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Filmemacherin Lidija Mirkovic im Gespräch  : Ein Leben in Belleville

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Zu Ostern ist es serbisch-orthodoxer Brauch, Eier und andere Nahrungsmittel auf die Gräber ihrer Verstorbenen zu legen. Bedürftige gehen dann zum Friedhof und nehmen diese Sachen, um sie zu essen. Das wollten wir auch machen. Als wir dann an einer Bushaltestelle standen, sagte eine der Frauen: „Ach, ist das schön, mal aus Belleville herauszukommen.“ Da wurde mir erst bewusst, dass die meisten Bewohner Bellevilles sich nur in dem Umfeld Slum- Müllcontainer-Flohmarkt bewegen. Vor allem die Frauen.

Werden Roma-Frauen von ihren Männern systematisch unterdrückt?

Ich kenne keine Gesellschaft, in der es keine Unterdrückung von Frauen gibt. Zigeuner sind keine schlechteren Menschen, aber auch keine besseren. Unsere Gemeinschaften sind oft patriarchalisch, aber die Frauen sind keine Mäuschen, die sich den Tag über aufhübschen, um dem Ehemann zu gefallen. Viele Zigeunerfrauen haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Traditionell erhalten ist allerdings die Zuständigkeit der Frauen für Haus und Kinder – aber das ist in Deutschland ja nicht viel anders.

Wie haben Sie im Slum gearbeitet?

Wir waren ein kleines Team von zwei bis drei Leuten und haben die Menschen in ihrem Alltag beobachtet. Der häufigste Satz, den wir anfangs gehört haben, lautete: „Hört auf zu filmen!“ Das Misstrauen der Zigeuner gegenüber Journalisten ist groß. Es zu überwinden, war schwierig und erforderte sehr viel Geduld, gelang aber mit der Zeit.

Was bringt der Winter für die Slumbewohner mit sich?

Es ist die schwierigste Zeit des Jahres. Anfang 2012 fiel in Belgrad so viel Schnee, dass der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Die Schneemassen waren eine existentielle Bedrohung, weil die Menschen weder in Containern nach Essen suchen noch auf dem Flohmarkt etwas verkaufen konnten. In der Baracke in der ich wohnte, wurde nur einer der beiden Räume beheizt. Die Hüttenbesitzerin und ich schliefen auf einer schmalen Schaumstoffmatratze auf dem Boden, ihr Mann auf der Couch. Nachts, wenn der Ofen ausging, wurde es sehr kalt. Kälte und Nässe zogen durch die Barackenwand in das Bettzeug. Es war kalt und feucht, weil uns nur Teppiche vom Erdboden trennten.

Sind die Kinder im Winter oft krank?

Es ist erstaunlich, was die Kinder alles überstehen.

Die es nicht überstanden haben, sieht man ja nicht.

Ich vermute tatsächlich, dass die Kindersterblichkeit sehr hoch ist. Die Frage ist, welchen Anteil die fehlende medizinische Versorgung daran hat. Der erste Todesfall, den ich erlebte, war der eines Babys. Es war mit einem Hydrozephalus geboren worden. Es lag fünf Monate ohne Operation im Belgrader Krankenhaus. Dann soll es der Mutter mit den Worten übergeben worden sein, es werde von allein wieder gesund werden. Die damals 17 Jahre alte Mutter ernährte das Baby dann durch eine Nasensonde. Schließlich bat mich die Urgroßmutter, mich um das Baby zu kümmern. An dem Morgen, an dem ich mit der Familie einen Arzttermin im Krankenhaus hatte, verstarb die Kleine. Sie wurde sechs Monate alt. Weil die Familie kein Geld für das Begräbnis hatte, sind wir eine ganze Woche vergeblich von Amt zu Amt gelaufen, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Letztlich hat die muslimische Gemeinschaft die Kosten für die Beerdigung getragen.

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