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Flüchtlingsansturm in Melilla : Notfalls mit Gewalt über den blutigen Zaun

  • -Aktualisiert am

Nur hinüber: Ein Rotkreuzhelfer erwartet Afrikaner, die sich beim Überklettern des Zauns verletzt haben könnten. Bild: AP

Die spanischen Exklaven in Marokko sind für viele Menschen „Europas afrikanische Südgrenze“. Entsprechend groß ist der Ansturm darauf.

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          Dieudonné wollte sein Schicksal nicht länger gottergeben tragen. So verließ er seine Heimat Mali, die er einen „hoffnungslosen Fall“ nennt, und begann eine lange Wanderung nach Norden. Weil der junge Grundschullehrer, noch ohne Familie, den teuren Schlepperbanden nichts bezahlen wollte, dauerte es Monate, bis er in Marokko an die „afrikanische Südgrenze Europas“ kam.

          Zwischen ihm und dem spanischen Melilla war dann nur noch ein dreifacher, sechs Meter hoher Zaun, mit etwas Scharfem an der Spitze, was in einschlägigen Kreisen „Nato-Draht“ genannt wird. In dieser Woche gehörte Dieudonné nun zu hundert von fünfhundert Schwarzafrikanern, die diesen Zaun mit blutigen Handschuhen und zerrissenen Hosen überwanden, sich dabei nur einige Knochen, aber nicht den Hals brachen und sich im Übrigen mit Steinen und Knüppeln in die spanische Exklave prügelten.

          Es war der gewalttätigste Ansturm seit langem, mit 57 Verletzten, die meisten davon spanische und marokkanische Grenzer. Gendarmen von drüben, die sich bei dem Versuch, die Eindringlinge zurückzuhalten, plötzlich zwischen den Zäunen wiederfanden, mussten sogar die Spanier bitten, ihnen in der Not das Tor aufzumachen. So spielen sich im „Niemandsland“, das sonst Anlass zu endlosen Souveränitätsdebatten böte, plötzlich Szenen nie dagewesener Solidarität ab.

          Dieudonné hat Glück gehabt. Er sitzt fröhlich mit einem „Willkommenspaket“ und einem neuen, vom Roten Kreuz bereitgestellten, blauen Trainingsanzug in dem schon überfüllten Auffanglager. In der vorigen Woche hatte es eine ähnliche Invasion von Migranten aus Kamerun gegeben. Dieudonné ist ganz zuversichtlich, dass es, wenn es nicht mit Spanien klappen sollte, doch vielleicht in Frankreich, Deutschland oder Großbritannien einen Platz für ihn geben wird. Er kennt auf jeden Fall die Fußball-Ligen all dieser Länder aus seinem Transistorradio auswendig.

          30.000 Schwarzafrikaner in den Wäldern

          Das Lager, Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes, kurz Ceti, genannt, ist für 460 Personen eingerichtet. Inzwischen sind es schon fast dreimal so viele, so dass die spanische Armee immer neue Zelte aufschlagen muss. In ihnen und den daneben liegenden Baracken drängt sich ein Ausschnitt der wandernden Weltbevölkerung von Afrika über Nahost bis Asien. Rund drei Viertel sind Männer, ein Viertel Frauen und Kinder. Im Ceti verliebt und streitet man sich. Es gibt spontane Hochzeiten und Scheidungen. Es werden Kinder gezeugt und geboren. Muslimische Algerier geraten gelegentlich wegen der Religion mit Christen aus Regionen südlich der Sahara aneinander. Aber zumeist betet man friedlich nebeneinander, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Und obwohl der Bürgermeister-Präsident von Melilla, Juan José Imbroda, gerade wieder vor einer „Hekatombe“ warnte, falls noch ein paar tausend Eindringlinge hereinkommen sollten, ist es ein kleines Wunder, dass im Ceti nicht mehr passiert.

          Willkommen? Neuankömmlinge aus Afrika, die es über den Zaun nach Melilla geschafft haben.
          Willkommen? Neuankömmlinge aus Afrika, die es über den Zaun nach Melilla geschafft haben. : Bild: REUTERS

          Ceuta und Melilla sind seit dem 15. Jahrhundert in spanischem Besitz. Der sie umgebende Staat Marokko ist erst seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts unabhängig. Ceuta und Melilla sind nun wieder die Nadelöhre für Flüchtlinge aus „gescheiterten Staaten“ vor allem südlich der Sahara, sowie neuerdings auch für einige hundert Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Hatte im vorigen Jahr vor allem das italienische Lampedusa, wo mehr als vierzigtausend Afrikaner lebend (und viele nicht mehr) angekommen waren, die meisten Schlagzeilen gemacht, so sind es in diesen Wochen das vormals portugiesische Ceuta, von dem aus man Europa mit bloßem Auge sehen kann, und Melilla, wo man immerhin ahnt, dass auf der anderen Seite des Mittelmeers das lockende Malaga liegt.

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