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Fernsehduell in Großbritannien : Einstudierte Bemerkungen, verbale Hiebe

Hat die Namen der Fragesteller fleißig notiert: Nickl Clegg Bild: AP

Großbritanniens Premierminister Brown und sein Widersacher Cameron haben die historische Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten verloren. Während sie sich in den Haaren lagen, nutzte Nick Clegg seine Chance. Der Liberaldemokrat hatte den besten aller Tricks.

          Gordon Brown hat zwar noch nicht die Wahl, aber eine bedeutende Debatte verloren. Es kann dem britischen Premierminister nur ein schwacher Trost sein, dass es seinem wichtigsten Konkurrenten, dem konservativen Oppositionsführer Cameron, ganz genauso ergangen ist: Beide haben in der ersten Fernsehdebatte der Spitzenkandidaten, die jemals in einem britischen Wahlkampf veranstaltet wurde, den Kürzeren gezogen gegenüber einem Dritten, der der Öffentlichkeit im Vereinigten Königreich bislang noch eher unbekannt war: Nick Clegg, der Anführer der Liberaldemokraten, galt genau aus diesem Grunde allerdings zuvor schon als Favorit der Wettbüros - und er nutzte seine Chance.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die drittgrößte Partei leidet im britischen Parteiensystem unter einer systematischen Diskriminierung: Sie findet weder im Wahlrecht oder in den parlamentarischen Regeln, noch im Focus der Medien den Anteil von Aufmerksamkeit, der ihr nach ihrem Stimmenanteil zukäme. Der lag bei mehr als 20 Prozent bei der Wahl vor fünf Jahren. Die gleichberechtigte Teilnahme an der nationalen Fernsehdebatte bot den Liberaldemokraten und ihrem jungen Parteichef Clegg daher eine seltene Gelegenheit, sich dem Wählerpublikum überhaupt vorzustellen. Und Clegg nutzte diesen Überraschungsmoment, indem er sich und seine Partei den Wählern gleich als neue, unverbrauchte - und vom zähen Spesenskandal des Unterhauses unbefleckte - Abwechslung von „den beiden alten Parteien“ anbot.

          Und während die beiden alten Kampfhähne Cameron und Brown, die sich jeden Mittwoch zur Fragestunde im Unterhaus aneinander im Streit messen, einige sorgfältig einstudierte Bemerkungen und verbale Hiebe anbrachten, die den jeweils anderen herabsetzen oder das eigene Image korrigieren sollten, verzichtete Clegg auf solche Tricks - er wandte stattdessen andere an. Clegg notierte sich sorgfältig die Namen aller Studiogäste, die während der neunzig Minuten währenden Debatte Fragen an die drei Politiker stellten, und rief sie in seinen Schlussworten sämtlich noch einmal auf.

          Es war die erste im Fernsehen übertragene Debatte der Spitzenkandidaten

          Frisierte Wahlplakate

          Eher penetrant wirkten Camerons wiederholte Hinweise, während das Thema Erziehung erörtert wurde, dass seine Söhne eine staatliche Grundschule (statt einer exklusiven privaten Anstalt) besuchen. Das verfehlte den Zweck, sich und seine Familie als gewöhnliche Mitglieder der Mittelklasse zu präsentieren, schon deswegen, weil es sich bei der betreffenden Schule immerhin um eine kirchliche Einrichtung in einer sehr gediegenen Wohngegend handelt.

          Gordon Brown wiederum gab einige sorgfältig einstudierte Witzchen über Cameron zum besten, etwa, dass sein Herausforderer zwar „Wahlplakate frisieren“ könne (tatsächlich zeigte Cameron auf einem Plakat ein überaus glattgebürstetes Gesicht), nicht aber die politischen Vorschläge der Konservativen in gleicher Weise zu behandeln vermöge.

          Mit dem Schlussgong strömten die Helfer, die Hinweisgeber und Geschichtenerzähler der Parteien unter die Journalisten, um ihnen ihr jeweils parteiisches Urteil anzubieten. Sämtliche Granden der Labour-Partei - vom Wahlkampfstrategen Lord Mandelson bis hin zum Innenminister Johnson - äußerten die gleiche, offenkundig zuvor vereinbarte Zeile: Clegg habe „stilistisch“ die Debatte gewonnen, konzedierten sie, aber Brown habe „die meiste Substanz“ gezeigt. Die Zuschauer votierten indes in mehreren Ad-hoc-Umfragen, die nach dem Ende der Sendung erhoben wurden, deutlich anders: Sie gaben Clegg mit Abstand die besten Noten; setzten Cameron auf Platz zwei und wiesen Brown als den größten Verlierer aus.

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