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Unruhen in Chile : Das Elend der Armut

  • -Aktualisiert am

Demonstranten treffen in Valparaiso auf Polizisten Bild: Reuters

Die Lage in Chile ist dramatisch. Die Proteste entzünden sich an der gewaltigen sozialen Ungleichheit. Kehrt nun der linke Populismus zurück, der die Massen mit Staatsgeld ruhigstellt?

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          Dass es nun auch Chile erwischt, ist eine bittere Nachricht für Südamerika. Das Land am südlichen Zipfel des amerikanischen Kontinents galt in den vergangenen Jahren stets als Musterbeispiel für einen gelungenen marktwirtschaftlichen Kurs. Das Pro-Kopf-Einkommen ist hoch, die Wirtschaft exportstark; Inflation, Arbeitslosigkeit und öffentliche Verschuldung sind niedrig. Nichts davon ist in den Nachbarländern selbstverständlich. Und trotzdem hat nun gerade eine wirtschaftliche Frage zu schweren Unruhen geführt. Dass zum ersten Mal seit Ende des Pinochet-Regimes wieder Soldaten in der Hauptstadt eingesetzt werden, zeigt, wie dramatisch die Lage ist.

          In Chile hat der gleiche Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht wie in anderen südamerikanischen Ländern: die gewaltige soziale Ungleichheit, die auch in guten Jahren nicht wesentlich geringer geworden ist. So wie in Chile jetzt eine Erhöhung der Ticketpreise zum Aufstand führt, so war es in Ecuador kurz zuvor die Anhebung der Benzinpreise. In Argentinien spielt in der aktuellen Krise, die Präsident Macri bei der Wahl Ende der Woche das Amt kosten könnte, eine Anhebung von Strom- und Wasserpreisen eine Rolle. Und selbst in Bolivien muss ein sozialistischer Staatschef, der eigentlich viele Sozialprogramme aufgelegt hat, um sein Amt bangen.

          Die Lage ist nicht in jedem Land vergleichbar. Aber es fällt doch auf, dass viele Gesellschaften der Region immer noch in eine kleine, sehr reiche Oberschicht, eine dünne Mittelklasse und eine große, in bedrückenden Verhältnissen lebende Unterschicht zerfallen. Die Diktaturen der Vergangenheit sind verschwunden, sieht man von Kuba und Venezuela ab, aber das Elend der Armut nicht.

          Die Tragödie des Kontinents besteht darin, dass bürgerliche Regierungen, die daran etwas mit Wachstum ändern wollten, nun scheitern. Chile ist, genauso wie das Nachbarland Argentinien, ein Beispiel dafür. Dass Präsident Piñera von einem „Krieg“ spricht, ist ein Eingeständnis, dass er mit seinem Latein offenbar am Ende ist. Vor ein paar Jahren sah es so aus, als ob Südamerika den linken Populismus abschütteln könne, der die Massen mit Staatsgeld ruhigzustellen pflegt, aber letztlich nur auf Pump lebt. Kehrt er jetzt zurück?

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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