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FAZ.NET-Fernsehkritik : Zwischen Größenwahn und Opferrolle

  • -Aktualisiert am

Bild: ZDF

In seinem spektakulären ZDF-Interview spulte der iranische Staatspräsident Ahmadineschad fast nur die üblichen Verschwörungstheorien ab. Dennoch wurde deutlich: Die Aussichten auf Entspannung sind schlecht.

          Was hat den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad nur bewogen, in seinem spektakulären Interview mit Claus Kleber und dem ZDF folgenden Satz zu sagen: „Wenn Ahmadineschad eine Bombe bauen möchte oder will, wird er das bekanntgeben. Und wenn wir sagen, wir bauen keine Bombe, dann bauen wir keine Bombe“. Ist das nur Größenwahn?

          Seit geraumer Zeit steht der populistische Präsident in seinem Land mit dem Rücken zur Wand, in den jüngsten Wahlen zum Parlament erlitten seine Anhänger eine dramatische Niederlage, während die Parteigänger der „Prinzipalisten“ um den geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei kräftig zulegten. So spricht manches dafür, dass Ahmadineschad durch diese hybriden Worte in dem fortdauernden Machtkampf mit dem Obersten Führer der Islamischen Republik auch ein Zeichen nach innen setzen wollte: An mir führt kein Weg vorbei.

          Verrannt in Verschwörungstheorien

          Überhaupt war dieses Interview eine Mischung aus Ahmadineschads persönlichen Meinungen und Idiosynkrasien und iranischer Staatsräson. Dass Chomeinis Republik seit 33 Jahren mit den Vereinigten Staaten und Israel verfeindet zu sein hat, ist gängige Lehre im Staat der Mullahs; doch der Präsident verrannte sich in dem Gespräch noch mehr in seine wiederholt vorgetragene Leugnung des Holocaust.

          Wegen des eigenen, unklaren Atomprogramms auf die Drohungen seitens Israels und die Kriegsgefahr angesprochen, brachte er vor, dass niemand über die 250 Sprengköpfe „der Zionisten“ rede; dabei sei Iran kein „künstlicher Staat“. Israel gründe - so Ahmadineschad auf Nachfrage des Reporters – auf der „Lüge des Holocaust“. Damit erfüllte Ahmadineschad nach deutschem Recht den Tatbestand der Volksverhetzung.

          Zur Kooperation verpflichtet

          Dass das iranische Atomprogramm den harten Kern dieses Gesprächs ausmachen würde, war zu erwarten. Iran ist hier – im Unterschied zu Israel, das nichts unterzeichnet hat - vertraglich zur Kooperation und Offenlegung mit der Internationalen Atomenergie–Behörde (IAEA) in Wien verpflichtet. Man spürte, dass sich Irans Präsident bei seiner schroff-ablehnenden Haltung in dieser Frage getragen wusste von der Mehrheitsmeinung der Iraner. Auch Gegner des Regimes beharren darauf, dass Iran das Recht habe, die Nukleartechnik zu nutzen, zumal für friedliche Zwecke, und dass sich das Ausland da herauszuhalten habe.

          Freilich muten die Äußerungen Ahmadineschads völlig widersprüchlich an: Iran wolle keine Atombombe, diese sei unmoralisch, ein Instrument des vergangenen Jahrhunderts. Sie habe die Sowjetunion nicht vor dem Zerfall bewahrt. Warum lässt Iran dann die Internationale Atomenergie-Behörde nicht an Ort und Stelle überprüfen, ob das Atomprogramm nicht doch dem Erwerb der Bombe diene? So sei die Krise nämlich ganz einfach zu lösen, wie der Journalist nachhakte. Da lag die – immer wieder vorgebrachte - Behauptung Ahmadineschads fast schon auf der Hand, die Organisation sei „nicht unabhängig“.

          „Durch Druck wird nichts erreicht“

          Wie andere Vertreter des Regimes brachte auch Ahmadineschad wieder jene bis in die Zeit des Schahs Reza Pahlewi reichenden Verschwörungstheorien aufs Tapet, die seit Jahrzehnten von Teherans Repräsentanten gebetsmühlenartig wiederholt werden. Die Welt werde von „einigen Staaten“ regiert; gemeint sind die Vereinigten Staaten, England, Frankreich und auch „die deutsche Regierung“ („Das deutsche Volk lieben wir“), doch verstoße das gegen die Gerechtigkeit. Iran sei eine „große Nation“, bei der Druck oder Sanktionen nichts bewirkten, schon gar nicht in Sachen Atomprogramm. Durch Diskriminierung Irans werde nichts erreicht, und das iranische Volk lasse sich nicht „beleidigen“

          Der iranische Präsident bediente mit solchen Worten eine weit verbreitetet Haltung in Iran, die eine Mischung aus hohem Kulturbewusstsein einerseits und historisch zu erklärenden kollektiven Minderwertigkeitskomplexen andererseits ist. Das immer wieder gehörte Stichwort lautete: Augenhöhe. Da wird die in manchem durchaus kritikwürdige, oft einseitige Politik des Westens umgedeutet zu einer gigantischen Verschwörung, in der Iran die ewige Opferrolle zugedacht ist.

          Ewig in der Opferrolle

          Dies entspricht den Erfahrungen, welche die iranischen Schiiten in langen Jahrhunderten der islamischen Geschichte gemacht haben. Es gehört auch zum rhetorischen Sprachschatz, die brutale Unterdrückung der Opposition, den Vorwurf der Folter und den generellen Mangel an Menschenrechten in der Islamischen Republik mit Hinweisen auf die den Palästinensern verweigerten Menschenrechte zu konterkarieren. Da fühlt sich Ahmadineschad auch als Sprecher der gesamten islamischen Welt und findet Anklang damit.

          Angesichts der in dem Gespräch zutage getretenen Kompromisslosigkeit Ahmadineschads in der Atomfrage sinken die Chancen, dass dieser Konflikt durch Dialog und Diplomatie allein gelöst werden kann. Iran, so die Botschaft, wird sich Sanktionen nicht beugen und im Ernstfall grausam zurückschlagen: „Würde dies nicht auch Amerika tun, wenn es angegriffen würde?“, fragte Mahmud Ahmadineschad. Die Aussichten auf Entspannung sind schlecht.

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