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Flüchtlingsansturm in Melilla : Notfalls mit Gewalt über den blutigen Zaun

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Die Afrikaner, die mit ihren zerschnittenen Händen und geprellten Gliedmaßen so ziellos wie erwartungsvoll durch diesen seltsamen Mikrokosmos irren und, wenn sie nicht im Lager eine warme Mahlzeit einnehmen, sich in den Parks mit der Polizei absurde Haschmichspiele liefern, sind in den Tourismusprospekten nicht vorgesehen. Dort heißt es, dass sie sich in Melilla, an einem „Ort der vier Kulturen“ aufhielten, die „in vollkommener Harmonie miteinander leben“.

Gemeint sind die spanischen Christen, die marokkanischen Muslime, sowie die Reste indischer und jüdischer Gemeinschaften. Wer darauf achtet, sieht die katholischen Kirchen, die Moscheen, die Synagogen und den Hindu-Tempel, die eine lange Geschichte ziemlich friedlicher Koexistenz repräsentieren. Aber die Gegenwart trägt schon die neuen Züge einer großen Veränderung: Die Demographie sorgt dafür, dass die Stadt arabischer wird und – Stierkampfarena hin oder her – das spanische Erbe mittelfristig Mühe haben wird, sich zu behaupten.

Die Mittel scheinen verbraucht

Es ist ein besonderer Anachronismus, dass Melilla die letzte Stadt Spaniens ist, in der noch unbehelligt ein Denkmal des Diktators Franco zu sehen ist. Mag der Generalissimus anderswo auf dem Festland zum Teil bei Nacht und Nebel von der Stadtreinigung abmontiert worden sein, so steht er hier unverändert wie ein Wächter der Zitadelle vor den festen Mauern Melillas, mit Stock und Fernglas um den Hals, ohne Bauch und mit der Inschrift, dass er von 1921 bis 1977 der Befehlshaber der Legion war. In dieser Funktion hat er in den dreißiger Jahren den Aufstand organisiert, welcher der zweiten spanischen Republik den Garaus machte.

Wie soll es nun weitergehen, an den beiden Nahtstellen, an denen die Migration überquillt und wo die Menschenhändlermafia für eine gefährliche Nachtpassage über die Straße von Gibraltar mehrere tausend Euro pro Kopf verlangt? Die Regierungen von Ceuta und Melilla fühlen sich alleingelassen und empören sich lauthals, wenn die EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström, mal wieder über Twitter Gummikugeln, Rauchgranaten und „heiße Abschiebungen“ moniert. In Spanien versucht die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy – in Ceuta und Melilla regiert schließlich seine konservative Volkspartei – dem Grenzschutzgesetz schärfere Zähne zu geben, ohne es mit der EU-Aufsicht zu verderben.

In Brüssel, so sieht man es vom Süden aus, geschieht gar nichts Hilfreiches, weil die Nordländer, wie schon bei den Flüchtlingswellen der vergangenen Jahren der Ansicht sind, dass das große Spanien doch wirklich alleine auf die zwei winzigen afrikanischen Außenposten aufpassen könne. Die Marokkaner sagen derweil: „Verflucht werden wir, wenn wir eingreifen und erst recht, wenn wir es nicht tun.“ Von Melilla bis Madrid verlangen die Regierenden wieder ein „europäisches Gesamtkonzept“ und vor allem mehr Geld für afrikanische Krisenländer, damit die geplagte Bevölkerung doch dort zuhause bleiben möge. Im Fall der „cayucos“, als vor ein paar Jahren Hunderte von Schlepperbooten Tausende Migranten aus der Westsahara und Mauretanien auf die Kanaren brachten, hatten sich die Europäer eine Atempause erkauft. Die Routen wurden strenger überwacht und die Herkunftsländer, wie Mali oder Senegal, bekamen Waffen, Ausrüstung und Entwicklungshilfe, um besser zu kooperieren.

Doch die Mittel scheinen verbraucht, ohne dass sich südlich der Sahara viel stabilisiert hätte. Der Druck auf Ceuta und Melilla, der wie Ebbe und Flut kommt, dürfte daher nicht nachlassen. Die gebrandmarkten und inzwischen auch eingeschüchterten spanischen Behörden haben nun bis auf weiteres den Einsatz von Gummigeschossen untersagt und die Rotkreuzhelfer verstärkt, die tapfer die manchmal in lichter Höhe hängenbleibenden Afrikaner aus dem Grenzdrahtverhau befreien. Sie befürchten nur, dass sich das drüben in den marokkanischen Wäldern sogleich herumsprechen wird.

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