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Fidel Castro : Reflexionen eines Revolutionärs

  • -Aktualisiert am

„Maximo Lider” Fidel Castro Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Jahr nach seinem Rückzug von der Macht ergeht sich Fidel Castro über die vom Imperialismus bedrohte Welt im Allgemeinen. Mit erstaunlicher Offenheit kritisierte dagegen sein Bruder Raúl die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf Kuba. Von Matthias Rüb.

          Vor einem Jahr, am 31. Juli 2006, hat Fidel Castro die Macht an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Raúl übergeben – vorübergehend, wie es bis jetzt offiziell heißt. Seit er sich einer ersten von mehreren schweren Darmoperationen unterziehen musste, ist der Revolutionsführer nicht mehr öffentlich aufgetreten – und doch weiter präsent, in den vergangenen Wochen sogar in zunehmenden Maße. Seit einem Jahr leben die gut elf Millionen Kubaner in einer neuen Epoche – und es hat sich so gut wie nichts geändert.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Inzwischen glauben die meisten Fachleute, dass der Revolutionsführer, der am Neujahrstag 1959 an der Spitze der siegreichen Rebellen triumphal in Havanna einzog und am 13. August seinen 81. Geburtstag feiern wird, die Amtsgeschäfte nicht mehr offiziell übernehmen wird. Stattdessen dürfte er sozusagen weiter von der Seitenlinie aus das Spiel um die vorsichtige Reformierung des kubanischen Kommunismus beobachten und mit immer längeren Kommentaren in der Parteizeitung „Granma“ verfolgen.

          „Der Blockade widerstanden“

          Eine solche „Reflexion“, wie sie in der Amtssprache der gleichgeschalteten kubanischen Medien heißt, veröffentlichte Fidel auch am Jahrestag seines Rückzugs von der Macht. Den Anlass dafür erwähnte er so wenig wie seine Erkrankung oder seine persönlichen Pläne. Stattdessen erging sich Castro ausführlich über die soeben beendeten Panamerikanischen Spiele in Rio de Janeiro, die Lage Kubas und die vom amerikanischen Imperialismus bedrohte Welt im Allgemeinen. „Der wichtigste Erfolg der Revolution“, heißt es in Castros Beitrag, „besteht in der Fähigkeit, fast ein halbes Jahrhundert lang der Blockade (der Vereinigten Staaten) und allen Entbehrungen widerstanden zu haben.“

          Fernsehansprache zehn Monate nach der Machtübergabe

          Nach den vorigen „Reflexionen“, in welchen er etwa über seinen erfreulichen Appetit berichtet oder beschrieben hatte, wie ihn die Leistungen der kubanischen Athleten in Brasilien begeistert an den Fernsehschirm fesselten, war das die programmatisch bedeutendste Aussage Fidels der vergangenen Wochen. In mehreren seiner fast drei Dutzend „Reflexionen“ der vergangenen Monate hatte Castro das chinesische Modell der schrittweisen marktwirtschaftlichen Öffnung der kommunistischen Staatswirtschaft gepriesen. Ob daraus auch nur ein Hauch von Widerspruch zu den jüngsten Reden seines Bruders Raúl gelesen werden kann, wird gerätselt.

          Erstaunliche Offenheit

          Raúl hatte bei seiner Rede vom Donnerstag zum Gedenken an den Tag des gescheiterten Sturms der Rebellen auf die Kaserne von Moncada am 26. Juli 1953, der in Kuba als Auftakt zur fünfeinhalb Jahre später denn doch erfolgreichen Revolution gegen den Diktator Fulgencio Batista begangen wird, ähnliche Töne angeschlagen. Mit erstaunlicher Offenheit kritisierte Raúl, der im Vergleich zu seinem stets ideologisch erhitzten älteren Bruder als pragmatisch gilt, die fortdauernden wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf der Karibik-Insel.

          Die Produktion von Lebensmitteln sei zu ineffizient, was etwa zu dem unerträglichen Zustand geführt habe, dass Kuba Milch importieren müsse. Tatsächlich wurden kürzlich die staatlich kontrollierten Preise für einige Grundnahrungsmittel gehoben, auch Milch und Fleisch wurden teurer.

          Weiter beklagte Raúl den Zustand des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, den chronischen Wohnraummangel und ganz allgemein die Armut im Lande. Das monatliche Durchschnittseinkommen der Kubaner, das offiziell bei umgerechnet 30 Euro liegt, reicht bei weitem nicht aus, um die geschätzten Lebenshaltungskosten von etwa 80 Euro pro Monat zu decken. „Die Einkommen sind eindeutig zu niedrig, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen“, sagte Raúl Castro.

          Gesprächsangebot an Washington

          Fast jeder Kubaner weiß, was das bedeutet: Tag um Tag gilt es, mit illegalen, aber geduldeten Nebengeschäften ein paar konvertible Pesos zu verdienen, um über die Runden zu kommen.

          Als möglichen Ausweg aus der andauernden Wirtschaftskrise beschrieb Raúl verbesserte und effizientere Produktionsbedingungen in der Industrie und Landwirtschaft, und zu diesem Ziel müsse man sich auch verstärkt um Investitionen „seriöser Unternehmer“ aus dem Ausland bemühen. Es werde aber „keine spektakulären Veränderungen“ geben, vielmehr werde man den Weg der „struktureller und konzeptioneller Anpassungen“ fortsetzen.

          An die Adresse Washingtons richtete Raúl abermals die Bereitschaft zu Gesprächen, sollte die kommende amerikanische Regierung die „illegale und gescheiterte Politik“ der Sanktionen gegen Kuba aufgeben. Andernfalls werde sich die „ewige und einige Revolution“ auf Kuba weitere 50 Jahre dem feindlichen Nachbarn im Norden widersetzen. Der neue Führer baut wie der alte auf die Engelsgeduld, die Überlebenskunst und den mit antiamerikanischer Dauerpropaganda angefeuerten patriotischen Stolz der Kubaner.

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