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Ferguson : Atemholen in der Kampfzone

Um Deeskalation bemüht: Der Polizeioffizier Ronald S. Johnson spricht am Donnerstagabend mit Demonstranten in Ferguson. Bild: REUTERS

Martialisch auftretende Polizisten prägten tagelang das Bild in der amerikanischen Vorstadt Ferguson. Nun hat ein Schwarzer die Einsatzleitung - und erstmals bleiben die rituellen Gewaltausbrüche aus.

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          Jay Nixon, der Gouverneur von Missouri, hat die seinem Kommando unterstehende Autobahnpolizei mit der Herstellung der öffentlichen Ordnung in Ferguson beauftragt. In der Vorstadt von St. Louis, die verwaltungstechnisch eine eigenständige Stadt ist, war es jeden Abend zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei gekommen, seit ein Polizist am Samstagnachmittag auf offener Straße einen unbewaffneten Achtzehnjährigen erschossen hatte.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am Mittwoch hatten Bürgermeister und Stadtrat von Ferguson die Bevölkerung angewiesen, öffentliche Gebete und Proteste zum Gedenken an Michael Brown rechtzeitig vor Sonnenuntergang einzustellen. Obwohl der Bürgermeister Wert auf die Feststellung legte, keine allgemeine Ausgangssperre verhängt zu haben, wirkte das Demonstrationsverbot für die Nachtstunden als Provokation. Erst recht strömten nun vor der Ladenzeile, die am Sonntag geplündert worden war, die Empörten zusammen.

          Auch die Taktik der Demonstranten ist provokativ: Mit Sprechchören fordern sie die Polizisten auf, sie in Gewahrsam zu nehmen. Diese rhetorische Aggression verstehen die Organisatoren der Proteste als vorbeugende Notwehr: Sie wollen deutlich machen, dass in einer Gemeinde wie Ferguson, wo nur drei der 53 Beamten der örtlichen Polizeitruppe Schwarze sind, kein Schwarzer vor willkürlichen Übergriffen der Polizei sicher sein kann.

          Tränengas und Rauchbomben

          Am Mittwoch lieferten die Beamten wieder reichlich Anschauungsmaterial für diese These. Als die Polizei um neun Uhr abends die Versammlung aufzulösen versuchte, widersetzte sich die Menge. Um diesen Widerstand, der in der Bürgerrechtsbewegung Tradition ist, durch Ausharren zu brechen, soll die Polizei Tränengas und Rauchbomben eingesetzt haben. Mehr als zehn Personen wurden festgenommen, darunter ein Stadtratsmitglied aus der Stadt St. Louis sowie zwei Reporter vielgelesener und angesehener Presseorgane, die nach ihrer Freilassung sogleich darüber berichteten, dass sie rau angefasst worden seien und über die Gründe ihrer Festnahme keine Auskunft bekommen hätten. Das nationale Echo war verheerend. Am Donnerstag meldeten sich nationale Politiker zu Wort, bis hinauf zum Präsidenten.

          Dieser hatte schon am Dienstag in einer schriftlichen Mitteilung eine gründliche Untersuchung des Todesfalls gefordert und gleichzeitig die Demonstranten ermahnt, Ruhe zu bewahren und dem Toten durch friedlichen Protest Respekt zu erweisen. Die Familie Obama macht derzeit Urlaub auf Martha’s Vineyard, einer Insel südlich von Cape Cod mit hoher Luxusferienhausdichte. Auch in der schwarzen Oberschicht, deren Chronist der Rechtsprofessor und Romancier Stephen Carter ist, erfreut sich die Insel einiger Beliebtheit. Obama kann sich dort in diesen Tagen mit Henry Louis Gates von der Harvard-Universität treffen, dem berühmtesten Professor für afro-amerikanische Studien, den er einmal zu einem Friedensgespräch ins Weiße Haus eingeladen hatte, nachdem Gates mit einem Polizisten aneinandergeraten war, der ihn für einen Einbrecher hielt, als er versuchte, in sein eigenes Haus einzusteigen.

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