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Flucht aus Afghanistan : Überall war nur Wasser

Alle Hoffnung verloren: Ein Flüchtlingsboot zerschellt im Dezember 2010 an den Felsen der Weihnachtsinseln im Indischen Ozean Bild: REUTERS

Der Fotograf Barat Ali Batoor will aus Kabul fliehen. Sein Ziel lautet Australien. Sein Weg führt ihn über Pakistan, Thailand und Indonesien. Er sitzt auf einem völlig überladenen Fischerboot. Der Kapitän sagt den Passagieren, alle müssten sterben. Am Ende hat Batoor doch noch großes Glück.

          Batoor hält an. Sein Blick ist auf ein Ölbild gefallen, das vor ihm im Schaufenster einer Galerie hängt. Es zeigt ein Segelboot in aufgewühlter See. Das braune Segel flattert lose an der Takelage des Seelenverkäufers. Auf dem Rumpf sitzen zusammengekauert Menschen. Einige haben die Hände wie zum Gebet in die Höhe gereckt. Im Wasser schwimmen Menschen, die aus dem Boot gefallen sind. Ihre Westen heben sich leuchtend vom düsteren Ozean ab. Hände recken sich in Richtung der Reling. Ein Mann hängt regungslos auf einem Stück Holz. Ein Kind treibt auf dem Wasser. Batoor deutet auf das Bild: „Ich weiß, wie das ist.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Es ist Sonntag, Barat Ali Batoor verbringt ihn in Dandenong, einem Vorort von Melbourne, der zweitgrößten Stadt Australiens. In Dandenong leben viele Einwanderer aus Afghanistan und Pakistan. Links und rechts der Thomas Street, durch die Batoor gerade gelaufen ist, betreiben sie ihre Geschäfte. Manche der Geschäftsleute sollen Verbindungen zu Menschenschleusern haben, die Flüchtlinge über den Seeweg von Indonesien nach Australien bringen. Seit August 2012 waren das schon mehr als 18000. Doch nicht allen gelingt die Überfahrt. Immer wieder kentern die kaum seetauglichen Boote. Mehr als 500 Menschen haben in nur einem Jahr ihr Leben verloren.

          Tanzknaben sind ein Tabu

          Der 30 Jahre alte Batoor hat seinen Versuch gerade so überlebt. Nun sitzt er im Great Diamond Restaurant, bestellt Lammfleischspieße und Maultaschen und erzählt die Geschichte seiner Flucht. Sie beginnt vor zwei Jahren mit einem heiklen Fotoprojekt und einer Ausstellung in einem kleinen Kulturverein in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Zur Eröffnung sind nur ausländische, keine lokalen Medien eingeladen. Die breite afghanische Öffentlichkeit soll so wenig wie möglich davon erfahren. Denn in der Ausstellung geht es um sogenannte Tanzknaben – afghanische Jungen, die von einflussreichen Männern zum erotischen Zeitvertreib gehalten werden. Das ist eine alte Tradition in dieser Region, die sich während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren in den Reihen der Mudschahedin ausgebreitet hat, von denen viele heute hohe Polizei- und Armeeposten bekleiden. Die Tanzknaben sind ein Tabu, über das in Afghanistan nicht gern gesprochen wird. Batoors Fotos, die später von internationalen Medien, unter anderen von dieser Zeitung, veröffentlicht werden, machen den Missbrauch der Jungen international bekannt. Unter Menschenrechtlern wird Batoor für seinen Mut bewundert; von westlichen Botschaften und UN-Organisationen wird er hofiert. Doch mit der Veröffentlichung der Bilder zieht er den Zorn mächtiger afghanischer Männer auf sich. Er bekommt Drohanrufe. „Sie sagten, sie würden mich töten“, sagt Batoor.

          Der Fotograf entscheidet sich für die Flucht. Zunächst ins Nachbarland Pakistan, wo er einen Menschenschmuggler findet, der ihn bis nach Indonesien bringen kann. Der direkte Weg soll 12000 Dollar kosten. Batoor kann sich nur den Umweg über Thailand und Malaysia für 8000 Dollar leisten. Die Schmuggler besorgen ihm ein Ticket für einen Flug von Karachi nach Bangkok. Das Visum für Thailand haben sie entweder gefälscht oder unter der Hand erworben. In Bangkok verbringt Batoor dann zwei Wochen zunächst in einem Hotel, in dem es von Prostituierten wimmelt, dann zwischen europäischen und australischen Backpackern in der berüchtigten Khao San Road.

          Von dort aus macht sich Batoor mit Flugzeug und Bus auf an die Grenze zu Malaysia und von dort auf die indonesische Insel Sumatra und weiter in die Hauptstadt Jakarta. Auf dem Flug nach Jakarta hat Batoor zum ersten Mal richtig Angst. „Die meisten Leute werden direkt nach ihrer Ankunft in Indonesien geschnappt. Manche müssen ein oder sogar eineinhalb Jahre in Lagern verbringen“, sagt er.

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