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Fethullah Gülen : Erdogans mächtigster Gegner

Fetullah Gülen ist unter Muslimen äußerst beliebt, weshalb Erdogan sich bisher mit offener Kritik an dessen Bewegung zurückhält Bild: dpa

Fethullah Gülen ist der stärkste Opponent des türkischen Regierungschefs aus dem islamischen Lager. Er ist mehr als ein Prediger. Er weiß nicht nur, wie das politische Spiel funktioniert – er kann es auch spielen.

          Hakan Sükür spielt schon seit Jahren nicht mehr, aber er ist unvergessen bei seinen Landsleuten. Mehr als 200 Tore erzielte Sükür für seinen Stammverein Galatasaray Istanbul, und in 112 Einsätzen für die türkische Nationalmannschaft traf er 51 Mal – so häufig wie kein anderer Spieler. Nach nur 11 Sekunden gelang ihm bei der WM 2002 im Spiel um Platz drei gegen die südkoreanischen Gastgeber der Führungstreffer. Auch dank des schnellsten Treffers in der WM-Geschichte gewann die Türkei das Spiel, und die WM in Asien wurde zum bis heute erfolgreichsten Turnier des türkischen Verbands. Als Hakan Sükür 2008 seine sportliche Karriere beendete, begann er eine zweite Laufbahn als Politiker. Er ließ sich als Kandidat für die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) nominieren, die Machtmaschine des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Aus dem Stürmer in Istanbul wurde ein Parlamentsabgeordneter in Ankara. Einige Jahre lang war Sükür ein treuer Parlamentarier Erdogans. Doch nie machte er ein Geheimnis daraus, dass seine eigentliche Loyalität einem anderen galt: Fethullah Gülen, dem seit 1999 im toleranten Pennsylvania lebenden Führer der islamischen Bewegung „Hizmet“ (Dienst).

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Auf Youtube ist ein Video aus alten Zeiten zu sehen, das Sükür, Erdogan und Gülen noch in trauter Gemeinsamkeit zeigt. Es wurde auf Sükürs Hochzeit aufgenommen, bei der Gülen und Erdogan, damals Bürgermeister Istanbuls, als Trauzeugen anwesend waren. Wer sich damals in wessen Glanz sonnte, ist kaum zu sagen. Die drei Männer profitierten wohl alle voneinander. Als es nun im Dezember zum Bruch zwischen dem Prediger Erdogan und dem Prediger Gülen kam – beziehungsweise als der seit längerem schwelende Konflikt zwischen ihnen offen ausbrach –, schlug sich Sükür umgehend und eindeutig auf die Seite Gülens. Er trat aus der AKP aus und veröffentlichte dazu eine Stellungnahme, die sich in dieser Deutlichkeit in der Türkei heute nur erlauben kann, wer finanziell unabhängig oder sehr mutig ist: „Seit mehr als 20 Jahren kenne und liebe ich die Hizmet-Bewegung“, bekannte Sükür. Dass die AKP Gülens Bewegung, die über Jahre hinweg „in jeder Angelegenheit“ eng an der Seite der Regierung gestanden habe, jetzt als Feind behandele, sei „bestenfalls undankbar“, schimpfte der nun wieder parteilose Star.

          Für den ehemaligen Fußballspieler und bekennenden Fußballfan Erdogan war Sükürs Rücktritt ein unangenehmer Schlag – zumal er nicht direkt zurückschlagen konnte. Erdogan kämpft in diesem Konflikt zwar mit aller Härte, doch offene Kritik an Fethullah Gülen, gar unter Nennung von dessen Namen, vermied er bisher. Zu hell strahlt das Charisma des bei Millionen Muslimen beliebten islamischen Predigers, als dass Erdogan ihn direkt angreifen könnte. So verlegt sich der Regierungschef auf die schon nach den Gezi-Protesten im Frühsommer von ihm verbreiteten Verschwörungstheorien. Er spricht von einer „ausländischen Verschwörung“ und einer „schmutzigen Allianz“ gegen die Türkei, ohne deutlicher zu werden. Den Rest erledigen die von der Regierung beziehungsweise von regierungsnahen Konzernen kontrollierten Massenmedien. Sie sprechen von einer „Bande“ und „illegalen Organisationen“, die es zu bekämpfen gelte – dass damit die Hizmet-Bewegung gemeint ist, machen sie sehr deutlich.

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