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Fatmir Sejdiu : Besonnen

Fatmir Sejdiu Bild: AP

Der neue Kosovo-Präsident Sejdiu scheint keine natürlichen Feinde zu haben, selbst von politischen Gegnern ist kein böses Wort zu hören. Trotzdem steht ihm ein schweres Erbe bevor, denn wie läßt sich die Nachfolge eines Denkmals antreten?

          2 Min.

          Fatmir Sejdiu scheint keine natürlichen Feinde zu haben. Alle, die ihm persönlich begegnet sind, schildern den neuen Präsidenten des Kosovo als besonnen und freundlich, selbst von politischen Gegnern ist kein böses Wort überliefert.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Deshalb wurde seine Nominierung als Kandidat für die Nachfolge des verstorbenen Präsidenten Ibrahim Rugova auch von den ausländischen Diplomaten und der UN-Übergangsmission im Kosovo mit Erleichterung aufgenommen: Sejdiu galt als idealer Kompromißkandidat, seine Kandidatur schien Gewähr für eine glimpfliche Nachfolgeregelung zu bieten.

          Geburtsstunde der kosovarischen Demokratie?

          Bisher hat sich diese Hoffnung auch erfüllt, denn das Ringen um das Präsidentenamt verlief ohne merkliche Beben in der politischen Landschaft des Kosovo, und wenn die Diadochen doch fochten, so fochten sie im dunkeln.

          Vielleicht wird Rugovas Tod sogar einmal als inoffizielle Geburtsstunde der kosovarischen Demokratie und Unabhängigkeit gelten. Es war nicht zu übersehen, daß die Trauerfeier für ihn von der einheimischen Regierung als Staatsbegräbnis eines noch nicht existierenden Staates inszeniert wurde. Das Begräbnis im Beisein vieler hoher Repräsentanten des Auslands verlief ohne Zwischenfälle, alle logistischen und politischen Hürden nahm die politische Führung in Prishtina souverän.

          Der wahre Machtkampf steht noch aus

          Das war die erste Reifeprüfung. Auch die zweite ist nach der Wahl durch das Parlament Sejdius nun bestanden - alles lief besser als befürchtet. Das heißt freilich noch nicht, daß im Kosovo nun die Demokratie ausgebrochen wäre, denn besser als befürchtet ist in diesem Fall noch lange nicht gut. Der wahre Machtkampf im Kosovo steht noch aus, das Amt des Präsidenten ist nämlich weitgehend zeremonieller Art.

          Der wichtigere Posten ist der des kosovo-albanischen Verhandlungsführers bei den direkten Gesprächen über den nächsten Status der Provinz in Wien. Daß Sejdiu auch dort als Chef die Nachfolge Rugovas antreten wird, ist möglich, aber noch nicht entschieden. Sicher ist, daß Sejdiu das Präsidentenamt nicht so ausfüllen wird wie sein Vorgänger, denn eine „Ikone“, ein „Übervater“, eine „Symbolgestalt“ steht nicht mehr auf der politischen Bühne des Kosovo, seit Rugova sie verlassen hat. Für die Entwicklung eines demokratischen Systems in dem UN-Protektorat kann das nur von Vorteil sein.

          Mitglied der ersten Stunde

          Wie aber läßt sich die Nachfolge eines Denkmals antreten? Formal ist Sejdiu, der an der juristischen Fakultät der Universität von Prishtina lehrte, Präsident aller Kosovaren, doch ob er sich das Vertrauen der Serben erwerben kann, steht dahin. In der Demokratischen Liga, der früher von Rugova dominierten stärksten Partei im Übergangsparlament des Kosovo, war Sejdiu Mitglied der ersten Stunde. Wie alle gut ausgebildeten Kosovo-Albaner seiner Generation beherrscht er die serbische Sprache, was er in seinem offiziellen Lebenslauf jedoch nicht erwähnt.

          Geboren wurde Sejdiu am 23. Oktober 1951 im Norden der Provinz, in dem kosovarischen Dorf Pakashtice (serbisch Pakastica), das nur wenige Kilometer jenseits der Grenze zu Serbien liegt, dessen Provinz das Kosovo formal noch ist. Sejdiu wird all seine politische Energie daransetzen, die Provinzgrenze jenseits seines Heimatdorfes zu einer Grenze zwischen zwei souveränen Staaten aufzuwerten.

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