscheidung sei geschäftlich hart, aber „Menschenleben“ seien wichtiger, hieß es von Seiten ihres Verbandes. Zuvor hatte Alexander Bortnikow, der Direktor des Geheimdienstes FSB, mitgeteilt, solange man die „wahren Gründe des Geschehenen“ nicht ermittelt habe, sei es „ratsam“, die russischen Flüge nach Ägypten einzustellen. „Das betrifft vor allem die touristischen Kanäle“, fügte Bortnikow hinzu. Es sei wichtig, „absolut objektive Daten“ zu erhalten; die Ermittlungen müssen so lange dauern, wie sie eben brauchten. Bortnikow äußerte sich nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats mit Putin. Ohnehin war klar, dass es auf seine Güterabwägung ankam.

          Widersprüchliches in Moskau

          Die Sicherheit spielt dabei eine Rolle, respektive das Ansehen des Staates und damit der Führung. Auf der anderen Seite steht Russlands Verhältnis zu Ägypten, das sich unter dem Machthaber Abd al Fattah al Sisi deutlich verbessert hat. Die Führung in Kairo hat in den vergangenen Tagen klar gemacht, dass sie alle Selbstbezichtigungen islamistischer Terroristen zum Ende von Flug 9268 für „Propaganda“ hält. Immer wieder hatten sich ägyptische Angaben zum „Absturz“ mit Aussagen russischer Ermittler zum „Geschehenen“ widersprochen. Aus Moskau waren in den vergangenen Tagen, in denen nicht klar war, zu welcher Einschätzung Putin gekommen war, Demonstrationen von Stärke und Gelassenheit gekommen, die mit Bortnikows Wortmeldung vom Freitag überholt schienen.

          So hatte Putins Sprecher Dmitrij Peskow an die Adresse der einen Terroranschlag argwöhnenden britischen Regierung gesagt, wenn es etwas Handfestes gebe, sollte es vorgelegt werden, alles andere seien „Vermutungen“ oder gar „Spekulationen“. Womöglich wurden den Mitgliedern der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats dann entsprechende Daten vorgelegt – das blieb am Freitag Spekulation. Der Leiter der russischen Flugaufsicht Rosawiazija, Alexander Neradko, hatte am Donnerstag im Staatssender Rossija 24 angekündigt, Trümmer- und Gepäckteile sowie die Leichname der Opfer auch auf Spuren einer Explosion zu untersuchen, was einige Monate dauern könne. Dann war Neradko indes zum Angriff übergegangen: Die Ermittlungen zu Flug 9268 gründeten nicht auf der Formulierung von „Versionen“, für die dann Beweise gesucht würden, wie es im Fall der „Katastrophe von MH17“ im vorigen Jahr über der Ostukraine gewesen sei. Seinerzeit hatte Neradko der Ukraine die „volle Verantwortung“ zugeschoben, da sie ihren Luftraum nicht gesperrt hatte. „Alles Übrige“, sagte Neradko im Oktober 2014 mit Blick auf Vorwürfe an Russland und seine Separatisten, seien bloß „haltlose Vermutungen“.

          Konstantin Kosatschow, der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des Föderationsrats, des russischen Oberhauses, hatte die Entscheidung der Regierung in London, Flüge nach Scharm al Scheich zu untersagen, mit „geopolitischem Widerstand“ gegen Russlands Militäroperation in Syrien in Zusammenhang gebracht. Es gebe „auf der Welt genug“ Leute, die in „dieser Katastrophe“ gern eine „Antwortreaktion der Dschihadisten“ an die Adresse Russlands sähen, äußerte Kosatschow am Donnerstag. Damit missachtete er eigentlich eine Aussage Peskows vom Dienstag, nach der Russlands Militäroperation in Syrien und das Ende von Flug 9268 „unterschiedliche Fragen“ seien, die man nicht miteinander in Verbindung bringen solle.

          Annäherung an den Westen?

          Putin selbst hatte sich in den vergangenen Tagen zu dem Thema, das Russland bewegt, bedeckt gehalten. Am Samstagmittag hatte er den Hinterbliebenen in einer Erklärung auf der Website des Kreml zwar sein Beileid erklärt. Doch erst am Montagmittag zeigte ihn das Staatsfernsehen mit einer Beileidsbekundung; der Präsident saß am Schreibtisch neben seinem Verkehrsminister. Am Dienstagabend sagte der Präsident bei einer Ausstellungseröffnung, Versuche, Russland „einzuschüchtern“, seien aussichtslos. „Unser Ziel“, sagte Putin da, sei „ob in Syrien oder wo auch immer“ der „Kampf gegen den Terrorismus“. Mancher sah darin schon eine Einstimmung auf die Möglichkeit, es sei über dem Sinai tatsächlich ein Terroranschlag verübt worden.

          Am Flughafen von Scharm al Scheich warten britische und russische Urlauber auf ihren Heimflug.
          Am Flughafen von Scharm al Scheich warten britische und russische Urlauber auf ihren Heimflug. : Bild: Reuters

          Sollte sich das bewahrheiten, würde Putins Intervention in Syrien womöglich vereinzelt in Russland kritisiert. Doch der Wagenburgeffekt wäre wohl stärker. Zudem hat der Kreml die Intervention einerseits mit der Unterstützung des „legitimen Präsidenten“ Baschar al Assad, andererseits mit einem „Kampf gegen den Terror“ begründet. Letztere Komponente dürfte nun stärker in den Vordergrund treten. Eine Annäherung an den Westen, die mit Informationsaustausch zu den Dschihadisten auf dem Sinai und zum Ende von Flug 9268 beginnen könnte, wäre nun zwar denkbar. Aber zugleich auch das Gegenteil, zumal die innenpolitische Hexenjagd auf angebliche „Agenten“ des Westens ungetrübt weitergeht.

          Ramsan Kadyrow, Putins Mann in Tschetschenien, hatte passend dazu am Donnerstag gegenüber dem Kremlsender NTW wieder einmal die in Russland verbreitete These genährt, islamistischer Terror sei ein westliches Kampfmittel gegen Russland. Er sagte, wenn Russland nicht in den syrischen Konflikt eingegriffen hätte, wären schon „Tausende Kämpfer“ zurück in Russland. Denn „der Westen und Europa“ hätten die Gegner Assads einschließlich der „Terrororganisationen“ aufgebaut und wollten sie nun „nach Hause“ schicken.

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