https://www.faz.net/-gpf-8ns81

Fidel Castro ist gestorben : Der Mann, den sie Pferd nannten

  • -Aktualisiert am

Fidel Castro: Die Kubaner bewunderten ihn und sie verzweifelten an ihm, ihrem „Comandante“. Bild: AFP

Fast ein halbes Jahrhundert bestimmte er die Geschicke Kubas. Jetzt ist Fidel Castro, den die Kubaner heimlich „das Pferd“ nannten, gestorben. Ein Rückblick auf das Leben eines Kämpfers.

          Die Kubaner nannten ihren Comandante, wenn er sie nicht hörte, „el caballo“ – das Pferd. In dem Vergleich schwang die ganze Stimmungspalette von Bewunderung bis Resignation mit. Keiner konnte sich mit Fidel Castro messen, wenn es um Kraft, Ausdauer und Unverwüstlichkeit ging. Wer mehr als sechshundert Attentatsversuche überstanden hat, verfügt über eine eigene Magie. Fast ein halbes Jahrhundert lang war der Revolutionär, der aus dem Gebirge kam, an der Macht. Drei Viertel der zwölf Millionen Kubaner wurden in dieser Zeit geboren, jeder Zehnte floh vor ihm in die Vereinigten Staaten.

          Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 13. August 2006 musste er wegen einer Darmblutung die Staatsgeschäfte an seinen Bruder Raúl abgeben. Zehn Jahre später ist die Antwort auf die lange gestellte Frage „Was kommt nach Fidel?“ immer noch: Raúl. In der Nacht zum Samstag teilte der den Tod von Fidel Castro Ruz im Fernsehen mit dem Ausruf „Bis zum Sieg – immerdar“ mit. Er selbst will angeblich im Jahr 2018 abtreten.

          Öffnen

          Wie viele verfrühte politische Nachrufe wurden doch auf den „Breschnew der Karibik“ geschrieben. Sie galten dem „Konkursverwalter“ des neben Nordkorea letzten noch existierenden Relikts des realen Steinzeitkommunismus. Obwohl sich der Pensionär an den täglichen Regierungsgeschäften nicht mehr beteiligte, lastete sein Schatten unverändert über der Insel. Zuletzt ließ er den Bruder dann einige feindosierte „kapitalistische“ Anpassungen vornehmen, ohne aber das Regime und die Machtstruktur zu gefährden.

          Márquez: Castro Hauptstärke und Hauptschwäche der Revolution

          Raúl setzte auch mit Barack Obama die Annäherung an die Vereinigten Staaten in Gang, die Fidel mit größter und deutlich geäußerter Skepsis verfolgte. Für die geplagte Bevölkerung änderte sich einstweilen nicht allzu viel, obwohl die Lockerungsübungen schließlich zur – von Trump gefährdeten? – Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit den „Yankees“, der Hoffnung auf viele ausländische Investitionen sowie auf ein Ende des Washingtoner Embargos führten.

          Castros Freund, der verstorbene Schriftsteller Gabriel García Márquez, hatte zu Recht einmal diagnostiziert: „Fidel ist die Hauptstärke der Revolution, aber auch ihre Hauptschwäche.“ Der nach den offiziellen Biographien am 13. August 1926 als Sohn eines armen Einwanderers aus Spanien geborene Castro ist eine faszinierende Ausnahmeerscheinung in der Geschichte der lateinamerikanischen Führer.

          Der Jesuitenschüler und promovierte Jurist, der den Diktator Batista niederkämpfte und sich im Jahr 1959 selbst rasch zum Tyrannen aufschwang, hat zehn nordamerikanische Präsidenten herausgefordert, angefangen mit Eisenhower. Den elften Präsidenten, Barack Obama, hat er noch erlebt. Er hat die CIA-Invasoren im Jahr 1961 in der Schweinebucht besiegt und ein Jahr später in der Raketenkrise die beiden Großmächte im Kalten Krieg an den Rand eines atomaren Schlagabtausches gebracht.

          Er hat als marxistischer Revolutionär, anfangs noch im Verbund mit Che Guevara, versucht, ganz Lateinamerika auf den Weg zum Kommunismus zu bringen. Er führte in der Dritten Welt Stellvertreterkriege und schickte allein eine Viertelmillion Soldaten in das afrikanische Angola. Er provozierte den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan noch im Jahr 1983 mit dem Bau eines Militärflughafens auf der Insel Grenada, bis dieser Invasionstruppen entsandte.

          „Sozialismus oder Tod“, das war Castros Leitmotiv

          Er wandte sich 1988 empört gegen Gorbatschows Doppelstrategie von „Glasnost“ und „Perestrojka“. Und inmitten der wirtschaftlichen Verelendung verlor er so seinen wichtigsten Sponsor, bis Wladimir Putin den Kurs wieder korrigierte. Die Volksrepublik China, die Dollarüberweisungen der Exilkubaner aus Florida und das Öl des vor ihm gestorbenen Venezolaners Hugo Chávez, mit dem er noch eine letzte Aufwallung des linken Populismus ins Werk zu setzen suchte, waren doch nur magerer Ersatz.

          Als einer der dienstältesten Staats- und Regierungschefs der Welt hat Castro die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mitgeprägt. Gerühmt wurden insbesondere die exemplarischen Erfolge des kubanischen Gesundheits- und Erziehungswesens. Doch den tüchtigen Ärzten fehlten längst die Medikamente, und den gut ausgebildeten Schulabgängern die Arbeitsplätze. In der ökonomischen Misere Kubas, in welcher ein Stück Seife kostbare Mangelware war, blühten die Korruption, der Filz und die Trägheit.

          Jener Castro, der über Jahrzehnte Gegner und Kritiker verfolgen, einsperren und bisweilen auch hinrichten ließ, hat in seinen letzten Jahren selbst noch manches zaghaft gesteckte privatwirtschaftliche Liberalisierungspflänzchen wieder ausgerissen. Doch die aus der Not geborene Annäherung an den Westen, die Bruder Raúl unter seinen Argusaugen betrieb, scheint er schließlich akzeptiert zu haben. Denn die zum grausigen Leitmotiv erklärte Alternative „Sozialismus oder Tod“ war auch auf der Karibikinsel schließlich nicht mehr alternativlos.

          Weitere Themen

          Mehrere Verletzte bei Explosion in Lyon

          Frankreich : Mehrere Verletzte bei Explosion in Lyon

          Bei einer Explosion im Stadtzentrum von Lyon sind laut Behörden mindestens 13 Menschen verletzt worden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von einem „Angriff“. Der mutmaßliche Täter ist auf der Flucht.

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.

          Macron reagiert im Livestream Video-Seite öffnen

          „Angriff“ in Lyon : Macron reagiert im Livestream

          In der Fußgängerzone der französischen Stadt Lyon ist offenbar eine Paketbombe explodiert. In einem Live-Interview auf YouTube und Facebook während einer Wahlveranstaltung der Partei La Republique En March sprach Macron von einem Angriff.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

          Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.