https://www.faz.net/-gpf-77j1k

Filmemacherin Lidija Mirkovic im Gespräch  : Ein Leben in Belleville

  • Aktualisiert am

Dazu gibt es keine zuverlässigen Daten. Das liegt vor allem an der Neigung der Zigeuner, sich bei Umfragen als Nicht-Zigeuner auszugeben. 1978 hatten Zigeuner in Jugoslawien laut einer Studie eine durchschnittliche Lebenserwartung von 28 Jahren. In Belleville lebten nur wenig alte Menschen. Während der Dreharbeiten starben drei Protagonisten unseres Films. Einer wurde 27, einer 47 Jahre und einer 60 Jahre alt. Alle drei starben an Herzversagen.

Serbische Behörden sagen, es gebe für Roma eine kostenlose Krankenversicherung.

Das stimmt so nicht. Selbst regulär krankenversicherte Serben haben Schwierigkeiten, eine angemessene Behandlung zu bekommen. Für Menschen mit dunkler Haut gilt das erst recht. Viele Zigeuner in Belleville hatten keinen Personalausweis, denn den bekommt nur, wer eine reguläre Wohnadresse angeben kann und dort gemeldet ist. Eine illegal errichtete Barackensiedlung wird von den Behörden aber nicht als Wohnadresse akzeptiert. Ohne Personalausweis gibt es wiederum keinen Anspruch auf Sozialhilfe oder Krankenversicherung. Doch selbst, wenn sie krankenversichert sind, ist es für Versicherte mit dunkler Haut besonders schwierig, ihre Ansprüche zu realisieren. Ohne Versicherung ist es so gut wie unmöglich, lebensrettende Behandlungen oder Medikamente zu bekommen. Als es einer Frau im Slum schlecht ging, riefen wir einen Krankenwagen. Uns wurde gesagt, der Wagen würde nicht in den Slum hineinfahren, wir sollten auf der Straße vor einem Hotel warten. Nach vier Stunden in der Kälte kam dann eine Ärztin in ihrem Privatwagen, untersuchte das Herz der alten Dame auf offener Straße und gab ihr in aller Öffentlichkeit zwei Spritzen in den Po. Die Ärztin sagte, wir sollten mit dem Bus ins Krankenhaus fahren. Die Frau fuhr mit ihrem Mann dorthin und wurde unbehandelt wieder nach Hause geschickt. Sie starb einige Monate später. Diese Erfahrung war keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Wir mussten uns zu häufig um Kranke, Verletzte oder Menschen in Lebensgefahr kümmern.

Wovon leben die Leute im Slum?

Die Slums in Belgrad funktionieren in etwa so wie jene in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Die meisten Bewohner gehen mehrmals täglich zu den Müllcontainern und suchen dort nach Verwertbarem: Metall und Papier werden an Zwischenhändler verkauft. Kleider, Schuhe, technische Geräte, weggeworfenes Geschirr, Modeschmuck – kurzum alles, was noch irgendjemand gebrauchen könnte –, werden auf den Flohmärkten angeboten. Die Leute im Slum müssen arbeiten, sie hätten sonst nichts zu essen. In Belgrad ist das Müllsammeln in jüngster Zeit allerdings schwieriger geworden, weil die Stadtverwaltung immer mehr im Boden versenkte Müllschlucker errichtet. Diese Gruben sind mit einer speziellen Klappe versehen, die dafür sorgt, dass man zwar Müll hineinwerfen, aber nichts von dort herausholen kann. Das bedroht die Existenz vieler. In Belgrad ernähren sich etwa 100.000 Menschen von Abfällen.

Haben Sie im Slum noch etwas gelernt?

Weitere Themen

„Kannst du nicht mal leiser atmen?“

Beziehungskolumne : „Kannst du nicht mal leiser atmen?“

Der Freund unserer Autorin kann ohne ihre Anwesenheit schlecht einschlafen. Was sie zu Beginn romantisch fand, empfindet sie nun als emotionale Erpressung. Aber was tun, wenn der Schlafrhythmus des anderen nicht zum eigenen passt? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

Topmeldungen

Aus Sparschwein wird Sparbulle – ein Symbol für die steigenden Marktpreise

Der Volkswirt : Der gefühlte Reichtum

Zwei Drittel des globalen Vermögens sind in Immobilien „gespeichert“. Nutzen wir unseren Reichtum produktiv genug? Ein Gastbeitrag