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Flugausfall wegen Corona : Wie die EU-Staaten gemeinsam gestrandete Europäer zurückholen

  • -Aktualisiert am

Mehr als 300 Deutsche warten auf dem internationalen Flughafen Ninoy Aquino in den Philippinen auf einen Lufthansa-Flug: Bild: dpa

Deutschland organisiert die Rückflüge etwa aus Ägypten, Polen holt EU-Bürger aus dem Tschad oder von den Malediven zurück. In manchen Ländern wird jedoch Flugzeugen die Landung verwehrt – aus Sorge vor der „Seuche der Weißen“.

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          Nicht nur in Deutschland, in der ganzen Europäischen Union läuft die größte Rückholaktion für Bürger, die in anderen Staaten festsitzen. Von Tag zu Tag melden sich mehr Menschen bei den Behörden, die wegen der Corona-Pandemie nicht mehr in ihr Heimatland zurückkommen können. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sagte am Montag nach einer Videokonferenz der Außenminister, der Flugverkehr befinde sich an zwanzig Knoten auf der ganzen Welt „in Schwierigkeiten“. Er sprach von „mehr als 200000 EU-Bürgern“, die um ihre Rückholung gebeten hätten. Borrell wies ausdrücklich darauf hin, dass nur Menschen zurückkehren müssten, die nicht dauerhaft im Ausland lebten.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Nach Schätzungen des Krisenstabs des Auswärtigen Amtes ist die Gesamtzahl der Deutschen, die an der Rückholaktion des Ministeriums teilnehmen wollen, auf mehr als 200000 gestiegen. Außenminister Heiko Maas (SPD) sagte am Montag, rund 120000 deutsche Touristen seien in den vergangenen Tagen schon aus ihren Urlaubsgebieten abgeholt worden. Zehntausende kamen allein aus den Feriengebieten der afrikanischen Mittelmeerküste, etwa aus Ägypten, Tunesien und Marokko. Diese Zeitung erreichte ein Hilferuf deutscher Touristen von der marokkanischen Mittelmeerküste, die berichteten, die deutsche Botschaft informiere sie nicht ausreichend über Rückkehrmöglichkeiten nach Deutschland.

          In Ecuador wurde die Landung verweigert, weil Corona als „Seuche unter Weißen“ gilt

          Borrell äußerte sich sehr verärgert darüber dass „EU-Bürger im Ausland stigmatisiert werden“, weil das Coronavirus dort als „Seuche unter Weißen“ dargestellt werde. Einigen Flugzeugen, die Bürger zurückholen sollten, sei deshalb sogar die Landung verwehrt worden. Konkret nannte er die Stadt Guayakil in Ecuador. „Die weite Verbreitung von Fake News erzeugt soziale Reaktionen und Ansichten, die sehr gefährlich sind“, sagte Borrell. Maas gestand zu, es gebe in vielen Ländern eine komplizierte Lage, weil die Rückkehrwilligen häufig Schwierigkeiten hätten, in ihren Reiseländern überhaupt Flughäfen zu erreichen, von denen aus die Rücktransporte stattfinden könnten.

          Viele Länder haben unterdessen Ausgangssperren verhängt und unterbinden auch den internen Reiseverkehr oder schränken ihn ein. In Berlin war es am Wochenende zu Irritationen gekommen, nachdem ein Flugzeug mit Urlaubern aus Ägypten in der Hauptstadt gelandet war und das Gesundheitsamt verfügt hatte, dass die Ankömmlinge, da sie aus einem Corona-Risikogebiet eingereist seien, anschließend zwei Wochen lang häusliche Quarantäne einzuhalten hätten.

          Nach den großen Tourismuszielen, zu denen außer den Mittelmeerstaaten auch die Dominikanische Republik gehört, nehme der Krisenstab des Auswärtigen Amtes jetzt auch weiter entfernte Regionen in den Blick, es seien etwa Rückholflüge aus Chile, Mexiko, Gambia und Neuseeland geplant. Damit verlagert sich die Rückholaktion des Auswärtigen Amtes zunehmend darauf, die rückkehrwilligen Deutschen mit eigens gecharterten Flugzeugen zurückzubringen.

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          Kostensatz eines günstigen Economy-Tickets

          Anfangs hatte das Auswärtige Amt vor allem kommerziellen Reiseveranstaltern durch die Vermittlung von Überflugrechten und Landeerlaubnissen geholfen, Pauschalreisende von ihren Urlaubsorten zurückzuholen. Während die Touristen in diesen Fällen die Hoffnung haben konnten, dass der Veranstalter die Kosten für die vorzeitige Heimreise trägt, hat das Auswärtige Amt bei den Charterflügen in Aussicht gestellt, dass sich die Rückreisenden, die auf diese Weise nach Hause kommen, an den Kosten maßgeblich beteiligen müssen. Es wurde ein Kostensatz genannt, der sich an günstigen Economy-Tickets orientieren könnte.

          Deutschland wandte sich vorige Woche auch an die EU-Kommission, um den Rücktransport in Europa besser zu koordinieren. Es geht in erster Linie darum, die Flugzeuge möglichst gut auszulasten, damit nicht jedes Land eigene Maschinen schickt, die dann halbvoll zurückkehren. Gesteuert wird die Verteilung von Passagieren jetzt vom Krisenreaktionszentrum, das ein paar Häuserblocks von der Zentrale der EU-Kommission in Brüssel entfernt liegt. Die Mitgliedstaaten halten eine tägliche Videokonferenz, in der sie verfügbare Plätze anbieten.

          Ein Appell an die Fluglinien, den Betrieb fortzusetzen

          Wie die Kommission mitteilte, organisiert Deutschland gemeinsame Rückflüge aus Ägypten, Marokko, Tunesien, Argentinien, der Dominikanischen Republik und von den Philippinen. Polen holt EU-Bürger aus dem Tschad, aus Sudan, Nepal und von den Malediven zurück, während die Tschechische Republik Flugzeuge nach Ägypten, Vietnam und auf die Philippinen schickt. Lettland kümmert sich um Bürger, die in Georgien festsitzen, Litauen um solche in Indonesien. Auch das Vereinigte Königreich beteiligt sich, mit Flügen nach Peru. Borrell verwies am Montag darauf, dass die EU-Kommission nur im Ausnahmefall Kosten für Rückflüge übernehmen könne. Die Behörde hat schon viel mehr Anfragen bekommen, als sie finanzieren kann. Der Außenbeauftragte appellierte an die Fluglinien, den Betrieb fortzusetzen und ihre Passagiere zu befördern.

          Es war der EU-Kommission am Montag noch aus einem anderen Grund wichtig, auf ihr eigenes Krisenreaktionszentrum hinzuweisen, in dem vierzig Personen arbeiten. Es komme jetzt darauf an, die bestehenden Instrumente vollständig und wirksam zu nutzen, sagte der Sprecher Ursula von der Leyens. Er reagierte damit auf eine Frage, welche zusätzlichen Kompetenzen die Kommission aus Sicht ihrer Präsidentin benötige, um die gegenwärtige Krise zu bewältigen.

          Koordinierte Rückholung: Außenminister Maas im Krisenreaktionszentrum im Auswärtigen Amt

          Ratspräsident Charles Michel hatte sich dafür ausgesprochen, ein europäisches Krisenzentrum und einen europäischen Zivilschutz zu schaffen. „Es fehlt eine einheitliche Befehlsgewalt auf europäischer Ebene“, sagte Michel im belgischen Fernsehen. Von der Leyens Sprecher verwies nun darauf, man wolle erst nach der Krise über mögliche Lehren nachdenken. Die Neuverteilung von Kompetenzen ist stets ein Reizthema.

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