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Nach dem Brand auf Lesbos : „Dieser Ärger, diese Wut, hat sich nun offenbar entladen“

Flüchtlinge und Migranten mussten mit ihrem Hab und Gut vor den Flammen fliehen. Bild: Reuters

In der Nacht zum Mittwoch hat ein Feuer das griechische Flüchtlingslager Moria zerstört. Etwa 13.000 Menschen sind nun ohne Bleibe. „Man muss die Leute hier rausholen“, sagt der freie Journalist Niklas Fischer im Gespräch.

          3 Min.

          Herr Fischer, Sie berichten seit drei Monaten im Auftrag der Dresdener Hilfsorganisation Mission Lifeline über die Lage auf Lesbos. In der Nacht zum Mittwoch ist im Flüchtlingslager Moria ein verheerender Brand ausgebrochen. Wie haben Sie denn die letzten Stunden erlebt?

          Tim Niendorf

          Politikredakteur.

          Die ganze Nacht war ich mit Menschen in dem Camp in Kontakt. Heute Morgen habe ich dann versucht, nach Moria zu kommen. Das war aber leider nicht möglich, da das ganze Gebiet von der Polizei weiträumig abgesperrt ist. Selbst als Journalist mit einem Presseausweis bin ich da nicht durchgekommen.

          Wo halten Sie sich gerade auf?

          Momentan bin ich in der Hauptstadt der Insel, in Mytilene. Das liegt etwa fünf Kilometer von Moria entfernt. In dem Lager, das nun abgebrannt ist, war ich sehr häufig, um Interviews zu führen, um den Menschen eine Stimme zu geben, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Und um deutlich zu machen, was hinter dem Wort Geflüchteter steckt. Nämlich Menschen wie du und ich. Sie haben alle ihre Geschichte, ihre Ziele, ihre Träume. Und wir wollen durch mediale Präsenz den Druck auf die Politik erhöhen.

          Niklas Fischer ist freier Journalist und berichtet seit drei Monaten im Auftrag der Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline über die Lage auf Lesbos.
          Niklas Fischer ist freier Journalist und berichtet seit drei Monaten im Auftrag der Dresdner Hilfsorganisation Mission Lifeline über die Lage auf Lesbos. : Bild: privat

          Welche Bedingungen haben Sie in dem Lager vor dem Brand vorgefunden?

          Als ich nach Lesbos kam, hat mir jemand gesagt: Stell es dir vor wie ein Rockfestival. Diesen Vergleich finde ich ganz gut. Es ist tatsächlich, verzeihen Sie den Ausdruck, wie ein abgefucktes Rockfestival, wo man in einem Zelt schläft, es viel zu heiß ist, man wenig schläft und es bis zur nächsten Toilette, die man sich mit tausend anderen Menschen teilt, ein weiter Weg ist. Die Sanitäranlagen sind total dreckig, es ist laut, manchmal gefährlich, wenn Leute betrunken sind. Nur: In Moria gibt es eben keine Musik – und das Festival ist auf unbestimmte Zeit. Wer mal auf einem Festival war, weiß, dass man nach drei Tagen wieder da heraus kann, warm duschen kann. Das können die Leute hier nicht.

          Das Lager gilt schon lange als überfüllt. Es waren zuletzt 12.600 Flüchtlinge und Migranten, heißt es – bei einer Kapazität von gerade mal 2800 Plätzen.

          Genau. Die ursprünglichen 2800 Geflüchteten leben in dem richtigen Camp. Das muss ich kurz erklären: In dem großen Camp gibt es ein zentrales Camp, das mit Stacheldrahtzaun eingezäunt ist. Und alle Ankömmlinge, die später angekommen sind, haben sich ihre eigenen Bretterbuden drum herum gebaut, in diesem Dschungel, in den Olivenhainen.

          Zuletzt war das Lager unter Quarantäne gestellt worden, weil es Corona-Fälle gegeben hat. Wie kam das bei den Bewohnern an?

          Das Camp ist ja schon seit Monaten offiziell unter Quarantäne gestellt. Es gibt nur eine begrenzte Zahl, die heraus durfte. Der Lockdown wurde immer wieder verlängert. Spätestens nach Bekanntwerden des ersten Corona-Falls vergangene Woche wurden die Zügel noch einmal enger gezogen. Am Donnerstag war ich das letzte Mal im Camp, um mir ein Bild zu machen. Die Polizeikontrollen waren schon verstärkt worden. Es kam zu skurrilen Dialogen zwischen Camp-Bewohnern und der Polizei.

          Inwiefern?

          Ein Polizist fragte: Warum tragen Sie keine Maske? Da sagte der Geflüchtete: Ich habe keine Maske. Woher soll ich sie bekommen? Wenn Sie mir eine geben, trage ich sie. Daraufhin der Polizist: Nein, das kann ich nicht, aber Sie brauchen eine Maske.

          Zelte und Unterkünfte standen in der Nacht zum Mittwoch in Flammen.
          Zelte und Unterkünfte standen in der Nacht zum Mittwoch in Flammen. : Bild: dpa

          Nun, nach dem Brand, sind die Bewohner alle ohne Bleibe.

          Ich habe gehört, sie seien in die umliegenden Wälder geflohen. Die meisten sind wohl noch orientierungslos auf den Straßen.

          Der Einsatzleiter der Feuerwehr berichtete im Fernsehen, Lagebewohner hätten die Einsatzkräfte mit Steinen beworfen und versucht, die Löscharbeiten zu behindern. Wie erklären Sie sich das Verhalten?

          Das kann ich nicht bestätigen. Aber klar ist: Es herrscht unfassbar viel Frust. Es war ja klar, dass eines Tages das Virus kommen wird. Die Frage war nur: Wann? Es gab aber keine Präventionsmaßnahmen. Nach dem Ausbruch des Virus wurden die Leute noch einmal enger zusammengepfercht als zuvor. Der Regierung fiel nur ein, einen Auftrag an eine Baufirma zu gegeben, um einen großen Zaun um das ganze Lager herumzubauen. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Dieser Ärger, diese Wut, hat sich nun offenbar entladen.

          Was muss aus Ihren Augen nun geschehen? In Deutschland gibt es aus mehreren Parteien Forderungen, die Menschen hier aufzunehmen.

          Ich bin nicht aus einer politischen Motivation hier. Aber klar ist: Man muss die Leute hier rausholen. Da muss eine europäische Lösung her, da darf sich kein Land verschließen. Selbst wenn man die knapp 13.000 Menschen nur in Deutschland verteilen würde, wäre das ja eine kleine Zahl.

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