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Finanzskandal der Kirche Wenn der Vatikan einen Kardinal anklagt

Wegen eines Immobiliendeals in London müssen sich nun zehn Personen vor Gericht verantworten. Unter ihnen sind ein Kardinal und ranghohe Mitarbeiter des Staatssekretariats.

Von Matthias Rüb, Rom

Kardinal Angelo Becciu im September 2020 bei einer Pressekonferenz in Rom.
© Reuters
Kardinal Angelo Becciu im September 2020 bei einer Pressekonferenz in Rom.

Im Vatikan ist erstmals gegen einen Kardinal Anklage von einem Gericht des Kirchenstaats erhoben worden. Neben dem 73 Jahre alten Sarden Angelo Becciu, der zuletzt Präfekt der Selig- und Heiligsprechungskongregation war, müssen sich neun weitere Verdächtige wegen des Vorwurfs der Unterschlagung, des Betrugs, des Amtsmissbrauchs, der Geldwäsche und der Erpressung verantworten. Auch gegen vier Unternehmen im anteiligen oder alleinigen Besitz der Beschuldigten wurde Anklage erhoben. Wie das Presseamt des Vatikans am Samstag mitteilte, wird das Gerichtsverfahren am 27. Juli mit einer ersten Anhörung eröffnet.

Die Anklageerhebung schließt gut zwei Jahre währende Ermittlungen zu einer riskanten und nach Überzeugung der Strafverfolger von Betrügern vorangetriebenen Investition des Heiligen Stuhls in eine Immobilie im Londoner Stadtteil Chelsea ab. Ein erheblicher Teil der rund 350 Millionen Euro, die das vatikanische Staatssekretariat für den Erwerb des ehemaligen Lagerhauses bezahlt haben soll, stammt aus dem Fonds des sogenannten Peterspfennigs. Zur Peterspfennig-Spende für karitative Zwecke sowie für allgemeine Aufwendungen des Kirchenstaats ruft der Papst jedes Jahr zum Hochfest der Apostel Petrus und Paulus am 29. Juni auf.

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In der rund 490 Seiten umfassenden Anklageschrift wird nachgezeichnet, wie das Staatssekretariat seit der ersten Investition im Umfang von 200 Millionen Euro aus dem Jahre 2013 immer mehr Geld für allerlei Vermittler, Makler und Berater ausgegeben hat. Die Strafverfolger unter Führung von Chefstaatsanwalt Gian Piero Milano sind der Überzeugung, dass die Angeklagten in einer konzertierten Aktion einerseits hohe Anfangsverluste der Investition vertuschten und sich über komplizierte Quergeschäfte immer weitere Mittel aus dem Staatssekretariat erschlichen.

Dabei sollen sich die eingeschalteten Mittelsmänner überhöhte Margen und Gebühren in Millionenhöhe gesichert haben. In dem Londoner Gebäude sollen Luxuslofts für solvente Käufer entstehen. Ob sich die bisherigen Investitionen auszahlen und ob die aufgelaufenen Verluste teilweise oder ganz ausgeglichen werden können, wird sich erst nach dem Umbau und nach dem Verkauf der Apartments zeigen.

Neben Becciu sind ranghohe Mitarbeiter des Staatssekretariats und diverser Finanzinstitutionen des Vatikans, italienische Geschäftsleute mit langjährigen Verbindungen zum Heiligen Stuhl, eine Beraterin mit engen persönlichen Beziehungen zu Kardinal Becciu sowie der Schweizer Rechtsanwalt René Brülhart angeklagt. Brülhart war im November 2014 von Papst Franziskus zum Leiter der vatikanischen Finanzinformationsbehörde (FIA) ernannt worden und gab fünf Jahre später das wichtige Aufsichtsamt im Vatikan wieder ab. Seinerzeit hatte es geheißen, Brülharts Amtszeit an der Spitze der FIA sei abgelaufen, doch offenbar stand seine Demission im Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Londoner Investitionsskandal.

Becciu, der zur Zeit der ersten Investition in London das Schlüsselamt eines Substituten im Staatssekretariat bekleidet hatte, wies am Wochenende abermals alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück. Becciu bekräftigte, er sei Opfer einer Verschwörung und zeigte sich überzeugt, dass sich im Laufe des Gerichtsverfahrens seine Unschuld erweisen werde. Im Falle eines Schuldspruchs drohen Becciu bis zu fünf Jahre Haft. Auch Brülhart wies die Vorwürfe zurück. Die längsten Freiheitsstrafen zwischen neun und 17 Jahren drohen vier italienischen Investitionsberatern mit einst guten Beziehungen zum Staatssekretariat.

Kardinäle können nun auch von Berufsrichtern abgeurteilt werden 

Als Konsequenz aus dem Immobilienskandal hatte Papst Franziskus im vergangenen November dem Staatssekretariat des Vatikans die Finanzhoheit über eigene Mittel wie den Peterspfennig entzogen und die Verwaltung aller Vermögen und Immobilien der vatikanischen Güterverwaltung APSA übertragen. Durch eine von ihm verfügte Verschärfung des Strafrechts des Kirchenstaates hat es Franziskus zudem ermöglicht, dass auch Bischöfe und Kardinäle von Berufsrichtern und nicht mehr nur wie bisher von Klerikern abgeurteilt werden können.

Als Hypothek für das nun beginnende Verfahren gilt, dass Papst Franziskus im vergangenen September Kardinal Becciu nicht nur vom Amt des Präfekten der Selig- und Heiligsprechungskongregation abberufen, sondern ihm auch alle mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte entzogen hat, zumal das Recht zur Teilnahme am Konklave zur Wahl eines neuen Papstes. Diese beispiellose Entmachtung kommt einer Vorverurteilung Beccius gleich. Umgekehrt hat Franziskus den amtierenden Kardinalsstaatssekretär Pietro Parolin, der letztlich die Verantwortung für die Immobilienaffäre trägt und über diese im Bilde gewesen sein soll, von allen Vorwürfen abgeschirmt. Er gilt als engster Vertrauter des Papstes im Vatikan.