https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/fluechtlinge-aus-syrien-die-tragoedie-des-21-jahrhunderts-16661310.html
Bildbeschreibung einblenden

Flüchtlinge aus Syrien : Die Tragödie des 21. Jahrhunderts

Vertrieben durch die türkische Militäroffensive hausen im November Menschen aus der Ortschaft Ras Al Ain im Flüchtlingslager Washu Kanyia nahe der Stadt Al Hasskeh in Syrien. Bild: Daniel Pilar

In den vergangenen neun Jahren sind Millionen Menschen aus Syrien in Richtung Europa geflohen. Was waren die wichtigsten Etappen – und welche Länder haben die meisten Flüchtlinge aufgenommen? Ein Überblick.

          5 Min.

          Wie viele Menschen sind seit 2011 aus Syrien geflohen?

          Aus keinem anderen Land sind so viele Menschen geflohen wie aus Syrien. Das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) gab 2018 die Zahl der Syrer, die seit 2011 ihr Land verlassen haben, mit 6,7 Millionen an. Unter dem Mandat des UNHCR sind weltweit 20,4 Millionen Flüchtlinge registriert. Von ihnen stammen 67 Prozent aus fünf Ländern. Das sind neben Syrien Afghanistan (2,7 Millionen), der Südsudan (2,3 Millionen), Burma (1,1 Millionen) und Somalia (0,9 Millionen).  

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Derzeit leben in Syrien 19,5 Millionen Menschen. 6,6 Millionen von ihnen – also rund 30 Prozent – sind Binnenflüchtlinge, die der Krieg zu einer Flucht innerhalb Syriens gezwungen hat. Mindestens jeder dritte Binnenflüchtling ist seit 2011 wiederholt vertrieben worden. So handelt es sich bei mehr als Hälfte der Bevölkerung Idlibs um wiederholt vertriebene Binnenflüchtlinge, die keine Chance mehr hatten, ins Ausland zu fliehen. Die Nachbarstaaten nehmen seit März 2016 nur noch wenige Flüchtlinge auf.

          Was waren die wichtigsten Etappen dieses Flucht-Dramas?

          Im März 2013 hatte das UNHCR in Syrien erst 420.000 Flüchtlinge registriert. Die Menschen hatten die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende gehen werde, sie blieben daher überwiegend in Syrien. Von April 2013 bis März 2016 ereigneten sich jedoch vier große Fluchtwellen. Drei von ihnen wurden von Offensiven des Regimes ausgelöst, so dass Syrer, die nicht unter dem Regime leben wollten, ins Ausland flüchteten. Auslöser der vierten Welle war der Eroberungsfeldzug dschihadistischer Milizen in Nordsyrien.

          Die erste große Fluchtwelle begann im April 2013, als Truppen des Regimes, unterstützt durch die libanesische Hizbullah, grenznahe Regionen zum Libanon von Rebellengruppen zurückeroberten und bis nahe Aleppo vorstießen. Im April 2013 eroberten das Regime und die Hizbullah die strategische wichtige Stadt al Qusair nahe der Grenze zu Libanon, kurz danach überstieg die Zahl der Flüchtlinge erstmals die Grenze von 1 Million.

          Die nächste große Fluchtwelle zog sich über zwölf Monate von September 2013 bis September 2014 hin, als die Zahl der Flüchtlinge kontinuierlich von 2 Millionen auf 3 Millionen stieg. Ein Auslöser war die erste große Offensive des Regimes auf Aleppo; in den ersten drei Quartalen 2014 kam der Siegeszug dschihadistischer Milizen in Nordsyrien hinzu.

          Schließlich machte die Zahl der Geflohenen im Januar 2015 einen großen Sprung, als die Nusra-Front, ein Ableger von Al Qaida, die Provinz Idlib und andere Regionen im Nordwesten Syriens eroberte.

          Die letzte große Fluchtwelle löste von August 215 bis April 2016 die Schlacht um Aleppo aus. Im Dezember 2016 nahmen die von iranischen Milizen und der russischen Luftwaffe unterstützten Truppen des Regimes Aleppo ein.

          In welchen Ländern leben die meisten syrischen Flüchtlinge?

          Die Türkei hat 3,6 Millionen Flüchtlinge aufgenommen und damit mehr als jedes andere Land. Aufgrund des Geburtenzuwachses wird die Zahl der Syrer in der Türkei auf bis zu 4 Millionen geschätzt. Der Libanon nahm 930.000 syrische Flüchtlinge auf, womit etwa jeder fünfte Einwohner des Landes ein syrischer Flüchtling ist. In Jordanien registrierte das UNHCR 660.000 syrische Flüchtlinge, im Irak (insbesondere in der autonomen Kurdenregion) 245.000, und in Ägypten 130.000.

          Kanada hat etwa 100.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, die Vereinigten Staaten 20.000.

          Wie viele Syrer sind in die EU und nach Deutschland gelangt?

          Seit 2011 gelangten etwa 1 Millionen Syrer nach Europa, wo sie Asyl beantragt haben oder als Flüchtlinge registriert sind. In Deutschland leben 780.000 Syrer, sie stellen dort die größte Gruppe Schutzbedürftiger. Nur in der Türkei und im Libanon haben sich seit dem Beginn des Kriegs mehr Syrer niedergelassen. 

          In Schweden lag die Zahl der Syrer 2011 bei noch bei niedrigen 20.000; sie ist seither auf 160.000 gestiegen. In allen anderen EU-Ländern liegt die Zahl der syrischen Flüchtlinge wesentlich darunter.

          Über welche Routen flohen die Flüchtlinge?

          Die meisten Syrer, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben, nutzten erst die östliche Mittelmeerroute von der Türkei nach Griechenland. Von dort nahmen sie die westliche Balkanroute. 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeskanzler Olaf Scholz und Präsident Joe Biden auf dem G-7-Gipfel in Elmau

          Russische Öleinnahmen : Ein Rückschlag für den Westen

          Russland profitiert vom steigenden Ölpreis. Ein Preisdeckel, über den auf dem G-7-Gipfel in Elmau beraten wird, könnte eine Lösung sein. Die Folgen sollten aber genau geprüft werden.

          Supreme Court : Kulturkampf der Richter

          Abtreibung und Waffenrecht: Der Supreme Court urteilt gegen gesellschaftliche Mehrheiten in den Vereinigten Staaten. Das birgt Risiken für die Republikaner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.