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Ankunft in Budapest und Prag : An der Grenze des Möglichen

Riesiger Andrang: Ukrainische Flüchtlinge bei der Registrierung im Kongresszentrum in Prag Bild: AP

Ungarn hat die Organisation der ankommenden Kriegsflüchtlinge in staatliche Hand gegeben. Die Tschechische Republik setzt weiter auf private Initiativen – und will, dass manche der Geflüchteten länger bleiben.

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          In den Bahnhöfen Keleti und Nyugati in Budapest entlud sich vergangene Woche jede Stunde ein Zug. Sie kamen aus Richtung Osten und waren voll mit Menschen aus der Ukraine. Gleich neben dem Ankunftsgleis wiesen blau-gelbe Schilder in einen Wartebereich, wo die Flüchtlinge erste Unterstützung erhielten: einen Becher heißen Tee oder etwas zu essen, Kleidung und Hygieneartikel. Helfer in gelben Westen teilten die Sachen aus, einige trugen ein Schild um den Hals, das ihre ukrainischen oder russischen Sprachkenntnisse auswies: Die Freiwilligen stammten teils aus Hilfsorganisationen, die schon während der Flüchtlingskrise von 2015 tätig waren. Teils waren sie aber auch einfach spontan an den Bahnhof gekommen. So wie Gergö Molnár.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
          Niklas Zimmermann
          Redakteur in der Politik.

          Er hatte ein Schild mit der Aufschrift „Koordinator“ umhängen, was von manchen Helfern mit Ironie kommentiert wurde. Er vermittelte Fahrgelegenheiten zu Quartieren, die Privatleute kostenlos anbieten. Dabei schien Gergös größte Sorge zu sein, dass die Kriegsflüchtlinge, meist Frauen mit ihren Kindern, nicht Menschenhändlern oder Vergewaltigern in die Hände fielen. Er vermittle nur an regis­trierte und bekannte Adressen, versicherte er. Und er notiere sich stets die Namen und Nummernschilder der Fahrer.

          Dann stellte er eine merkwürdige Frage: Ob es denn stimme, dass die Verhältnisse in Deutschland so paradiesisch seien, dass jeder Flüchtling dort sofort Geld und Arbeit erhalte? Das nehmen offenbar viele der Flüchtlinge an. Geradezu offensiv habe mit solchen Behauptungen vor einigen Tagen ein Mann geworben, der dann viele Frauen und Kinder in einen weißen Bus ohne jegliche Aufschrift geladen habe.

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          Neben einem Tisch mit Binden und Windeln stand Valerie, eine junge Frau. Sie hat andere Gründe, hier zu helfen: Sie lebe seit ein paar Jahren in Budapest, komme aber aus Russland, sagte sie, und da habe sie nicht anders gekonnt: „Weil die Situation ganz fürchterlich ist.“ Die Flüchtlinge wirkten übermüdet, doch eine Dame aus Kiew mochte eines doch betonen: Wie überaus freundlich und hilfsbereit sie die Ungarn empfinde; damit habe sie nicht gerechnet. Ob da in der vorherigen Sorge das Wissen mitschwang, wie kritisch gegenüber der Ukraine die Politik der ungarischen Regierung in den vergangenen Jahren war? Das habe sie nicht verstanden, sagte die Dame, sie spreche doch nicht so gut Englisch.

          Seit Montag ist alles anders

          Andrea Gal packt seit Anfang März mit an und hat dafür Urlaub genommen. Als Sozialarbeiterin sei sie eben jetzt hier gefragt. Es sei ihr wichtig, in zwanzig Jahren in die Augen ihrer Kinder sehen zu können und sich nicht schämen zu müssen. Ein großes Problem sei es, dass die Ukrainer zwar kostenlos mit der Bahn fahren dürften – aber für den ungarischen Streckenteil in internationalen Zügen eine Platzkarte bräuchten. Die könnten die meisten nicht bezahlen, weil sie ukrainisches Geld dabeihätten, das niemand annimmt. Also griffen die Helfer oft in die eigene Tasche, um für die Platzkarten auszuhelfen. Und was tut die ungarische Regierung? Darüber sagte Andrea nur so viel: Hier seien bloß zivile Organisationen und Freiwillige zu sehen.

           Andrea Gál, Sozialarbeiterin und ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, am Nyugati-Bahnhof in Budapest
          Andrea Gál, Sozialarbeiterin und ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, am Nyugati-Bahnhof in Budapest : Bild: Stephan Löwenstein

          Genau das hat sich in der Nacht zum Montag grundlegend geändert. Seitdem hat die Regierung die Organisation der Flüchtlinge übernommen, die zum allergrößten Teil nicht im Land bleiben, sondern nach Westen weiterreisen wollen. Alle Züge aus Richtung der ukrainischen Grenzübergänge werden nun zum Bahnhof Köbanya umgeleitet, der an der Peripherie der Hauptstadt liegt. Dort können Flüchtlinge sich in einer „Transitzone“ stärken, dann werden sie mit dem Bus in ein Übergangsquartier gebracht, eine Turnhalle in der Nähe des Bahnhofs Keleti.

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          Die Regierung des national-konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orban hatte gelegentliche Kritik an angeblicher Untätigkeit zuvor zurückgewiesen: Man unterstütze die anerkannten Hilfswerke, wie die Malteser, wolle aber keine Parallelstruktur aufbauen. Orban besuchte vorige Woche die Grenzübergänge Ba­ra­bas und Zahony. Er lobte die Arbeit der Organisationen dort. In Budapest hingegen hat der staatliche Katastrophenschutz die Sache überantwortet bekommen. Für die im Wahlkampf stehende Regierung könnte ein Effekt darin liegen, dass schon äußerlich keine Anklänge an die chaotische Situation von 2015 am Bahnhof Keleti entstehen. Die Mitarbeit der Freiwilligen und Hilfsorganisationen, hat das Ministerpräsidentenamt verlauten lassen, sei im Rahmen der organisierten Unterbringung weiter willkommen. Das ist ein weiterer Unterschied zu 2015.

          Auch die deutschsprachigen Christen helfen

          In Prag begann am Wochenende eine Versammlung von rund zwanzig freiwilligen Flüchtlingshelfern mit einer Andacht: „Herr Jesus, geboren unter den Bomben von Kiew, erbarme dich unser. Herr Jesus, gestorben in den Armen deiner Mutter in einem Bunker in Charkiw, erbarme dich unser“, betete Reinhard Kaiser, der Küster der deutschsprachigen katholischen Pfarrei in Prag, vor. Dann ging es im Garten des leer stehenden Hotels zum heiligen Johannes zur Sache, das neben der von den deutschsprachigen Katholiken genutzten Kirche Sankt Johannes von Nepomuk am Felsen steht. Die Helfer nahmen Laubbesen und Astsägen zur Hand, um einen halbwegs einladenden Eindruck zu erzeugen. Bis zum Monatsende sollen in den Räumen bis zu 15 ukrainische Kleinfamilien und damit rund 50 Menschen Platz finden.

          Reinhard Kaiser von der deutschsprachigen Pfarrei in Prag empfängt rund 20 Freiwillige, um das Hotel zum heilgen Johannes herzurichten.
          Reinhard Kaiser von der deutschsprachigen Pfarrei in Prag empfängt rund 20 Freiwillige, um das Hotel zum heilgen Johannes herzurichten. : Bild: Niklas Zimmermann

          Wie es um die Aufnahme der ukrainischen Kriegsflüchtlinge in Prag steht, illustriert am besten die Szenerie vor dem Kongresszentrum im Süden der Stadt. Der Andrang vor dem riesigen Gebäude hielt sich scheinbar in Grenzen. Doch wer einen Blick durch die Glasfront wagte, erkannte die Warteschlangen im Inneren. In dem Zentrum müssen sich alle Flüchtlinge, die in Prag und Mittelböhmen ankommen, registrieren. Für die ganze Stadt gilt: Die Zehntausende Neuankömmlinge fallen in der Metropole mit ihren über 1,3 Millionen Einwohnern kaum auf. Allerdings wird ihnen vor der Registrierung auf Tafeln mitgeteilt: „Die Unterkunftskapazitäten in Prag sind bereits erschöpft.“

          In dieser Lage tun die nicht staatlichen Initiativen, was sie können – so wie die deutschsprachigen Christen, die vor wenigen Tagen vom Prager Erzbistum die Schlüssel für das leer stehende Hotel erhielten. Für die Frauen und Kinder aus der Ukraine sehen die Betreiber keine Vollversorgung, sondern eine Art Wohngemeinschaft vor. Jeder der 15 Räume verfügt über ein Badezimmer, die Küche müssen sich die Familien teilen. Die Selbstversorgung halten auch erfahrene Akteure der Flüchtlingshilfe für die Dauer von einigen Monaten für sinnvoll. Eine Sprecherin der tschechischen Hilfsorganisation „Mensch in Not“ schlägt gegenüber der F.A.Z. ferner den Bau von Modulhäusern vor, die Platz für bis zu 25 Personen bieten können.

          Prags Warnung an Deutschland

          Unabhängig von der großen Hilfsbereitschaft scheinen die Möglichkeiten in der Tschechischen Republik, die bisher über 270 000 Kriegsflüchtlinge aufgenommen hat, endlich zu sein. „Tschechien balanciert an der Grenze seiner Kapazität“, sagte am Sonntag der tschechische Innenminister Vit Rakusan. Diese Aussage kombinierte er mit einer Ansage an die westlichen Nachbarländer. Sollten weiterhin so viele Menschen aus der Ukraine fliehen, müsse sich ganz Europa öffnen, äußerte der Minister. Die Warnung an Berlin: Die Züge und Busse, in denen schon jetzt Ukrainerinnen mit oder ohne Kinder nach Deutschland weiterreisen, dürften voller werden.

          Wenn in der Tschechischen Republik die Kapazitäten ausgeschöpft sind, könnten sich mehr ukrainische Flüchtlinge den Zug nach Deutschland nehmen.
          Wenn in der Tschechischen Republik die Kapazitäten ausgeschöpft sind, könnten sich mehr ukrainische Flüchtlinge den Zug nach Deutschland nehmen. : Bild: EPA

          So dramatisch sehen die Hilfsorganisationen im Land die Lage nicht. „Wir schätzen, dass die Tschechische Republik in der Lage ist, ohne den Bau von Flüchtlingsunterkünften bis zu einer halben Million Flüchtlinge aufzunehmen“, sagt die Sprecherin von „Mensch in Not“. Bisher sei die Regierung weit davon entfernt, das volle Potential der Unterkunftskapazitäten zu nutzen. Aussagen gegenüber den Flüchtlingen vor dem Kongress, wonach die Kapazitätsgrenzen demnächst erreicht würden, stehen dazu in offenkundigem Widerspruch.

          Gleichwohl lässt sich der Regierung in Prag kaum fehlende Solidarität vorwerfen. Innenminister Rakusan betonte am Sonntag neben seiner Warnung auch die Chancen, die sich mit der kriegsbedingten Zuwanderung ergeben könnten: „Wenn sich die Kinder in der Schule anpassen, die (tschechische) Sprache lernen, können sie in unseren entvölkerten Regionen ein interessanter demographischer Gewinn sein.“

          Auch die tschechische Wirtschaft hofft auf die Flüchtlinge als mögliche Arbeitskräfte. So verteilen vor dem Prager Kongresszentrum zwei junge Frauen Flugblätter der Supermarktkette Kaufland: Lageristinnen und Reinigungskräfte gesucht! Seit diesem Montag können die Neuankömmlinge aus der Ukraine sogar ohne Arbeitserlaubnis eine Arbeit im Land aufnehmen. Die Lageristin würde im Monat mehr als 40 000 Tschechische Kronen verdienen (rund 1620 Euro. Das liegt immerhin über dem Durchschnittsgehalt des Landes.

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