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Ungerechte Verteilung : Zu arm zum Impfen

Ein Mitarbeiter von Unicef im größten Hilfsgüterlager der Welt in Kopenhagen (Oktober 2020) Bild: AP

Deutschland und Europa rechnen in den nächsten Monaten mit Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs. In ärmeren Ländern wird es noch lange dauern, bis genügend Menschen geimpft sind. Die Kritik an dem Missverhältnis wächst.

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          Für Deutschland steht ziemlich genau fest, mit wie vielen Dosen des Corona-Impfstoffs die Behörden demnächst rechnen können: Bis zum Jahreswechsel sollen 1,3 Millionen Einheiten des Vakzins von Biontech und Pfizer ausgeliefert werden. Für das erste Quartal des kommenden Jahres rechnet das Bundesgesundheitsministerium mit elf bis 13 Millionen Dosen. Auch die Europäische Union hat eine Vorstellung davon, was sie erwarten kann. Wie ein Sprecher der Kommission sagte, rechne man mit 200 Millionen ausgelieferten Dosen des zuerst zugelassenen Impfstoffs bis September. Lieferungen weiterer Hersteller könnten hinzukommen, allen voran von Moderna. Über die Zulassung dieses zweiten Impfstoffs will die Europäische Arzneimittelagentur voraussichtlich Anfang Januar entscheiden. Doch Europa macht gerade einmal zehn Prozent der Weltbevölkerung aus. Was ist mit dem Rest - und insbesondere mit jenen Ländern, die über keine eigene Impfstoffentwicklung verfügen?

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Zum Beginn der Massenimpfungen in Deutschland haben die kirchlichen Hilfswerke auf ein Ungleichgewicht bei der Verteilung der Impfstoffe hingewiesen. Der Präsident des evangelischen Wohlfahrtsverbands Diakonie, Ulrich Lilie, sprach von einer „Verantwortung, einen sicheren Impfschutz für alle Menschen auf dieser Welt zu gewährleisten". Lilie mahnte in der Zeitung „Augsburger Allgemeine": „Wenn wir nicht Perspektiven für die Ärmsten der Armen finden, dann werden wir noch völlig andere Formen von Migration und ganz andere Formen von Auseinandersetzung auf dieser Welt erleben." Der Leiter des internationalen Hilfswerks der katholischen Organisation Caritas, Oliver Müller, kritisierte die Arbeit der von der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Zweck der Impfstoffverteilung ins Leben gerufenen Initiative Covax. Die Initiative sei zwar eine gute Idee, sagte Müller im Südwestrundfunk. Doch sie funktioniere noch nicht richtig.

          Covax braucht mehr finanzielle Mittel

          Vor allem sei die über Covax verteilte Menge an Impfstoff viel zu gering. „Hier muss bedeutend nachgesteuert werden, und das bedeutet, dass die Industrieländer mehr Mittel zur Verfügung stellen müssen, sonst funktioniert die Idee nicht", sagte Müller. Hinzu komme, dass sich die entwickelten Länder den Großteil der weltweiten Impfproduktion bereits reserviert hätten. Die Caritas gehe deshalb davon aus, dass im nächsten Jahr in 70 ärmeren Ländern nur zehn Prozent der Bevölkerung geimpft werden könnten. Zum Vergleich: Für Deutschland erwartet Welt-Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery im Verlauf des kommenden Jahres die Auslieferung von so vielen Impfdosen, dass sogar eine Herdenimmunität erreicht werden könne. Dann wären so viele Menschen gegen das Coronavirus immun, dass es sich nicht mehr ohne weiteres ausbreiten kann. Nach Ansicht von Fachleuten müssen dazu zwischen 60 und 70 Prozent der Menschen geimpft werden.

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          Dass die verfügbaren Corona-Impfstoffe weltweit ungleich verteilt werden, veranlasste kürzlich auch den Generalsekretär der WHO, Tedros Ghebreyesus, zu scharfer Kritik an Europa und den Vereinigten Staaten. „Impfungen bieten für manche Menschen Hoffnungen", sagte er. „Aber ich bin tief besorgt darüber, dass Impfnationalismus die ärmsten und verletzlichsten Menschen auf der Welt des Zugangs zu diesen lebensrettenden Mitteln beraubt." Zusagen und Versprechungen würden niemanden schützen, solange sie nicht in die Tat umgesetzt würden. Zugleich verteidigte Ghebreyesus die Arbeit der Covax-Initiative, die von 190 Staaten offiziell unterstützt wird: Covax habe sich inzwischen den Zugang zu fast zwei Milliarden Impfdosen von „vielversprechenden Kandidaten" gesichert. In den ersten Monaten des neuen Jahres seien jedoch weitere 4,6 Milliarden Dollar nötig, damit genügend Impfdosen gekauft werden können, um mindestens 20 Prozent der Menschen in den ärmeren Ländern zu immunisieren.

          WHO und Unicef unterstützen Impf-Vorbereitungen

          Etwa 100 dieser ärmeren Länder werden derzeit von der WHO und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef dabei unterstützt, sich auf einen raschen Beginn von Impfungen vorzubereiten. Dabei muss jedes Land einen detaillierten Plan erstellen, wo die gekühlten Impfdosen gelagert, wie sie verteilt und wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen konkret geimpft werden sollen. Danach soll jeder Plan kritisch geprüft werden. „Wir müssen sicherstellen, dass es robuste Pläne sind", sagte Benjamin Schreiber der F.A.Z. Er arbeitet am Hauptsitz von Unicef in New York und ist an der Koordinierung der Kampagne beteiligt. „Impfstoffe sollen nicht in Länder eingeführt werden, wenn es dort dann Probleme gibt", sagte er. WHO-Generalsekretär Ghebreyesus sagte kürzlich, 89 Länder hätten die Bewertung bereits durchlaufen. „Unsere Leute arbeiten rund um die Uhr daran, dass Regierungen und Gesundheitssysteme für die weltweite Verteilung des Impfstoffes bereit sind.“

          Wie gravierend die Folgen der Pandemie gerade für ärmere Länder sind, zeigt eine Umfrage der Welthungerhilfe, die am Montag in Bonn vorgestellt wurde. Demnach wirke Corona als „Brandbeschleuniger" von Hunger und Armut. Die Bestandsaufnahme bestätige Prognosen der Vereinten Nationen und internationaler Forschungsinstitute, denen zufolge bis zu 132 Millionen Menschen wegen Corona zusätzlich an Hunger leiden werden. Lockdowns schwächten nicht nur die Volkswirtschaften, sondern führten auch dazu, dass Nahrungsmittel teurer würden.

          Die Daten basieren auf einer Haushaltsbefragung von 14.000 Menschen in 23 Ländern des globalen Südens. „Mehr als 40 Prozent der Befragten gaben an, weniger und einseitiger zu essen", sagte der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Mathias Mogge. „Mehr als 90 Prozent dieser Menschen haben schlichtweg zu wenig Geld, um sich Nahrungsmittel kaufen zu können." Verschlechtert habe sich bei jedem Dritten auch der Gesundheitszustand und bei zwei von drei Kindern die Ausbildungssituation. Die wachsende Not befeuere Konflikte in Gemeinden und Familien, das bestätigten bis zu 70 Prozent der Befragten.

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