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Finanzkrise : Wenn Iren irre werden

Blues Brothers: Finanzminister Brian Lenihan und Ministerpräsident Brian Cowen in Dublin Bild: REUTERS

Die Menschen auf der Grünen Insel sind gebeutelt. Kein Wunder in einer Krise, die seit zwei Jahren immer neue Hiobsbotschaften gebiert. Zwar gab es üppige EU-Finanzhilfen - doch wurden die auch von der Vetternwirtschaft aufgesaugt.

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          Die irische Regierung ist nicht nur mit den Finanzen, sondern auch mit den Nerven am Ende. John Gormley, Umweltminister und Anführer der Koalitionspartei der Grünen, erlitt im Parlament in der vergangenen Woche eine Art Zusammenbruch. „Wenn Sie erst auf meinem Stuhl sitzen“, prophezeite Gormley seinem Gegenüber auf der Oppositionsbank, „dann werden Sie es ertragen müssen, in einer ausweglosen Situation zu sein.“ Wenn Labour und Fine Gael, die Oppositionsparteien, demnächst die Macht in Irland übernähmen, dann hätten sie „die pausenlose, unbarmherzige Kritik“ auszuhalten. Das Wort „Zwangsjacke“ beschreibe seine Lage und die Lage aller Kabinettsmitglieder, sagte Gormley: „Denn sobald Sie an die Regierung kommen, betreten Sie eine Irrenanstalt.“

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Und die Iren trauen inzwischen auch nicht einmal mehr guten Zahlen: Dass die Arbeitslosigkeit im November um 0,1 Prozentpunkte gesunken ist - auf 13,5 Prozent oder 420.000 Arbeitslose in einer Nation von 4,4 Millionen Einwohnern - gilt vielen bloß als Indiz dafür, dass die Flucht von der Insel zunimmt. Dass Irland seine Kinder nicht ernähren kann, dass es die Jungen und die Klugen an Amerika, Australien, Deutschland oder gar England verliert, ist eines der Traumata der irischen Nation. Aber das Misstrauen gegenüber optimistischen Meldungen ist ohnehin kein Wunder in einer Krise, die seit zwei Jahren immer neue Hiobsbotschaften gebiert.

          Deprimierende Nachrichten vom Grundstücksmarkt

          Zur Auswahl der jüngsten Meldungen gehört der Alarm der irischen Forstbehörden: Die Förster haben um Polizeiunterstützung gebeten, um massiven Christbaumdiebstahl in den Nadelbaumplantagen zu verhindern. Viele irische Stadtverwaltungen ließen im jüngsten Wintereinbruch die Straßen vereisen, weil sie ihren Arbeitern keine Überstunden mehr vergüten dürfen. Die Rugby-Union hat die Eintrittspreise zu den Länderspielen im „Six-Nations-Cup“ um rund die Hälfte gesenkt, weil das Dubliner Stadion bei den jüngsten Heimspielen gegen Südafrika und Neuseeland halb leer blieb.

          Zu Verkaufen: Seit der „keltische Tiger” finanziell am Stock geht, schließen immer mehr Kneipen

          Es gibt stets neue deprimierende Nachrichten vom Grundstücksmarkt: Die Gerichte kommen mit Verfügungen über Zwangsversteigerungen nicht mehr nach. Und für Banken, die einen Vollstreckungstitel ergattern, ist er mitunter nichts wert: In Kells, nördlich von Dublin, drängten sich vor drei Wochen zwar viele Männer in den Auktionssaal, in dem rund 20 Hektar Ackerland aufgeboten waren - aber es waren fast alles Nachbarn und Freunde des in Not geratenen Bauern, die die Frist verstreichen ließen, in denen der Auktionator Gebote verlangte. In Ballybofey verhinderten vor einer Woche 100 Handwerker und Bauarbeiter die Versteigerung eines halbfertigen Baukomplexes mit Läden und Wohnungen. Die Bank hatte den örtlichen Bauherrn Konkurs gehen lassen und damit mehrere Baufirmen ruiniert.

          2800 „Geisterviertel“

          Weitere statistische Neuigkeiten: Ein Viertel der irischen Haushalte ist mit seinen Zahlungen im Rückstand. Nach Schätzungen der Hypothekenbanken sind in der Hälfte der 800.000 Hypothekenverträge, die in Irland bestehen, die Häuserwerte unter den Betrag gesunken, über den die Verträge lauten. Die Zentralbank meldet, 40.000 Hausbesitzer könnten ihre Zinsen nicht pünktlich zahlen, weitere 30.000 hätten um Stundung oder eine Senkung der Hypothekenraten gebeten. Es ist eine Gesamtzahl von 33.000 halbfertigen oder leerstehenden Wohnungsneubauten ermittelt worden, die verteilt auf 2800 „Geisterviertel“ zu finden sind. Die Regierung hat in einem Lagebericht jetzt die Kommunalbehörden aufgefordert, sie sollten aus eigener Tasche die Sicherungsmaßnahmen an den Rohbauten vorfinanzieren, um wenigstens die Einsturzgefahr zu bannen.

          In einigen Hiobsbotschaften sind zugleich Erinnerungen an die vergangene, schöne Zeit verkapselt - an die Jahre des Baubooms und der großen Sprünge des „keltischen Tigers“, an Erfolge, die auch einem besonderen Amalgam aus üppigen EU-Finanzhilfen und gälischer, aus der Tradition der Clans stammender Vetternwirtschaft geschuldet waren. Die symbolhafteste Schlagzeile verursachte Conor Haughey, der Sohn des einstigen irischen Ministerpräsidenten Charlie Haughey, mit der Ankündigung, dass er sich leider von der Yacht seines Vaters trennen müsse. Das 15 Meter lange Boot, das den beziehungsreichen Namen „Keltischer Nebel“ trägt und nun für 175.000 Euro zu haben ist, diente Haughey senior oft und gerne für Ausflüge auf seine private Insel.

          Der Regierungschef wird Häuptling genannt

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