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Flüchtlinge im Jemen : Kein Glück am anderen Ende des Meeres

Lageralltag: Eine Mutter mit ihren beiden Kindern vor der zum Trocknen aufgehängten Wäsche der Familie Bild: Rainer Hermann

Zehntausende Somalier und Äthiopier stranden Jahr für Jahr im Jemen. Sie wollen der Gewalt und der Not in ihrer Heimat entfliehen. Aber der Weg endet für fast alle im harten Alltag eines Lagers - wenn sie die Überfahrt überhaupt überstehen.

          6 Min.

          Fartun ist der Hölle entkommen. Sie lebt, sie hatte Glück. Jemenitische Fischer haben sie und ihre drei Kinder gerettet. Erst ein paar Tage ist es her. Das überladene Boot war zwei Nächte und einen Tag unterwegs. Keiner der somalischen Flüchtlinge hatte sich bewegen dürfen. Das hätte das kleine Boot zum Kentern gebracht. Bei jeder Bewegung schlug der Schleuser hemmungslos auf sie ein. Endlich näherten sie sich der rettenden Küste. Ein Boot der jemenitischen Küstenwache tauchte auf.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Mit einem Knüppel drosch der betrunkene Kapitän enthemmt auf die Männer und Frauen ein, auf die Alten und die Kinder – damit sie so schnell wie möglich ins Wasser springen und er abdrehen kann. „Die meisten ertranken“, berichtet die 24 Jahre alte Fartun apathisch. Mitarbeiter der jemenitischen Nichtregierungsorganisation „Vereinigung für humanitäre Solidarität“ fanden sie und andere Überlebende. Mit Lastwagen fahren sie Tag für Tag die Küstenstraße auf und ab, sammeln Flüchtlinge ein und beerdigen die Toten. In diesem Jahr begruben die Helfer der „Vereinigung für humanitäre Solidarität“ schon 131 Flüchtlinge am Strand, 66 Personen werden noch vermisst. 2009 wird ein trauriges Rekordjahr.

          Drei Friedhöfe entlang der Grenze

          „Am vergangenen Mittwoch, als sich zwei Flüchtlingsboote der Küste näherten, kam es zu einer Schießerei“, sagt Nasser Baidscharub, der für die Organisation arbeitet. „Ein Boot sank, 25 Personen ertranken.“ Drei Friedhöfe hat die „Vereinigung für humanitäre Solidarität“ entlang der Grenze schon angelegt. Im vergangenen Jahr fanden sie mehr als 360 Leichen von Ertrunkenen, die angeschwemmt wurden, oder von Flüchtlingen, die am Strand vor Erschöpfung starben.

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          Dehydriert und völlig entkräftet kommen die Flüchtlinge an Land. Der 26 Jahre alte Salah Ahmad war noch vor wenigen Tagen an Bord eines Flüchtlingsboots. 200 Dollar hatte er für die Überfahrt bezahlt. Wie drei Alten, die der Kapitän auf hoher See erst beinahe tot prügelte, bevor er sie über Bord warf, damit das Boot schneller fuhr. Salah wusste, auf welche Brutalität und Strapazen er sich einließ. Sein erster Fluchtversuch war gescheitert. Und doch ging er das Risiko wieder ein. Nun bekommt er an den ersten fünf Tagen im Lager Kharaz jeden Tag warme Mahlzeiten, sogar Fleisch.

          Die Verlockungen sind so groß

          Die humanitäre Flüchtlingstragödie am Golf von Aden übertrifft jene im italienischen Lampedusa und an anderen Orten nördlich des Mittelmeers stranden. In Lampedusa landen Flüchtlinge aus ganz Afrika, an den Küsten des Jemen Somalier und auch Äthiopier. Die Weltöffentlichkeit nimmt diese Tragödie indes kaum zur Kenntnis. 1991 hatte die erste Flüchtlingswelle aus Somalia eingesetzt. „Seither gab es Flüchtlingsdramen im Irak und in Afghanistan, in Ruanda und im Sudan“, sagt Leila Jane Nassif vom flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR. „Drei große Flüchtlingsrouten führen aus Somalia“, sagt sie und zeichnet die Wege der Flücktlinge auf einer Landkarte nach.

          Eine führt nach Europa, endet aber meist in Libyen oder noch davor. Der Weg nach Süden hat Südafrika zum Ziel, der nach Osten die Arabische Halbinsel. Wer nach Saudi-Arabien will, wählt einen Schleuser für das Rote Meer. Wem in den Vereinigten Arabischen Emiraten das Paradies versprochen wurde, wählt den Golf von Aden. Die Verlockungen sind so groß. Viele aber überleben die Hölle der Überfahrt nicht, und für die Überlebenden beginnt in den Lagern und Städten des Jemen ein harter Alltag.

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