https://www.faz.net/-gpf-9sgnc

Unruhen in Chile : Das Elend der Armut

  • -Aktualisiert am

Demonstranten treffen in Valparaiso auf Polizisten Bild: Reuters

Die Lage in Chile ist dramatisch. Die Proteste entzünden sich an der gewaltigen sozialen Ungleichheit. Kehrt nun der linke Populismus zurück, der die Massen mit Staatsgeld ruhigstellt?

          1 Min.

          Dass es nun auch Chile erwischt, ist eine bittere Nachricht für Südamerika. Das Land am südlichen Zipfel des amerikanischen Kontinents galt in den vergangenen Jahren stets als Musterbeispiel für einen gelungenen marktwirtschaftlichen Kurs. Das Pro-Kopf-Einkommen ist hoch, die Wirtschaft exportstark; Inflation, Arbeitslosigkeit und öffentliche Verschuldung sind niedrig. Nichts davon ist in den Nachbarländern selbstverständlich. Und trotzdem hat nun gerade eine wirtschaftliche Frage zu schweren Unruhen geführt. Dass zum ersten Mal seit Ende des Pinochet-Regimes wieder Soldaten in der Hauptstadt eingesetzt werden, zeigt, wie dramatisch die Lage ist.

          In Chile hat der gleiche Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht wie in anderen südamerikanischen Ländern: die gewaltige soziale Ungleichheit, die auch in guten Jahren nicht wesentlich geringer geworden ist. So wie in Chile jetzt eine Erhöhung der Ticketpreise zum Aufstand führt, so war es in Ecuador kurz zuvor die Anhebung der Benzinpreise. In Argentinien spielt in der aktuellen Krise, die Präsident Macri bei der Wahl Ende der Woche das Amt kosten könnte, eine Anhebung von Strom- und Wasserpreisen eine Rolle. Und selbst in Bolivien muss ein sozialistischer Staatschef, der eigentlich viele Sozialprogramme aufgelegt hat, um sein Amt bangen.

          Die Lage ist nicht in jedem Land vergleichbar. Aber es fällt doch auf, dass viele Gesellschaften der Region immer noch in eine kleine, sehr reiche Oberschicht, eine dünne Mittelklasse und eine große, in bedrückenden Verhältnissen lebende Unterschicht zerfallen. Die Diktaturen der Vergangenheit sind verschwunden, sieht man von Kuba und Venezuela ab, aber das Elend der Armut nicht.

          Die Tragödie des Kontinents besteht darin, dass bürgerliche Regierungen, die daran etwas mit Wachstum ändern wollten, nun scheitern. Chile ist, genauso wie das Nachbarland Argentinien, ein Beispiel dafür. Dass Präsident Piñera von einem „Krieg“ spricht, ist ein Eingeständnis, dass er mit seinem Latein offenbar am Ende ist. Vor ein paar Jahren sah es so aus, als ob Südamerika den linken Populismus abschütteln könne, der die Massen mit Staatsgeld ruhigzustellen pflegt, aber letztlich nur auf Pump lebt. Kehrt er jetzt zurück?

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Weiterhin keine Ruhe in Chile Video-Seite öffnen

          Proteste halten an : Weiterhin keine Ruhe in Chile

          In der Hauptstadt Santiago lieferten sich Demonstranten auch am Montag Straßenschlachten mit der Polizei. Viele Menschen in Chile stören sich an der extremen sozialen Ungleichheit und verlangen Reformen.

          Topmeldungen

          Trotz geringer Einwohnerzahl: Mit mehr als einer Billion Dollar ist der norwegische Staatsfonds der größte der Welt.

          Staatsfonds in Deutschland : Schaut nach Norwegen

          Deutschland altert, das Rentensystem stößt an seine Grenzen. Kommt als Lösung nun ein deutscher Staatsfonds? Klarheit könnte der anstehende CDU-Parteitag bringen.
          Donald Trump jr. im Oktober in San Antonio

          Die Familie des Präsidenten : Wahlkampf mit Trump Junior

          In der Familie von Präsident Donald Trump hat fast jeder seine Aufgabe. So ist Donald Trump jr. auf Wahlkampftour, während Schwester und Schwager direkt im Weißen Haus arbeiten. Zielgruppe sind besonders junge Leute.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.