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Familiendrama in Afghanistan? : Rätsel um entführten Deutschen

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der 42 Jahre alte Harald K. ist in der Provinz Herat verschleppt worden. Der zum Islam konvertierte und mit einer Afghanin verheiratete Bayer soll während seiner Arbeit für die Hilfsorganisation „Grünhelme“ 87.000 Euro unterschlagen haben. In Deutschland wurde gegen ihn deshalb Haftbefehl erlassen.

          In Afghanistan ist abermals ein deutscher Staatsbürger entführt worden. Dies bestätigte der afghanische Präsident Hamid Karzai am Montag. Der Mann sei mit einer Afghanin verheiratet und inzwischen zum islamischen Glauben konvertiert.

          Zuvor hatte schon der Polizeichef der Provinz Herat, Mohammad Juma Azim, die Entführung bestätigt. Unbekannte Bewaffnete hätten das Auto mit Harald K., dessen Ehefrau und Schwager gestoppt und ihn aus dem Wagen gezerrt, wurde Azim zitiert.

          Der Deutsche wird seit Sonntagabend vermisst. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte lediglich mit, es gehe entsprechenden Hinweisen nach. Nach F.A.Z-Informationen handelt es sich um den aus Mittelfranken stammenden 42 Jahre alten Schreiner Harald K., der seit 2003 in Afghanistan lebt und anfangs für die Hilfsorganisation „Grünhelme“ arbeitete, die dort Schulen, Werkstätten und Krankenhäuser errichtet.

          Der 42 Jahre alte Schreinermeister aus der Oberpfalz lebt seit 2003 in Afghanistan, ist mit einer Afghanin verheiratet, zum Islam übergetreten und hat den muslimischen Namen Abdul Rahman angenommen

          Harald K. sei heute nicht mehr für die Organisation tätig, bestätigte der Mitbegründer der „Grünhelme“, Aiman Mazyek; K. sei nach seinem Einsatz aber in Herat geblieben. Inzwischen habe er den Namen Abdul Rahman angenommen.

          In Deutschland zur Fahndung ausgeschrieben

          Nach Justizangaben vom Montagabend wird Harald K. wegen des Verdachts der Veruntreuung von Hilfsgeldern per Haftbefehl in Deutschland gesucht. Der Bonner Staatsanwalt Jörg Schindler sagte, K. sei seit dem 2. Februar dieses Jahres zur Fahndung ausgeschrieben. Es gebe bisher aber keinen internationalen Haftbefehl.

          Nach Angaben der „Berliner Zeitung“ haben die „Grünhelme“ am 20. September 2006 bei der Staatsanwaltschaft Berlin Strafanzeige erstattet. Dem Mann werde vorgeworfen, als Aufbauhelfer beim Bau einer Schule in Afghanistan 87.300 Euro unterschlagen zu haben. Der Fall sei an die Staatsanwaltschaft Bonn weitergegeben worden, nachdem K. unter seiner Meldeadresse in Berlin nicht angetroffen worden sei. Die „Grünhelme“ haben in Troisdorf bei Bonn ihren offiziellen Sitz.

          „Vieles auf die leichte Schulter genommen“

          Der Anwalt von Harald K., Georg Seidenschwand bestätigte der Nachrichtenagentur AP, dass gegen K. in Deutschland ein Haftbefehl besteht. „Man tut ihm aber sicher Unrecht, wenn man sagt, der ist Afghanistan geblieben, um hier einer Strafe zu entgehen“, sagte der Anwalt.

          Harald K. habe sogar damals die Erlaubnis des Gerichts gehabt, für ein paar Monate für sein „Grünhelm“-Engagement nach Afghanistan zu reisen. „Erst als er unten geblieben ist, kam es zum Haftbefehl.“ Möglicherweise sei K. bei seiner Entführung eine Charaktereigenschaft zum Verhängnis geworden: „Er hat oft zu vieles auf die leichte Schulter genommen“, sagte der Anwalt. Dies sei auch der Hauptgrund gewesen, warum K. mit seinen Geschäften in Deutschland mehrmals mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei.

          „Ein guter Muslim“

          Rupert Neudeck, der Leiter der „Grünhelme“ sowie Gründer und frühere Leiter der Hilfsorganisation „Cap Anamur“, sagte der Agentur AP lediglich, einer seiner Mitarbeiter in Herat habe ihm mitgeteilt, „dass die Nachricht dort rumgeht. Aber meistens ist ja etwas dran an solchen Gerüchten“.

          Das mutmaßliche Entführungsopfer war anscheinend in afghanischen Regierungskreisen bekannt. Handels- und Industrieminister Armin Farhang sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, er sei von dem Fall persönlich „sehr tief betroffen“. Er habe das Opfer im Zusammenhang mit einem Hilfsprojekt in Herat mehrfach getroffen und schätzen gelernt. Der Entführte sei „ein guter Muslim, ein großer Helfer und Freund der Afghanen. Wir werden alles tun, damit er und seine afghanische Familie so schnell wie möglich wieder in Frieden leben können“.

          Aus dem Wagen gezerrt

          Nach Informationen der F.A.Z. ist unklar, ob Harald K. noch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Demnach hat er seine spätere Frau bei seinem ersten Einsatz als Projektleiter für die „Grünhelme“ im Jahr 2003 kennengelernt. Dafür nahm er nicht nur den muslimischen Glauben, sondern auch die afghanische Staatsangehörigkeit an. Anschließend sah sich K. offenbar gezwungen, mit seiner Familie Herat zu verlassen und in die Hauptstadt Kabul zu ziehen. Entführt wurde er nun aber wohl in Herat.

          Ein Grund dafür könnte in den Angaben liegen, die die afghanischen Polizei machte: Danach soll sich seine afghanische Frau wegen ihrer Beziehung mit K. von ihrem Cousin getrennt haben, mit dem sie verheiratet gewesen sei. Dadurch sei es zu einem Zerwürfnis in der Familie gekommen, das letztendlich zu der Verschleppung geführt habe. ARD und ZDF berichteten am Montagabend übereinstimmend, die afghanische Frau sei angeblich einem afghanischen Mann „versprochen gewesen“, es handele sich daher vermutlich um eine persönliche Auseinandersetzung.

          Grünen-Kandidat für die Landtagswahl

          Harald K. hatte anscheinend zwischenzeitlich auch eine politische Karriere in Deutschland angestrebt. Ursprünglich sei er SPD-Mitglied in Amberg gewesen; 2002 habe er dann für die Grünen für den Stadtrat kandidiert, 2003 sogar für den Landtag, berichtete „sueddeutsche.de“.

          Harald K. ist bereits der fünfte Bundesbürger, der in diesem Jahr in Afghanistan entführt wurde. Zuletzt kam am 10. Oktober der Ingenieur Rudolf Blechschmidt nach fast dreimonatiger Geiselhaft frei. Er war zusammen mit seinem Kollegen Rüdiger D. im Juli in der Provinz Wardak südwestlich von Kabul verschleppt worden. D. wurde in der Geiselhaft nach einem Kreislaufzusammenbruch erschossen.

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