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Brand in Notre-Dame : Ein Albtraum in Frankreichs Herzkammer

Am Morgen nach dem Brand meldet die Feuerwehr: Vollständig gelöscht! Bild: Helmut Fricke

Die stolze Kathedrale Notre-Dame ist seit Jahrhunderten der Ort, an dem die Franzosen sich ihrer Wurzeln besinnen. Bis spät in die Nacht wachen, bangen und hoffen viele fassungslos. Bis es am Morgen zumindest etwas Entwarnung gibt.

          War es alles nur ein Albtraum? Am Morgen danach erscheint der verheerende Brand in der Kathedrale Notre-Dame, dem Wahrzeichen von Paris, noch immer unfassbar. Bis spät in die Nacht haben Anwohner und andere Schaulustige stumm gewacht, immer wieder die vom Brand entstellte Silhouette fotografiert. Die berühmte, bei der Renovierung im 19. Jahrhundert vom Architekten Eugène Viollet-le-Duc erbaute Kirchturmspitze ist Opfer der Flammen geworden und eingestürzt. Aber die beiden Glockentürme sowie die Hauptstruktur des gotischen Baus haben der Feuerbrunst standgehalten. Am Place Saint-Michel versammelten sich spontan junge Franzosen, viele Studenten aus dem Quartier Latin, und stimmten in „Ave Maria“-Gesänge ein. Die Flammen haben das christliche Gedächtnis Frankreichs geweckt. Der pensionierte Literaturpapst Bernard Pivot flehte: „Maria, warum schreitest Du nicht ein? Warum lässt Du zu, dass das schönste Haus Frankreichs von den Flammen gefressen wird?“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Erst kurz nach 5 Uhr morgens vermeldet Einsatzleiter Gabriel Plus, dass der Brand gelöscht und die letzten Glutherde unter Kontrolle sind. Annähernd 500 Feuerwehrleute hatten die ganze Nacht unermüdlich gegen die Flammen gekämpft. Die Staatsanwaltschaft, die noch in der Nacht Ermittlungen wegen fahrlässiger Brandstiftung eingeleitet hat, will gleich am Dienstagmorgen Bauarbeiter verhören lassen. Denn das Feuer ist gegen 18 Uhr 50 im Dachstuhl unterhalb der Kirchturmspitze ausgebrochen, genau jenem Bauteil, auf den sich derzeit die Renovierungsarbeiten konzentrierten.

          Es besteht der Verdacht, dass es bei Schweißarbeiten an der Metallstruktur zu einem Schwelbrand gekommen sein kann, der sich nach Feierabend der Bauarbeiter ausbreitete. Vor drei Tagen hatte das Erzbistum von Paris spektakuläre Filmaufnahmen gezeigt, wie die Figuren der zwölf Apostel und der vier Evangelisten mit einem Spezialkran aus schwindelerregender Höhe zur Renovierung in Sicherheit gebracht wurden. Die Renovierung der Kathedrale, deren Bau 1163 begonnen und 150 Jahre später beendet wurde, war vor vier Jahren beschlossen worden.

          Präsident Emmanuel Macron, der seine mit großem Brimborium angekündigte Fernsehansprache zum weiteren Reformkurs kurzfristig absagen musste, hat den Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame versprochen. „Ab morgen bauen wir sie wieder auf“, sagte der Präsident kurz vor Mitternacht. Die staatliche Denkmalschutzbehörde soll eine Spendensammelaktion organisieren. Macron lud „die besten Handwerker und Künstler aus aller Welt“ ein, sich am Wiederaufbau zu beteiligen.

          Der stolze Bau hatte Kriege und Revolutionen so gut wie unbeschadet überstanden. Während der Juli-Revolution 1830 wurde das Innenschiff verwüstet. Das gab Schriftsteller Victor Hugo den Anstoß zu seinem Jahrhundertroman „Notre Dame de Paris“, der in deutscher Sprache den Titel „Der Glöckner von Notre Dame“ trägt. Hugos Wunsch war es, dass sich die Bevölkerung des architektonischen Schatzes bewusst wird, den sie mit der Kathedrale von Generation zu Generation weitergibt. Dieses kollektive Bewusstsein ist auch im weitgehend säkularisierten Frankreich bis heute nicht gewichen. Die wichtigsten historischen Ereignisse in der Kathedrale lernt jedes Schulkind, etwa als zum Ende des 100jährigen Krieges 1430 der neun Jahre alte Henry VI, König von England, zum französischen König gesalbt wurde.

          „Der historische Schatz ist gerettet“

          Die Heirat des Protestanten Henri de Navarre mit der katholischen Marie de Valois (genannt Margot) in Notre-Dame 1572 bildete den Vorwand für die blutige Bartholomäusnacht. Unvergessen ist auch die Zeremonie im Dezember 1804, bei der sich Napoleon in der Kathedrale in Anwesenheit von Papst Pius VII. selbst die Kaiserkrone aufsetzte. 1996 nahm der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in der Kathedrale Platz, um der Trauerfeier für seinen Freund, den langjährigen französischen Präsidenten François Mitterrand beizuwohnen. Ihm kullerten dabei vor Ergriffenheit die Tränen aus den Augenwinkeln. Notre-Dame ist ein Ort geblieben, in die es die Franzosen zieht, wenn sie sich ihrer Wurzeln besinnen wollen. Nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 versammelten sie sich spontan auf dem Vorplatz und zu Messen im Inneren.

          Fassungslos fotografiert ein Passant am Montagabend den Brand der Kathedrale Notre-Dame, einem der berühmtesten Wahrzeichen der Welt

          Noch ist das Ausmaß der Brandschäden nicht genau bekannt. Der französische Chefarchitekt für denkmalgeschützte Bauten, Philippe Villeneuve, ließ sich am Dienstag mit beruhigenden Worten vernehmen. „Der historische Schatz ist gerettet“, sagte er. Der größte Verlust stelle der ins 13. Jahrhundert zurückgehende Dachstuhl aus Eichenholz dar, der vollständig abbrannte. Die wichtigsten Kulturschätze aus dem Kirchenschiff seien gerettet worden, darunter die Dornenkrone Christi, eine der kostbarsten christlichen Reliquien, die König Louis IX. dem Kaiser von Konstantinopel abgekauft hatte.

          Die Struktur der Kathedrale konnte ebenso wie die beiden Türme gerettet werden
          Flammen uns Rauch im Inneren der Kathedrale während des Brandes
          Der kleine Spitzturm der Kathedrale konnte nicht gerettet werden

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