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Flucht von der Krim : Ungemütliche Halbinsel

Der Anführer der Krim-Tataren Refat Tschubarow hat viele Mitglieder seines Volkes als Flüchtlinge die Krim verlassen sehen Bild: AP

Krimtataren und Andersdenkende haben auf der Halbinsel Krim einen schweren Stand. Viele sind schon geflohen. Doch was sie dann machen sollen, wissen sie nicht.

          Nach der Besetzung der Krim durch Russland sollen Tausende Bewohner die Halbinsel verlassen haben - in Richtung des ukrainischen Festlands, aber auch in andere Länder. Wjatscheslaw, ein stämmiger Ukrainer Anfang 40, ist nach Georgien geflohen. Über zwei Jahrzehnte lebte er im Küstenort Jalta, betrieb dort ein Café und reparierte Autos. Er bezeichnet sich als Patrioten und berichtet, auf seiner Seite im sozialen Netzwerk „Odnoklassniki“, das in Russland wie in der Ukraine beliebt ist, habe er, als die Lage im Land eskalierte, mehrfach für eine einheitliche, freiheitliche, friedliche Ukraine Stellung bezogen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das wurde ihm unter den neuen Machthabern auf der Krim offenbar zum Verhängnis. Ende April erhielt Wjatscheslaw eine Warnung: Sein Name stehe auf einer Liste von Gegnern der Annexion durch Russland, die festgenommen werden sollten. Wjatscheslaw verließ die Krim, ist nun bei Freunden in Georgien untergekommen. Dort, in der Hauptstadt Tiflis, nahm er am Abend des 26. Juni an einer kleinen Demonstration zum Tag der krimtatarischen Flagge teil. Das hellblaue Tuch mit einem Symbol der Goldenen Horde, des mittelalterlichen Mongolenreichs, um die Schultern, stand Wjatscheslaw vor dem prächtigen Parlamentsgebäude. Heimatlos, ratlos. „Wenn ich zurückkehre, nehmen sie mich sofort fest“, sagte er. Nun will er erst einmal in Georgien bleiben, vielleicht Asyl beantragen.

          Wäre Wjatscheslaw auf der Krim geblieben, hätte ihn womöglich das gleiche Schicksal getroffen wie die vier Gegner des russischen Vorgehens auf der Krim, die im Mai dort festgenommen wurden. Der russische Geheimdienst FSB wirft ihnen vor, „Terroranschläge“ in der Krim-Hauptstadt Simferopol, in Jalta und in Sewastopol geplant zu haben. Die Männer seien Kämpfer der extremistischen Vereinigung „Rechter Sektor“, die Moskau als Chiffre allen Übels in der Ukraine gilt. Unter den Festgenommenen ist der Regisseur Oleg Senzow, für dessen Freilassung sich vor kurzem europäische Filmemacher wie Wim Wenders und Pedro Almodóvar in einem offenen Brief einsetzten. Dessen ungeachtet hat ein Moskauer Gericht am Montag die Untersuchungshaft Senzows bis Mitte Oktober verlängert.

          Viele Krim-Tataren lehnen die russische Herrschaft ab

          Wjatscheslaw, der Flüchtling mit der Tatarenflagge, ist selbst kein Tatar, auch kein Muslim - um seinen Hals hängt ein silbernes Kreuz. Doch für ihn war es ein Akt der Solidarität, in Tiflis Flagge zu zeigen. Schließlich, sagte er, habe er viele Freunde auf der Krim, die Tataren seien. Einige von ihnen hätten kürzlich mit ihren ukrainischen Pässen die Krim verlassen wollen. Das sei ihnen verwehrt worden, mit der Begründung, sie müssten erst russische Pässe beantragen und vorweisen. Das aber wollten seine Freunde nicht - und wüssten nun nicht, wohin.

          So wie sie lehnen viele Krimtataren die russische Besatzungsmacht ab, misstrauen ihr zutiefst. 1944 hatte Stalin das Volk unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen nach Zentralasien deportieren lassen, Zehntausende kamen ums Leben. Erst ab 1988 durften die Tataren auf die Krim zurückkehren, stellen heute bis zu 300.000 der zwei Millionen Krimbewohner, klagen aber über Ausgrenzung und Schwierigkeiten beim Grunderwerb. Der russische Präsident Wladimir Putin hat mehrfach erklärt, sich der Probleme der Krimtataren annehmen zu wollen; im April unterzeichnete er ein Dekret zur „Rehabilitierung“ des krimtatarischen Volkes. Doch in der Praxis dominiert die Repression. So wurden am 18. Mai Tausende Tataren durch Straßensperren vor der Hauptstadt daran gehindert, an einer Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Deportation im Zentrum Simferopols teilzunehmen. Die Feierlichkeiten zum Flaggentag wurden an den Rand der Hauptstadt verbannt; ein Video der Veranstaltung zeigt ein starkes Aufgebot an Sicherheitskräften.

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