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Flucht aus Tokio : Ihre Blicke sagen: Der Ausländer verlässt uns jetzt

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Bild: Andreas Brand, F.A.Z.

„Haben Sie eine gute Reise“, sagt die Frau am Schalter des internationalen Flughafens Haneda, als der Korrespondent das Land verlässt. Eigentlich müsste er sich freuen, bald in Sicherheit zu sein. Aber so ist es nicht. Die Geschichte seiner Flucht aus Japan erzählt der F.A.Z.-Korrespondent Carsten Germis.

          Ich bin zu früh, viel zu früh, als ich am internationalen Flughafen in Haneda ankomme. Wieder Erwarten sind an diesem Dienstag in Tokio alle Züge pünktlich gefahren, fast so wie in den Zeiten vor dem großen Erdbeben, das Japan in die Katastrophe getrieben hat. Eigentlich müsste ich mich jetzt doch freuen. Mir kann nichts mehr passieren.

          Ich bin auf dem Weg nach Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Das Gepäck ist schon aufgegeben, ich habe eingecheckt. Jetzt muss die Maschine der All Nippon Airways (ANA) nur noch pünktlich abheben. Und doch fühle ich mich schlecht. Noch ist auch bei mir die Hoffnung groß, dass das Äußerste noch vermieden werden kann, dass die Techniker die Lage im beschädigten Atomkraftwerk Fukushima 1 doch noch unter Kontrolle bekommen.

          Als ich am Vormittag mit Reisetasche und Rucksack das Haus verlasse, scheint alles normal. Die U-Bahn fährt wie gewohnt. Es sind weniger Menschen unterwegs als gewöhnlich. Viele Unternehmen haben ihre Mitarbeiter aufgefordert, auch am Dienstag und Mittwoch vorerst zu Hause zu bleiben. Ich spüre die Blicke der Menschen, die mir auf dem Weg zum Bahnhof begegnen. Angst liegt in ihnen, auch Resignation, Gelassenheit. Mein Auszug aus Ichibancho wird registriert: Der Ausländer verlässt uns jetzt. Ich verabschiede mich von der Familie, die in der Nähe meiner Wohnung ein Cafe und einen Getränkeladen betreibt. „Ich verstehe Sie“, sagt die Besitzerin. „Niemand weiß, wie das in Fukushima ausgehen wird.“

          Passagiere am Dienstag am Flughafen in Haneda

          Ihre Mutter, über 80 Jahre alt, steht hinter dem Tresen, schaut mich an, verbeugt sich leicht. Ihr Lächeln, mit dem sie mich sonst immer begrüßt hat, ist verschwunden. „Danke“, meint die Tochter. Dann treten Tränen in ihre Augen. „Bitte, kommen Sie bitte wieder“, sagt sie. Ich verspreche es. Vor den Augen aller Gäste, meistens Geschäftsleute, die hier frühstücken, nimmt sie mich fest in die Arme, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Eine Geste, die Japaner selten machen. „Bis bald“, sagt sie. „Passen Sie auf sich auf.“

          Die U-Bahn ist leerer als sonst. Jeder zweite schaut in sein Mobiltelefon. Doch an diesem Dienstag spielen nicht einmal die Jugendlichen damit Computerspiele oder hören Popmusik. Wie mein Nachbar, der auf dem Weg in sein Büro im Regierungsviertel ist, informieren sie sich über die Entwicklung im beschädigten Atomreaktor Fukushima, bei dem die Gefahr einer Kernschmelze droht. Um zehn nach sechs am Morgen hatte es eine Explosion am Reaktor Nummer 2 in Fukushima gegeben. Gleichzeitig erschütterte ein neues, kräftiges Nachbeben Tokio. Die Lage sei ernst, hieß es im Fernsehen.

          Midori Sanka, die mir in den vergangenen Tagen immer wieder die Neuigkeiten übersetzt hat und ohne die ich kaum hätte arbeiten können, packt sich die Lebensmittel in den Koffer, die ich ihr gegeben habe. Brot, Gemüse, Wasserflaschen, Blauschimmelkäse. „Wenn sie sagen es sei ernsthaft, dann ist etwas passiert“, sagt die 43 Jahre alte Frau und beginnt hemmungslos zu schluchzen. „Vielleicht habe ich mich doch falsch entschieden hierzubleiben“, meint sie. Das Angebot, ebenfalls mit nach Korea zu kommen, hatte sie am Abend zuvor noch bestimmt zurückgewiesen. „Ich bin hier zuhause, ich bin Japanerin“, sagte sie. „Da kann ich doch nicht gehen.“ Außerdem müsse sie von Mittwoch an wieder in ihrem Beruf als Englischlehrerin arbeiten.

          Japaner überbringen nicht gerne schlechte Nachrichten

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