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Flüchtlinge : Nichts zu verlieren - außer dem Leben

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Er ist drin. Und viele wollen ihm folgen - hinter den Zaun von Melilla Bild: AP

Wo Afrika nach Europa überquillt, wird aus einem Traum mit Risiken ein Albtraum für viele. Aber auch unter Lebensgefahr werden es die Flüchtlinge immer wieder versuchen. F.A.Z.-Korrespondent Leo Wieland berichtet aus Melilla.

          8 Min.

          Die afrikanische Nacht riecht nach verdorbenen Lebensmitteln, Fäkalien und Angstschweiß. Bei Tag sieht man von dem kümmerlichen Wäldchen auf marokkanischer Seite noch das blauheitere Meer, den blitzenden spanischen Stacheldrahtzaun und die historische Festung von Melilla. Bei Nacht sehen die Schwarzafrikaner, die sich wegen der Razzien der marokkanischen Polizei und der neuen Deportationsvereinbarungen der mediterranen Nachbarn kaum noch trauen, Feuer zu machen, nur das Weiße in den Augen der anderen.

          Willkommen an Europas Südgrenze. Der Maghreb, vorneweg Marokko, ist nicht länger nur Sprungbrett für arabische Einheimische auf dem Weg in den „Schengenraum“. Er ist nicht nur Schauplatz für humanitäre Dramen mit Starrollen für Menschenhändler, die eine multinationale Kundschaft zum Kopfpreis von rund 1500 Euro per Umweg über die Straße von Gibraltar nach Andalusien schaffen. Es sind nicht nur die Mafiosi, die die „sin papeles“ (Papierlosen) auf immer neuen Schleichwegen unterhalb des spanischen Radars auf die Kanarischen Inseln fahren oder sie auf dem Weg im Stich lassen und gar über Bord werfen. Die wahrhaft dantesken Bilder der vergangenen Tage waren die von den Afrikanern, die oft Tausende Kilometer zu Fuß durch die Wüste gegangen waren, um dann vom Berg Guguru aus zum Greifen nah das gelobte Land zu erblicken.

          Mehr spontan als organisiert

          Dort in dem Wäldchen, wo es an Wasser und Brot fehlt, wo man an diesen Herbstabenden ohne Bett und warme Kleidung schon früh zu zittern beginnt, halten sie Ratschlag über das erschwerte Wann und Wie. „Es ist der Winter“, sagen die einen auf die Frage, warum sie jetzt mit aller Macht einen Durchbruch wagen. „Es sind die Marokkaner, die jetzt schlagen, schießen und abschieben“, sagen die anderen. „Weil wir nichts zu verlieren haben, außer vielleicht unser Leben“, sagen alle mit diesen oder ähnlichen Worten. Für sechs von ihnen, die am Donnerstag von Kugeln getroffen oder von Gefährten niedergetrampelt wurden, traf genau das ein.

          Bild: F.A.Z.

          Mehr spontan als organisiert haben sie sich in dieser Woche fast täglich vor dem Morgengrauen zusammengerottet. Sie verließen die Pritschen zwischen offenen Latrinen, bandagierten sich die Hände mit Handtüchern, stopften Pappe unter die Pullover und schleiften selbstgebastelte Leitern an den fast überall von drei auf sechs Meter erhöhten Doppelzaun, der im Zehnkilometerhalbkreis mit messerscharfen Spitzen auf sie wartete. Sie heißen Patrice oder René, Eric und Mahmud. Sie sind fast ausschließlich junge Männer aus Mali, Kamerun, Guinea-Bissau und der desolaten Nachbarschaft. Armut, Arbeitslosigkeit, Abenteuerlust, Hunger, mörderische Regime, Bürgerkriege, Korruption und, wie sie mit französischem Akzent auf englisch sagen, „no future“ haben sie aus einer Heimat vertrieben, die eine immer rascher wachsende und immer jüngere Bevölkerung weder ernähren noch halten kann.

          Blutige Fingerabdrücke zeigen die Richtung an

          Der Angriff gilt immer zunächst dem Zaun und dann erst seinen Wächtern, wenn die denn rechtzeitig aufmerksam werden. Dann fliegen auch Steine, und Leitersprossen werden zu Knüppeln. Sie wissen, daß die spanischen Polizisten und die paar Hundertschaften Soldaten zwar bewaffnet sind, aber keinen „Schießbefehl“ haben. Sie wissen auch, daß die marokkanischen Sicherheitskräfte in ihrem Rücken Gummikugeln und scharfe Munition benutzen und die Zurückgedrängten dann ohne viel Federlesens hinter der algerischen Grenze aussetzen. Von dort sind die meisten oft schon in mehreren Anläufen gekommen.

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