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Flüchtlingszentren in Schweden : Asylbewerber dringend erwünscht

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge im September 2014 an der Busstation Tornio-Haaparante nahe der finnischen Grenze Bild: AFP

Im dünn besiedelten Norden von Schweden, wo Arbeitskräfte fehlen, werden Flüchtlinge vor allem als Chance begriffen. Statt einer Obergrenze haben viele Gemeinden dort eine Mindestzahl für ihre Aufnahme festgelegt.

          Bevor die Flüchtlinge nach Gysinge kamen, war es sehr still in dem kleinen Ort in Nordschweden. 150 Einwohner hatte das Dorf, Tendenz sinkend. Das änderte sich im Juni 2014 schlagartig. 200 Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und Syrien zogen in ein zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniertes leerstehendes Hotel im Ort ein. Nach der anfänglichen Skepsis sahen die Einwohner von Gysinge die Neuankömmlinge bald als Gewinn. Der Kindergarten bekam endlich den ersehnten Anbau, das Busnetz wurde erweitert und die Sportvereine konnten ihre Mannschaften wieder füllen. Doch lange hielt die Freude nicht an. 2017 schloss die schwedische Migrationsbehörde ihr Büro in Gysinge. Mit dem Abzug der Behörde mussten auch die Asylbewerber den Ort verlassen. Die neue Buslinie wurde wieder eingestellt, ein Teil der Vorschule musste schließen, und auch um den Erhalt ihrer Oberschule bangte die Gemeinde.

          So wie Gysinge geht es auch anderen Gemeinden im Norden Schwedens. Die staatliche Migrationsbehörde schließt immer mehr Anlaufstellen in den ländlichen Gebieten. Stattdessen soll die Arbeit an fünf großen Standorten in Schweden gebündelt werden. Die fünf Hauptanlaufstellen sollen in Stockholm, Göteborg, Malmö, Uppsala und Boden entstehen, also in den städtischen Ballungsräumen.

          Diese Politik stößt in Schwedens ländlichen Gemeinden auf Unverständnis. Wie auch oft in Deutschland gehen die Vorstellungen von Bund- und Lokalpolitik in Sachen Flüchtlingsaufnahme in dem skandinavischen Land weit auseinander. In Deutschland wurde Finanzminister Olaf Scholz (SPD) für seine Ankündigung Mitte März, den Gemeinden die Mittel für die Flüchtlingsversorgung zu kürzen, von Bundesländern und Kommunen heftig kritisiert. Doch während deutsche Gemeinden sich mit der Integration von Flüchtlingen meist eher überfordert sehen, ringen die schwedischen Gemeinden darum, weiter Asylbewerber aufnehmen zu dürfen. In einem offenen Brief, den die Zeitung Svenska Dagbladet veröffentlichte, äußerten zwölf Gemeinde- und Regionalräte ihre Besorgnis über die kürzlich verkündete Schließung zweier weiterer nördlicher Zentren, Kiruna und Östersund.

          Im dünn besiedelten Norden fehlen Arbeitskräfte

          In den Städten ließen sich ohnehin schon die meisten Einwanderer nieder, sie seien überlaufen und die Integration der Ankommenden dementsprechend schwierig, schreiben die Gemeinderäte. Vor allem Malmö macht immer wieder mit Negativschlagzeilen auf sich aufmerksam. Einwanderer haben es hier auf dem Arbeitsmarkt im nationalen Vergleich am schwersten. Die hohe Kriminalitätsrate in der südschwedischen Metropole wird allgemein als Auswirkung einer gescheiterten Integrationspolitik gewertet.

          Die Integrationsstatistiken der Gemeinden im Norden Schwedens können sich hingegen sehen lassen. In Östersund in der Region Jämtland beispielsweise gelingt es laut den Zahlen des schwedischen Arbeitsamtes 65 Prozent der Zugezogenen, innerhalb von neunzig Tagen eine Anstellung zu finden. Damit liegt die Gemeinde zwanzig Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt. Gemeinnützige Organisationen, Einwohner und der öffentliche Sektor arbeiteten hier gut zusammen, um den Neuankömmlingen die Integration zu erleichtern, schreiben die Gemeinderäte in ihrem Brief. Wenn die Migrationsbehörde ihr Büro in Östersund schließe, hieße das in der Praxis, dass dort keine Asylbewerber mehr wohnen könnten. Rund 600 Menschen, von denen viele sozial und beruflich gut integriert seien, würden dann abermals aus ihrem Alltag gerissen und umgesiedelt.

          Flüchtlinge aus Eritrea im Oktober 2015 am Flughafen von Lulea in Nordschweden

          Hinzu kommt, dass im dünn besiedelten Norden Schwedens immer mehr Arbeitskräfte fehlen. „Es ist kein Zufall, dass die nördlichen Regionen so gut darin sind, Menschen aufzunehmen. Hier besteht ein großer Bedarf an zugezogenen Arbeitskräften“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der nördlichen Gemeinderäte. „Für ein dünn besiedeltes Gebiet ist jeder Asylsuchende eine Chance.“ Die nördlichen Regionen versorgen den Rest des Landes mit Holzrohstoffen und Energie, haben jedoch die durchschnittlich älteste Bevölkerung. Man sei auf mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter angewiesen, heißt es.

          Während einige Gemeinden in Mittel- und Südschweden alles dafür tun, um die Aufnahme von Flüchtlinge zu verhindern, hat die Gemeinde Östersund daher sogar eine Mindestzahl statt einer Obergrenze für aufzunehmende Flüchtlinge festgelegt.

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