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Flüchtlinge : Der irakische Exodus

Bild: F.A.Z.

Die Innenminister beraten von heute an über die Aufnahme christlicher Flüchtlinge aus dem Irak. Die religiösen Minderheiten dort trifft der Hass der Islamisten besonders hart: Eine Vertreibung durch Autobomben, Raketenangriffe und Entführungen.

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          Die Redakteure hatten nur das Fragezeichen vergessen. In Eilmeldungen des irakischen Senders „Iraqia“ hieß es in der vergangenen Woche, Deutschland werde irakische Flüchtlinge aufnehmen. Schon am nächsten Morgen drängten sich die ersten Iraker vor der deutschen Botschaft in Bagdad in der Hoffnung, die begehrte Einreiseerlaubnis zu erhalten. Doch in Berlin diskutierten deutsche Politiker zu diesem Zeitpunkt noch darüber , was erst jetzt Wirklichkeit zu werden scheint.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Pfarrer Emanuel Youkhana müsste eigentlich erleichtert darüber sein, dass sich besonders für die bedrohten Christen die Türen einen Spalt breit öffnen. Mit dem „Christian Aid Program“ versucht der Geistliche der Assyrischen Kirche des Ostens denjenigen zu helfen, die von mordenden islamistischen Terroristen bedroht werden. „Am ersten Tag werden zehn Familien kommen, am nächsten hundert, und bald werden es tausend sein. Indirekt trägt Deutschland damit zum Verschwinden der Christen aus dem Irak bei. Genau das wollen die Terroristen“, befürchtet er.

          Flucht der ältesten religiösen Minderheiten

          Seine Sorge teilen auch andere irakische Politiker. „Wenn sie erst einmal in Deutschland sind, sind sie für den Irak verloren. Sie werden nie mehr in ihre alte Heimat zurückkommen“, erwartet Emanuel Khoshaba. Der christliche Politiker aus dem nordirakischen Dohuk ist stellvertretender Generalsekretär der Assyrischen Patriotischen Partei.

          Trauer nach Attentat auf den orthodoxen Priester Youssed Adel Anfang April in Bagdad
          Trauer nach Attentat auf den orthodoxen Priester Youssed Adel Anfang April in Bagdad : Bild: AP

          Aber der Exodus der Christen und anderer Minderheiten, die zu den ältesten auf der Welt gehören, ist nicht mehr aufzuhalten. Als im März vor fünf Jahren die amerikanisch geführte Militärinvasion im Irak begann, lebten nach Schätzungen westlicher Diplomaten in Bagdad noch knapp eine Million Christen im Land. Heute sind es nur noch knapp halb so viele. Aus der größten Gruppe unter den Christen stammen auch die meisten Flüchtlinge: Nach Zahlen der Gesellschaft für bedrohte Völker lebten 2003 noch etwa 650.000 Assyro-Chaldäer im Irak.

          Im Visier der Terroristen

          Drei Viertel von ihnen haben seitdem ihre Heimat, das Zweistromland, in dem sie Assyrer, Babylonier und Aramäer zu ihren Vorfahren rechnen, verlassen. Als „Spione“ und fünfte Kolonne der ausländischen Truppen aus dem (christlichen) Westen trifft sie der unerbittliche Hass islamistischer Terroristen. Daran änderte auch die verbesserte Sicherheitslage der vergangenen Monate nichts: „Sie bleiben die am stärksten gefährdeten Iraker“, sagen auch westliche Diplomaten in Bagdad.

          Die Nachrichten, die Tag für Tag aus dem Irak kommen, sprechen für sich. Anfang April wurde ein syrisch-orthodoxer Priester in Bagdad ermordet, nachdem man im März den chaldäisch-katholischen Erzbischof von Mossul tot aufgefunden hatte. Paulos Faradsch Raho hatten radikale Muslime im Februar entführt. Viel größer ist die Zahl unbekannter Opfer, die in keiner Statistik Erwähnung finden. Mord, Vertreibung und Anschläge auf Kirchen gehen weiter - selbst betagte Nonnen und Kleinkinder werden von den Tätern nicht verschont, die sich zudem oft noch am Besitz der Christen bereichern.

          Mit Autobomben gegen Christen, Jeziden, Mandäer

          Von den christlichen Bewohnern des Bagdader Stadtteils Doura verlangten Islamisten im vergangenen Frühjahr zunächst, „Schutzgeld“ zu entrichten, später zudem den Übertritt zum Islam. Schließlich ließen sie mehr als hundert Familien nur fliehen, nachdem sie ihren ganzen Besitz zurückgelassen hatten.

          Kaum besser ergeht es den anderen nicht-christlichen Minderheiten im Irak. Am härtesten traf es im vergangenen Sommer die Yeziden, eine Jahrtausende alte Glaubensgemeinschaft, die weder christlich noch muslimisch ist. Am 14. August 2007 explodierten unweit von Sindjar mehrere Autobomben und töteten mehr als 350 Yeziden. 550 Tote beklagt die Religionsgruppe, die im Irak etwa eine halbe Million Mitglieder zählt, allein in den vergangenen zwei Jahren. Viele von ihnen sind geflohen. In Deutschland leben mittlerweile 45.000 Yeziden.

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