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Flüchtlinge im Mittelmeer : „Man kann Tote nicht verhindern“

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Ein Mann wird mithilfe von Rettungsringen und Seilen gerettet, nachdem er beim Versuch, die maltesische Küste schwimmend zu erreichen, von Bord der „Sea-Watch 3“ sprang. Erst nach knapp drei Wochen darf das Schiff im Hafen Maltas einlaufen. Bild: AFP

Mittlerweile kommen weniger Flüchtlinge nach Europa – doch die Todesrate auf dem Mittelmeer ist dramatisch gestiegen. Zivile Seenotretter berichten, wie sich die Lage in den vergangenen Jahren immer weiter verschlimmert hat.

          Immer weniger Migranten und Flüchtlinge kommen inzwischen nach Europa. Im Dezember 2018 ist die Zahl illegaler Einwanderer in die EU laut dem Europäischen Rat im Vergleich zum Höchststand im Oktober 2015 um 95 Prozent gesunken. Die am Mittwoch vorgestellten Statistiken des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zeigen auch für Deutschland einen deutlichen Abwärtstrend: Während 2016 noch über 745.000 Menschen Asyl in Deutschland beantragten, waren es 2018 noch rund 162.000 Erstanträge. Die Zahlen bedeuten jedoch nicht, dass sich die Lage an den EU-Außengrenzen und insbesondere im Mittelmeer entspannt hätte. Im Gegenteil.

          Eine Studie des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) zeigt, dass die Befahrung der Mittelmeerroute gefährlicher ist denn je. Die Todesrate der Menschen, die von Libyen aus das Mittelmeer überqueren, um über Italien nach Europa einzureisen, hat sich in der ersten Jahreshälfte 2018 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Laut den Vereinten Nationen überlebt durchschnittlich einer von 18 Menschen die Reise nicht.

          Das liege zum Großteil daran, dass die EU sich seit 2017 immer mehr von der Rettung in Seenot Geratener zurückgezogen habe, sagt Ruben Neugebauer, einer der Mitgründer der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea Watch. Der Rückzug wird dieser Tage umso deutlicher: Erst am Dienstag verkündete die Bundesregierung, Deutschland werde sich nicht mehr mit Schiffen an der Operation „Sophia“ beteiligen, die neben der Bekämpfung von Schleusern auch die Seenotrettung als Ziel hat. Einer der Gründe für die Entscheidung war der Deutschen Presse-Agentur zufolge, dass Italien die Aufnahme der Geretteten verweigere und somit Unklarheit herrsche, was mit diesen geschehen sollte.

          „Als wir 2015 angefangen haben, mit der ‚Sea Watch 1‘ das Mittelmeer zu befahren, haben die italienische Küstenwache, die Marine und die Rettungsleitstelle in Rom noch sehr viel getan, um Menschen in Seenot zu retten. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis“, erzählt Neugebauer. Doch schon damals habe die EU Italien mit der Verantwortung für die ankommenden Menschen größtenteils allein gelassen. Schließlich habe sich dann auch Italien aus der Affäre gezogen.

          Kriminalisierung der zivilen Seenotretter

          Mit dem Rückzug der staatlichen Behörden habe zunächst eine Reihe ziviler Organisationen die Seenotrettung übernommen, so Neugebauer. Laut UNHCR haben von Januar bis Juli 2017 acht NGOs insgesamt 39.000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Einen besonderen Anstieg habe es nach der Schließung des Abkommens zwischen der EU und der Türkei gegeben, durch das faktisch die Balkanroute geschlossen wurde, erzählt Sophie Tadeus, die im Vorstand von Jugend Rettet sitzt. Was heute oft als erfolgreiche Eindämmung der Migrationsbewegung ausgelegt werde, habe eigentlich nur zu einer Verschiebung der Fluchtroute geführt. „Das Abkommen hat die Menschen auf die zentrale Mittelmeerroute gezwungen“, sagt sie.

          „Parallel zum Rückzug der EU aus der Seenotrettung begann aber auch eine Kriminalisierung der Zivilorganisationen, die diese Arbeit übernommen haben. Wir waren permanenten, teilweise absurden Vorwürfen ausgesetzt“, berichtet Neugebauer. „Wir wurden zum Beispiel beschuldigt, Lichtsignale an die libysche Küste zu senden, um Flüchtlinge anzulocken. Das ist aber aufgrund der Erdkrümmung rein geometrisch gar nicht möglich, weil wir nie nah genug an die libysche Küste herangefahren sind.“

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