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Farc-Anführer Cano getötet : Der Kopf der Guerrilla

  • -Aktualisiert am

Alfonso Cano auf einem Bild aus dem Jahr 2000 Bild: dapd

Nach dem Tod Alfonso Canos könnte sich der Zerfall der kolumbianischen Guerrilla-Organisation „Farc“ beschleunigen. Cano war ein Intellektueller, der den Anschein vermitteln konnte, die vom Drogenhandel korrumpierten Farc verfolgten politische Ziele.

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          Seit Monaten waren die kolumbianischen Streitkräfte und Spezialeinheiten der Polizei hinter ihm her, manches Mal ihm schon regelrecht auf den Fersen. Doch jetzt erst ist es der Luftwaffe und Bodentruppen gelungen, den Sicherheitsring zu sprengen und Alfonso Cano, den bislang höchsten Anführer der Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc), im Departement Cauca zu stellen. Er habe versucht zu fliehen und sei im Kampf getötet worden, bestätigte Verteidigungsminister Juan Carlos Pinzón. Zusammen mit ihm wurden seine Lebensgefährtin und ein für die Kommunikation zuständiger Guerrillero getötet. Sein „Sicherheitschef“, der „Indio Efraín“, wurde gefangengenommen.

          Für Präsident Juan Manuel Santos war es der bislang größte Schlag gegen die Farc-Guerrilla in ihrer fast fünf Jahrzehnte langen Geschichte. Er richtete einen Appell an die Gefolgschaft Canos, zu desertieren. „Sonst werdet Ihr entweder im Gefängnis oder im Grab landen“, prophezeite Santos. Seit mindestens zwei Wochen hatte sich Cano in dem Gebiet bei den Ortschaften Suárez, Jambaló und Toribio in der Cauca-Region, weit entfernt von seinem angestammten Aufenthaltsort in der Zentralkordillere, aufgehalten.

          Präsident Juan Manuel Santos verkündet der Presse den Tod von Alfonso Cano

          Den üppigen Vollbart, neben der markanten Hornbrille mit den großen Gläsern sein „Markenzeichen“, hatte er abrasiert, weshalb er nicht sogleich erkannt wurde. Anhand der Fingerabdrücke konnte er identifiziert werden. Bei der Militäroperation wurden sieben Computer, 39 USB-Stifte, 24 Festplatten, zwei Maschinengewehre und 194 Millionen kolumbianische Pesos, Dollars, Euros und andere Währungen gefunden.

          Das Geld dürfte hauptsächlich aus dem illegalen Drogenhandel, der Haupteinnahmequelle der Farc, stammen. Cano hatte die Führung der Farc übernommen, als vor dreieinhalb Jahren der legendäre Anführer Manuel Marulanda gestorben war. Anfang März 2008 war außerdem der „Generalsekretär“ der Guerrilla, Raúl Reyes, bei einer Militäroperation getötet worden, für die Präsident Santos als damaliger Verteidigungsminister verantwortlich war.
          Guillermo León Sáenz Vargas, wie Cano mit bürgerlichem Namen hieß, war einer der wenigen Intellektuellen der Farc.

          Das war, neben einigen militärischen Erfolgen, die er erzielt hatte, auch einer der Hauptgründe, weshalb er als oberster Chef nach dem Tod der beiden bis dahin mächtigsten Führerfiguren in Frage kam. Er war am ehesten in der Lage, den Anschein zu vermitteln, dass die Farc hehre politische Ziele verfolgten, obwohl der Rauschgifthandel sie längst korrumpiert hatte und die Guerrilla seit langem eher einer kriminellen Bande glich.

          Cano studierte Anthropologie

          Cano entstammte einer Familie der oberen Mittelschicht in Bogotá. Sein Vater war Agronom, die Mutter Pädagogin. Er studierte Anthropologie, beschäftigte sich sich mit Hegel und Marx und kam zu dem Schluss, dass der bewaffnete Kampf zur Durchsetzung von deren Ideen nötig sei. Deshalb trat Cano Ende der siebziger Jahre den Farc bei und verwaltete von 1978 an die Finanzen der Guerrilla-Organisation. Später war er Anführer des „Westblocks“ der Guerrilla. Er war Organisator einer Reihe von Massakern und spektakulären Entführungsaktionen wie etwa jenem Überfall 2002 im Cauca-Tal, bei dem zwölf Abgeordnete eines Regionalparlaments als Geiseln genommen und elf von ihnen später in Gefangenschaft ermordet wurden.

          Schon der Tod von „El Mono Jojoy“ galt als entscheidender Schlag

          Als vor einem Jahr der „Militärchef“ der Farc, Jorge Briceño, „El Mono Jojoy“, getötet wurde, galt dies bereits als entscheidender Schlag gegen die Guerrilla, weil Briceño, Canos rechte Hand, als besonders blutrünstig galt und deshalb in der kolumbianischen Öffentlichkeit noch mehr verhasst war als der „Ideologe“ Cano, dem es gelang, auch nach dem Verlust des „Mono Jojoy“ die Truppe halbwegs zusammenzuhalten. Es kam seitdem zu einigen größeren Attentaten und Angriffen auf die staatlichen Sicherheitskräften, bei denen Soldaten und Polizisten getötet wurden.

          Nach dem Fall Canos dürfte sich nach Ansicht von Beobachtern der Zerfall der Farc beschleunigen. Schon Cano hatte nicht die Statur eines Raúl Reyes oder Manuel Marulanda. Die Figuren, die in der Führung jetzt nachrücken könnten, wie etwa Ivan Márquez, der bislang die „internationalen Beziehungen“ pflegte, haben noch weniger Profil. Dass sich die Farc in absehbarer Zeit gänzlich auflösen, ist allerdings kaum zu erwarten.

          Solange die Guerrilla-Organisation über üppige Einnahmen aus dem Drogenhandel verfügt, wird sie weiterexistieren, sich allenfalls in eine Reihe von Banden aufspalten, die jeweils auf eigene Rechnung die Bevölkerung terrorisieren und noch schwerer zu bekämpfen sind als die bislang vom sogenannten Sekretariat mit seinem obersten Befehlshaber streng zentralistisch und hierarchisch organisierte Guerrilla. 

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