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Flüchtlinge aus der Ostukraine : Zuflucht im Erholungsheim

Der stellvertretende Gouverneur Bondarjew (sitzend) in einer Fragestunde Bild: Friedrich Schmidt

In Russland finden Flüchtlinge aus der Ostukraine in einem Ort nahe der Grenze Schutz vor vermeintlichen Faschisten. Sie berichten von dem, was in Moskau „Strafoperation“ gegen einen „Landsturm“ heißt.

          Tiefer Frieden herrscht im Erholungsheim „Dmitrijadowskij“, und doch ist der Krieg allgegenwärtig. Er beherrscht die Gedanken und Gespräche der Menschen aus der Südostukraine, die seit einigen Tagen in den Bungalows hinter dem grellblauen Tor untergebracht sind. Das Heim liegt auf einem weitläufigen, zum Asowschen Meer hin abfallenden Gelände im Dorf Dmitrijadowka. Backsteinhäuschen, staubige Straßen, Obst- und Gemüsegärten in der Sonne. Die Grenze zur Ukraine verläuft rund fünfzig Kilometer von hier. Viele nennen die Neuankömmlinge Flüchtlinge, andere sprechen von Gästen oder Nachbarn; die russischen Ukrainer, ukrainischen Russen wissen selbst noch nicht genau, was davon sie sind. Ob und wie lange sie in Russland bleiben wollen, müssen, können. Doch eint sie die Gewissheit, in ihrer Heimat, in Slawjansk, Swerdlowsk, Luhansk, nicht länger vor der Regierung in Kiew sicher zu sein, vor den, so sehen sie es, „Faschisten“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Schon zu sowjetischer Zeit erfüllte das Heim in Dmitrijadowka seinen Zweck; keine Zeitenwende konnte seinen Charme brechen. Die Wände im Kulturhaus, einem Gemeinschaftsbau im Zentrum der Anlage, sind hellgrün gestrichen. Kinderzeichnungen zeigen eine Sonne mit Kussmund, einen Regenbogen, rote Blumen. Die Ventilatoren an der Decke stehen still. An einem Ende des Raumes harren alte Bücher neuer Leser. Auf Tischen liegen Zettel mit Fragen, die die Ukrainer beantworten sollen, etwa, mit wem sie gekommen und wie alt sie sind, welchen Beruf sie haben, wo sie in Russland wohnen und arbeiten möchten. 431 Ukrainer zählt die Ferienlagerleitung an diesem Tag, an dem im fernen Kiew Petro Poroschenko ins Präsidentenamt eingeführt wird. 228 Kinder und 203 Erwachsene – fast nur Frauen. Die Männer blieben in der Ukraine zurück. Oder aus der Sicht der Leute hier: in den „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk.

          „Wie sollen wir dort leben?“

          Die „Ältesten“, die Vorsteherinnen der Gruppen der Ukrainer im Erholungsheim, werden über ein Megafon herbeigerufen. Um einen Tisch versammeln sich mehrere Frauen. Sie berichten von dem, was in Kiew „Antiterroroperation“ gegen „Separatisten“, in Moskau hingegen „Strafoperation“ gegen einen „Landsturm“ heißt. Eine der Frauen sagt, sie stamme aus Slawjansk. Auf ihrem Handy zeigt sie das Foto eines Einschlagtrichters, ein weiteres von der beschädigten Wand eines Hauses. „Wie sollen wir dort leben?“, fragt sie. Die Frauen berichten, wie die Stadt aus Hubschraubern und mit schwerer Artillerie beschossen worden sei. Sie berichten von zerstörten Schulen und Kindergärten, von verletzten, verstörten Kindern. Aber wenn man beim Verteidigungsministerium in Kiew anrufe, bekomme man nur zu hören: „Slawjansk? Wir kennen diese Stadt nicht.“ Alte Leute säßen in ihren Wohnungen ohne Strom und Wasser oder kauerten im Keller, vor Angst trauten sie sich nicht hinaus. Aus ihren Medien haben die Frauen unter anderem erfahren, dass junge Ukrainer, die zum Landsturm hätten überlaufen wollen, von den eigenen Leuten erschossen worden seien. Die Führung in Kiew weist Berichte wie diesen zurück. Aber ihr schenken die Frauen im Erholungsheim keinerlei Glauben: „Die lügen alle!“ – „Sie wollen uns vernichten!“ – „Der Landsturm schützt unsere Leute, unsere Interessen!“

          Draußen im Hof, vor einer lilafarbenen Wand mit einer lachenden Sonne und dem Schriftzug „Freundschaft“, animieren freiwillige Helferinnen kleine Kinder zum Tanz. Laut hämmern die Bässe aus den Boxen. Dann naht, an der Spitze einer Delegation aus Verwaltungsbeamten und Lokalpolitikern, der für soziale Fragen zuständige stellvertretende Gouverneur des Gebiets um die Stadt Rostow am Don, Sergej Bondarjew. Stämmige Statur, hellblaues Hemd, Schnurrbart. Die Helfer im Kulturhaus nehmen, aufgereiht hinter Kopierern, seinen Dank entgegen. Er besucht die Krankenstation in einem der Bungalows, wo einige Liegen und mehrere Krankenschwestern auf Patienten warten. Vor Kameras sagt Bondarjew, dass die Leute hier wieder lächelten, warmes und kaltes Wasser hätten, saubere Wäsche, gutes Essen. Dann geht es in die große Versammlungshalle, die an das Kulturhaus grenzt. Bondarjew nimmt auf der Bühne Platz, hinter ihm hängt ein Plakat vom „Finale der allrussischen Aktion“ zum Thema „Ich bin ein Bürger Russlands“.

          Viele Neuankömmlinge aus der Ukraine verteilen sich auf die Klappsitze in der Halle. Der stellvertretende Gouverneur lobt die Hilfsbereitschaft als beste Eigenschaft des Menschen, verspricht Ausflüge und Aktionen für die Kinder. Für Fragen zum Flüchtlingsstatus, den die Ukrainer beantragen könnten, verweist er an Beamte der Grenzschutzbehörde, die auch kurz auf die Bühne kommen. Mehrfach hatten die Führer der beiden „Volksrepubliken“ Moskau um Hilfe ersucht; Präsident Wladimir Putin hat „humanitäre Hilfe“ versprochen. Einige im Saal scheinen sich zu sorgen, dass dies angesichts der „Faschisten, die uns vernichten wollen“, wie eine Frau ruft, nicht genug sein könnte. Bondarjew antwortet, als Beamter könne er dazu nichts sagen, aber als Mensch sage er: „Man soll euch euer Land geben“, nämlich die beiden „Volksrepubliken“.

          Neue Aufnahmekapazitäten geschaffen

          Die Angaben dazu, wie viele Menschen aus der Ukraine nach Russland fliehen, sind unterschiedlich. Die russischen Zahlen gehen in die Tausende, die ukrainische Seite hat vorige Woche mitgeteilt, keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Zahl an Ein- und Ausreisenden festgestellt zu haben. Seit Mitte vergangener Woche gilt, so die Begründung, aufgrund des „Flüchtlingsstroms“ der Notstand in 15 grenznahen Kreisen des Rostower Gebiets. Dessen Gouverneur teilte mit, an gut fünfzig Stellen Aufnahmekapazitäten für insgesamt mehr als 2.600 Menschen geschaffen zu haben. Zudem hätten sich rund 1.500 Familien bereiterklärt, ukrainische Staatsbürger aufzunehmen.

          Der stellvertretende Gebietsgouverneur Bondarjew sagt nach seinem Auftritt in der Versammlungshalle, derzeit seien insgesamt „rund 1.500 Flüchtlinge“ im Rostower Gebiet. Doch kämen täglich mehr, was zeige, dass die Lage jenseits der Grenze immer schlimmer werde. Im Rostower Gebiet sammeln Organisationen wie die Jugend der Regierungspartei „Einiges Russland“ Windeln, Schuhe, Spielsachen, Kleidung, Putzmittel und mehr, um sie an die Menschen in den Aufnahmezentren zu verteilen. Das russische Ermittlungskomitee, das in der vorigen Woche ein Verfahren wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit im Südosten der Ukraine“ eingeleitet hat, will die Ukrainer als Zeugen befragen.

          Sie können sich dann an junge Frauen wenden wie an Galina aus Slawjansk, die in ihrer neuen Bleibe im Erholungsheim vom Bombenangriff auf einen Autowaschsalon direkt unter dem Fenster ihrer Wohnung berichtet. Ihre Mutter sei aus Sorge um ihr Haus noch in der Stadt geblieben und sitze nun meist im Keller. „Sie sagen, sie schießen auf die Landsturmmänner“, sagt Galina über die ukrainischen Streitkräfte, „aber da, wo meine Mutter wohnt, sind gar keine.“ Auch sagt sie: „Wir dachten, es wird wie mit der Krim. Wie machen ein Referendum, und dann heißt es: Willkommen in Russland. Aber dann gaben sie uns zu verstehen, wir sollten selbst klarkommen.“ Auch Natalja aus Luhansk sagt, alle hätten damit gerechnet, dass es mit dem Donbass wie mit der Krim kommen werde. Nun sei man zwar enttäuscht, dass Putin seine Soldaten nicht einmarschieren lasse. „Aber wir verstehen, darauf warten die Amerikaner nur.“ Aus Nataljas Sicht ist die alte Ukraine Geschichte, eine Mitte gebe es nicht: „Entweder Landsturm – oder Faschist. Man kann mit diesen Leuten nicht reden.“

          Kostenlose Räumlichkeiten und Transporte

          Zahlen müssen die Leute im Erholungsheim nichts für ihren Aufenthalt. Der Eigentümer des Heims sagt, er stelle die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung, der Rest komme über Spenden. Auch die Transporte hierher waren für die Ukrainer kostenlos. Natalja sagt, ihren Transport bis an die Grenze hätten Leute vom Landsturm organisiert. Neuankömmlinge aus Slawjansk berichten, dort seien es Leute aus den Reihen der Kommunistischen Partei gewesen. Luhansk verließen manche auch über eine Stiftung, deren Vertreterin nun auch in Dmitrijadowka ist. Sie sagt, sie habe eines der Opfer, die am 2. Juni vor einem Verwaltungsgebäude in Luhansk getötet worden sind, selbst gekannt: ein junger Mann, der mit Kindern gearbeitet und Gefängnisse besucht habe. Und selbst für diesen Luftangriff wollten die Ukrainer nun die Verantwortung dem Landsturm zuschieben, obwohl doch Webcams alles aufgezeichnet hätten! Und die EU öffne „dem Faschismus“, dessen Verbündeter Poroschenko sei, auch noch die Türen!

          In einem Bungalow, in dem Leute aus Luhansk untergebracht sind, lehnt ein schmächtiger Mann mittleren Alters an der Wand. Er sagt, er sei aus der „Selbstverteidigung“ von Swerdlowsk, wohin er auch alsbald zurückkehren werde; nur seinen kleinen Sohn habe er hergebracht, um nicht beständig in Sorge zu sein und „freie Hand“ zu haben. Der Junge solle kein Blut sehen. „Wir waren alle in einem Land“, sagt er und meint die Sowjetunion. Jetzt sehe man ja, wohin die Unabhängigkeit führe. Stalin, sagt er weiter, habe die Gelegenheit gehabt, Faschisten und ihre Kollaborateure zu vernichten. Was nun geschehe, sei eine Folge davon, dass er es unterlassen habe. Eine junge Mutter bringt Spenden herein: Spielzeug für die Kinder, Schwimmringe zum Aufblasen. Es locken der nahe Strand und das Meer, das hinter einem Hain in frühlingshaftem Grün an dieser Stelle ganz flach beginnt.

          Zuvor jedoch bietet der Staatssender Rossija 24 eine „Telebrücke“ aus dem Ferienlager nach Slawjansk an. Einige Dutzend Bewohner des Lagers versammeln sich unter Bäumen vor einem Flachbildschirm. Vorne sitzen auf Hockern einige ältere Frauen und junge Mütter mit Kindern auf dem Schoß, die anderen stehen dahinter. Ein junger Moderator im modisch gestreiften T-Shirt baut sich zwischen Bildschirm und der Gruppe auf. In Slawjansk ist auch ein Moderator, der einige Bewohner der Stadt um sich geschart hat. Aus dem Erholungsheim kommt die Botschaft, alles sei gut: „Wartet auf uns!“ Die Leute aus Slawjansk grüßen zurück. Auch dort scheint die Sonne.

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