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Film über Srebrenica : „Ein inakzeptables Maß an Verständnis für die Niederländer“

Holländische UN-Blauhelmsoldaten am 16. Juli 1995 in ihrem Camp in Potocari im damaligen Bosnien-Herzegowina Bild: EPA

Hasan Nuhanović ist einer der wenigen männlichen Überlebenden des Völkermords von Srebrenica. Im Interview kritisiert er vehement, wie in einem neuen Spielfilm des Massakers vor 25 Jahren gedacht wird.

          4 Min.

          Herr Nuhanović, als Überlebender des Massakers von Srebrenica haben Sie die Arbeit der Regisseurin Jasmila Žbanić kritisiert, die einen Spielfilm über das Geschehen gedreht hat. Was genau missfällt Ihnen?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Žbanićs Produktionsfirma und ich hatten einen Vertrag geschlossen, laut dem ich für einen Zeitraum von drei Jahren die Rechte an meinem Buch „Unter der Flagge der Vereinten Nationen. Die Staatengemeinschaft und der Völkermord von Srebrenica“ abgetreten habe. Das Buch sollte als Vorlage für einen Spielfilm dienen. In meinem Buch geht es um die Tage des Falls von Srebrenica im Jahr 1995 und um das, was folgte. Es geht zum Beispiel um die Frage, warum es keine Luftschläge der Nato gegen die heranrückenden serbischen Truppen gab. Warum wurde der Fall der Enklave zugelassen? Warum griff das Bataillon der niederländischen UN-Blauhelmsoldaten nicht ein? Was haben die verschiedenen Verantwortlichen in der militärischen Befehlskette getan und unterlassen? Das ist ein Geflecht mit sehr vielen Beteiligten, bis hinauf zu Politikern wie dem französischen Präsidenten Jacques Chirac. Meiner Ansicht nach hätte das im Film gezeigt werden sollen. Aber Jasmila Žbanić erschien das zu kompliziert, und sie entschied sich stattdessen dafür, sich auf zwei Tage des Massakers zu konzentrieren. Dazu schrieb sie ein Drehbuch, und ich akzeptierte das. Ich versorgte sie mit Tatsachen und meinen Erinnerungen.

          Hasan Nuhanović

          Und wann begann das Zerwürfnis zwischen Ihnen?

          Als sie mir die erste Version des Drehbuchs gab, hatte ich zwei Stunden Zeit, um es zu lesen. Ich verstand sofort, dass sie meine Familie ins Zentrum ihres Films gerückt hatte. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, auch wenn es Tausende andere Flüchtlinge dort gab, deren Geschichte man hätte erzählen können. Sie entschied sich aber für meine Eltern, meinen Bruder und mich. Nur waren viele Ereignisse und Dialoge komplett erfunden. So machte sie aus der wahren Geschichte meiner Vorlage etwas, was so nie geschehen ist – und das konnte ich nicht akzeptieren. Wenn man Charaktere erfindet, kann man natürlich auch Dialoge und Ereignisse erfinden. Aber wenn man sich auf eine dokumentarische Vorlage stützt, dürfen die historische Ereignisse nicht verzerrt werden. Meine Familie kann sich nicht beschweren, sie ist tot. Also kann nur ich es tun.

          Sie haben gesagt, die schlimmste Szene sei jene, in der gezeigt werde, wie Sie Ihre Familie auf das Gelände des niederländischen Blauhelmkontingents geschmuggelt hätten, um sie zu retten. Was ist denn daran falsch?

          Mein Bruder war schon am Abend des 10. Juli auf das Gelände gekommen. Meiner Familie gelang es wie einigen tausend anderen Muslimen aus Srebrenica am nächsten Tag, durch ein Loch im Zaun des Stützpunkts ebenfalls auf das Gelände zu kommen. Später haben die Niederländer das Loch geschlossen, und die übrigen Leute mussten draußen bleiben. Im Drehbuch stand, dass ich meine Familie in der Menge draußen erblickt hätte und dann bei den Niederländern interveniert habe, um sie auf den Stützpunkt zu holen, während alle anderen zusahen und schrien, warum sie nicht auch gerettet werden. Wer wird nach einer solchen Szene noch Vertrauen zu mir haben? Soll ich den Rest meines Lebens damit verbringen, den Leuten zu sagen, dass die Szene in dem Film nicht der Wahrheit entspricht?

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