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Flucht nach Europa : Waghalsige Passage

Flüchtlinge an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Melilla Bild: REUTERS

Menschenhändler und Schlepper passen ihre Routen nach Europa schnell neuen Bedingungen an. Für viele Flüchtlinge aus Westafrika und aus Syrien führen sie inzwischen über Marokko.

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          Die Menschenhändler passen ihre Routen von Afrika nach Europa rasch den sich ändernden Bedingungen an. Nicht mehr so interessant ist die Passage vom Horn von Afrika über den Sinai und Israel. Denn Israel versperrt den Weg mit einem Zaun, und in Afrika hat sich herumgesprochen, dass viele Migranten auf dem Sinai durch Beduinen zu Tode gefoltert werden. Wichtiger wurden damit zwei andere Landrouten. Die östliche führt über den Niger und den Süden Libyens an die Mittelmeerküste, von wo die meist schwarzafrikanischen Migranten etwa die italienische Insel Lampedusa ansteuern. Die westliche führt aus Mali durch Algerien zur Stadt Ouargla; dort verteilen sich die Migranten. Ein Teil zieht nach Algier weiter, andere nach Osten in die libysche Hauptstadt Tripolis, wieder andere nach Marokko.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Die Menschenhändler und Schlepper ziehen Regionen vor, in denen Gesetzlosigkeit herrscht und die nur schwer kontrollierbar sind“, sagt Anke Strauss, die in der marokkanischen Hauptstadt Rabat das Büro der „Internationalen Organisation für Migration“ (IOM) leitet. Daher nutzten sie zunehmend die Passage durch den sehr dünn besiedelten Süden Libyens, dessen Grenzen kaum gesichert seien. Da der Menschenschmuggel und die organisierte Kriminalität ihre Passagen flexibel anpassten, könne ihnen nur die Kooperation von Staaten Einhalt gebieten, sagt Strauss.

          In Marokko landen Wirtschaftsmigranten aus ganz Westafrika. Entweder suchen sie über die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla einen Weg nach Europa, oder sie lassen sich auf die waghalsige Passage in Gummibooten über die Straße von Gibraltar ein. Um das exponiert liegende Ceuta herum, das von hohen Zäunen umgeben ist, gibt es kaum Möglichkeiten, sich zu verstecken. Daher versuchen manche, schwimmend in den Ort zu gelangen; im Februar sind dabei mindestens 15 Personen ertrunken. Melilla hingegen ist von Wäldern umgeben, in denen mehrere tausend Menschen auf eine Chance warten, in die Exklave zu gelangen. Jeden Tag versuchen Migranten, Melilla zu stürmen. Marokkanische Sicherheitskräfte deportieren sie regelmäßig ins Landesinnere, vor allem nach Rabat, von wo sie sich wieder nach Melilla durchschlagen.

          Die Routen (orange) der Flüchtlinge nach Europa

          Die Mehrzahl der Menschen, die nach Ceuta und Melilla gelangen, sind Wirtschaftsmigranten. Sie verlassen ihre Heimat, um der Armut zu entrinnen und um Arbeit zu finden. Nur wenige sind Flüchtlinge, die aus politischen, religiösen, ethnischen oder anderen Gründen verfolgt werden. In Marokko kommen vor allem Migranten aus den westafrikanischen Staaten Nigeria, Demokratische Republik Kongo, Kamerun, Mali und Elfenbeinküste an sowie aus Guinea.

          Hinzu kommen vermehrt Flüchtlinge aus Syrien, die nicht selten in Marokko Familienangehörige haben. Die syrischen Flüchtlinge reisen in Direktflügen nach Algerien, wo sie kein Visum benötigen. Von dort aus schlagen sie sich, wie die schwarzafrikanischen Migranten, illegal über die Grenze nach Marokko durch. Etwa die Hälfte der Migranten und Flüchtlinge in Marokko gelangen über die marokkanisch-algerische Grenze bei Oujda ins Land. Die Stadt an der Grenze, die Algerien seit 1994 einseitig geschlossen hat, wird damit zu einem der wichtigsten Umschlagsplätze für Flüchtlinge und Migranten.

          Die marokkanische Regierung gewährt den auf mehrere tausend geschätzten syrischen Flüchtlingen keinen Flüchtlingsstatus, obwohl Marokko die UN-Flüchtlingskonvention 1957 unterschrieben hat und daher rechtlich dazu verpflichtet wäre. Sie hat Ende 2013 eine neue Migrations- und Asylpolitik verabschiedet, die auch eine Amnestie für bestimmte Kategorien von irregulären Migranten beinhaltet. Ihre Zahl wird auf rund 40.000 geschätzt. Bei 32 Millionen Einwohnern hat Marokko damit kein drängendes Migrationsproblem. Wer sich anmeldet und seinen Aufenthalt damit legalisiert, erlangt Rechte, wie sie den Bürgern Marokkos zustehen - etwa das Recht auf Bildung, auf einen Arbeitsplatz oder auf medizinische Versorgung. Die meisten Migranten haben aber keine Papiere und wollen weiter nach Europa.

          Marokko habe sich gegenüber der EU verpflichtet, seine Grenze im Norden und vor allem um die Exklaven Ceuta und Melilla zu sichern, sagt Strauss. Das Land versuche, die Migranten im eigenen Land zu halten. Dabei sei Marokko einem ähnlichen Migrationsdruck ausgesetzt wie die Türkei und Mexiko. Sie seien Durchgangsstationen mit einem Migrationsdruck aus dem Süden und wirtschaftlich starken Nachbarn im Norden, die ihre Grenze stark sicherten. „UN-Organisationen und die IOM unterstützen Marokko zweifach“, sagt Strauss. Sie helfen der Regierung, die neue Migrations- und Asylpolitik umzusetzen, neue Gesetze für Migration, Asyl und gegen Menschenhandel sowie auch Maßnahmen zur Integration zu erarbeiten. Ferner setzen sie sich - jenseits der politischen und juristischen Fortschritte - für die menschenwürdige Behandlung dieser Menschen auf spanischer und marokkanischer Seite ein.

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