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Flüchtlingsströme : In Afrika und doch schon in Europa

  • -Aktualisiert am

Grenzzaun, der das spanische Melilla von Marokko trennt Bild:

Vor vier Jahren überrannten Tausende die Grenzen zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, es gab Tote. Nicht nur wegen der neuen Grenzzäune ist es dort ruhiger geworden. Doch sobald die Wirtschaftskrise vorbei ist, dürfte der Ansturm von neuem beginnen.

          Manchmal schlägt zwischen den jungen Männern im Hof ein kleiner weißer Ball ein. Manchmal werfen sie ihn über den Zaun zurück, und manchmal stecken sie ihn wie einen Talisman in die Tasche. Neben dem Auffanglager für illegale Einwanderer in Melilla haben die Stadtväter bar jeden Sinnes für Ironie einen schmucken Golfplatz errichtet. Er reicht sogar unmittelbar bis zu dem anderen noch viel höheren Zaun, der in dreifacher Absperrung mit rasiermesserscharfen Spitzen und bemannten Wachtürmen die Grenze zwischen der spanischen Exklave und Marokko markiert.

          In dem „Zeitweiligen Aufenthaltszentrum für Immigranten“ (Ceti) schlagen noch etwa 400 Afrikaner und Asiaten die Zeit tot oder suchen sich tagsüber eine Handlangertätigkeit in der Garnisonsstadt. Jules aus Somalia erzählt, dass er für drei Euro mit Lappen und Wassereimer ein Auto wäscht. Seine Familie kann sich zu Hause von einem Euro am Tag satt essen. Wäscht er fünf Autos, überweist er zwölf Euro in die Heimat. Kost und Logis sind für ihn im Ceti gratis. Mehli aus Bangladesch nickt zustimmend und sagt, er wasche mitunter sogar „mehr als fünf Autos am Tag“.

          Das Leben riskieren, um der Armut zu entkommen

          Die beiden und ihre Schicksalsgenossen aus Ländern südlich der Sahara oder Ostasien sind, was von dem großen Ansturm auf die spanische autonome Stadt Melilla vor vier Jahren übrig geblieben ist. Im westlicher gelegenen Ceuta, der anderen spanischen Besitzung in Nordafrika, sieht es ähnlich aus. Weil die Insassen keine Papiere haben, sind sie nur schwer repatriierbar. Weil sie, wenn überhaupt irgendwohin, „nach Europa“ wollen, haben sie auch keine Eile. Im Lager gibt es Fernsehen und daneben weiße Männer in kurzen Hosen zu besichtigen, die sich mit ihren Schlägern von einem Loch zum anderen vorarbeiten.

          Afrikanische Flüchtlinge warten in Melilla auf die Essensausgabe

          Zurzeit versuchen relativ wenige Migranten, Spanien über den Atlantik oder das Mittelmeer zu erreichen. Im Atlantik um die Kanarischen Inseln, so hieß es zunächst, wurde im ganzen August zum ersten Mal seit zehn Jahren kein einziges „cayuco“ gesichtet. Dann zerstörte der letzte Tag die Statistik, als gleich zwei Boote mit 15 Männern, Frauen und Kindern aus Mauretanien landeten und ein Passagier am Strand von Teneriffa nur noch tot geborgen werden konnte. Dennoch brachten die „cayucos“ in den ersten acht Monaten nur 1813 „Papierlose“ auf den Archipel, zwei Drittel weniger als im gesamten Vorjahr. Derweil landeten knapp 5000 Migranten an der spanischen Mittelmeerküste; auch hier war ein Rückgang um 40 Prozent zu verzeichnen.

          Die Wirtschaftskrise mit ihrem - in Spanien besonders krassen - Absturz in der Bauindustrie hat den Zuzug gebremst. Kamen während des goldenen Jahrzehnts des Aufschwungs und der vierprozentigen Wachstumsraten jährlich mehr als eine halbe Million Arbeitsuchende aus allen Kontinenten auf die Iberische Halbinsel, so sind es nach einem Knick im Vorjahr nun nicht einmal mehr halb so viele. Die meisten von ihnen setzen weiterhin nicht in einem Boot internationaler Schleuser an der Straße von Gibraltar über, sondern fliegen aus Lateinamerika nach Madrid und Barcelona oder kommen aus Mittelosteuropa und anderswo mit Eisenbahn und Bus über die französische Grenze. Doch diejenigen, die aus Afrika kommen, erregen das meiste Aufsehen, weil sie, um der Armut und Misere daheim zu entgehen, häufig genug ihr Leben riskieren - und manchmal, so wie am letzten Augusttag, verlieren.

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