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Fiskalpakt-Abstimmung in Irland : Kampf zwischen Kopf und Bauch

„Seien Sie positiv, stimmen Sie mit Nein“

Mit solchen Spitzfindigkeiten muss sich Irlands Mann der Stunde nicht aufhalten. Der Anführer der „Nein“-Sager ist ein alter Bekannter: Gerry Adams, der Sinn-Fein-Vorsitzende. Einst kämpfte er für die Irisch-Republikanische Armee, gestaltete dann den Friedensprozess in Nordirland mit. Mittlerweile ist er Mitte sechzig und Abgeordneter im Dail. Adams und die Seinen waren in den vergangenen Wochen in allen Medien des Landes gegenwärtig, fünfzig Prozent der Sendezeit musste das Nein-Lager von Rechts wegen bekommen. Der Feldzug gegen Austerität hat verfangen, Adams ist populär wie nie zuvor, laut einer Umfrage ist er der beliebteste Parteiführer Irlands. Sein Mantra gegen die Vernunftappelle der Parteien aus dem Ja-Lager lautet: „Vertrauen Sie auf Ihren Instinkt. Stimmen Sie mit Nein.“

Anführer der „Nein“-Sager: Sinn-Fein-Vorsitzender Gerry Feins

Das wiederholt Adams gern an historischer Stelle. Vor dem Hauptpostamt im Zentrum Dublins mit den klassizistischen Säulen begann 1916 der Osteraufstand irischer Republikaner gegen die britische Herrschaft. Flankiert von einem guten Dutzend junger bis sehr junger Sinn-Fein-Aktivisten mit Pappschildern, auf denen geschrieben steht: „Seien Sie positiv, stimmen Sie mit Nein“, streitet dort nun Adams für seine Sache: Irlands Souveränität. Der Kämpfer von einst trägt graumelierten Bart, Brille und ein hellblaues Leinenhemd; er tritt auf wie eine Mischung aus besorgtem Biobauer und gutmütigem Großvater. Selbstbewusst, die Arme in die Seiten gestemmt, sagt er in die Kameras, Fiskalhoheit sei eine Frage der nationalen Souveränität.

Taoiseach Kenny und die anderen Parteien wollten sie aufgeben. Dagegen erwarte er ein „deutliches Zeichen“ im Referendum, und er sei auch zuversichtlich, schließlich habe er in den vergangenen Monaten eine „Radikalisierung“ der Leute erleben dürfen, die zu Sinn Feins Treffen gekommen seien: „Da draußen ist viel Wut.“ Der Sinn-Fein-Vorsitzende beschwört die Gefahr herauf, dass Irlands dunkelste Zeiten unter dem Spardiktat zurückkehren könnten - Zeiten, in denen „die Kindersterblichkeit in Dublin so hoch war wie nirgendwo sonst in Europa“. Adams meint, Irland werde auch nach einem Nein zum Fiskalpakt nicht fallengelassen werden - und um die Altschulden von Irlands Banken solle sich künftig direkt die EZB kümmern. Ob er Ministerpräsident Irlands werden wolle, wird er noch gefragt. „Nein, da habe ich keine Ambitionen“, sagt Adams. Vielmehr sei er ein „guter Teamspieler“.

Danach wird der Sinn-Fein-Vorsitzende etliche Male von Passanten gebeten, sich mit ihnen fotografieren zu lassen. Kein Problem. Adams grinst zufrieden. Für den Moment hat er gewonnen - egal, wie das Referendum ausgeht.

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