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OPCW-Bericht zum Fall Skripal : Eine Fischvergiftung war es jedenfalls nicht

Der Fall Skripal: Fachleute untersuchen den Anschlagsort im britischen Salisbury Bild: AFP

Eigentlich hätte der Kreml gelassen auf den OPCW-Bericht reagieren können. Denn er enthält keine neuen Beweise für eine russische Täterschaft – und er steht nicht im Widerspruch zu einer Moskauer Version des Vorfalls.

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          Eigentlich hätte die russische Regierung ganz ruhig auf den Bericht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) über den Nervengiftanschlag von Salisbury reagieren können. In der veröffentlichten Zusammenfassung werden weder Russland noch der Name des eingesetzten Gifts erwähnt. Dennoch hat das russische Außenministerium den Bericht gleich in Zweifel gezogen und als Teil einer Kampagne gegen Russland bezeichnet. Dabei bringt dieser Ausschnitt des Berichts keine neuen Indizien für eine direkte oder indirekte Täterschaft des russischen Staates. Damit sind nur jene Geschichten aus den staatlichen russischen Medien aus der Welt, die so phantasievoll sind, dass sie von russischen Offiziellen nie ernsthaft vertreten wurden: eine Fischvergiftung oder der Einsatz von Rattengift aus familiären Gründen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Die Bestätigung der OPCW, dass die britischen Ermittlungen zum Typ des Gifts richtig seien, steht jedoch nicht im Widerspruch zu einer Version, die von Außenminister Sergej Lawrow gleich aufgebracht wurde, nachdem die Briten erstmals mitgeteilt hatten, der frühere russische Agent Sergej Skripal und seine Tochter Julija seien am 4. März mit dem in der Sowjetunion entwickelten Nervengift Nowitschok angegriffen worden.

          Er sagte, auch Amerika und vermutlich weitere westliche Staaten seien im Besitz des Giftes – was vermutlich richtig ist. Lawrow benannte auch Wege, wie Nowitschok in die Hände des Westens gelangt ist: Mehrere an seiner Entwicklung beteiligte russische Chemiker sind in den neunziger Jahren in die Vereinigten Staaten emigriert. Zudem haben amerikanische Fachleute Ende der neunziger Jahre ein ehemaliges sowjetisches C-Waffen-Testgelände dekontaminiert.

          Russland verwehrt Anerkennung des Resultats

          Für die Analyse der OPCW-Fachleute gilt das Gleiche wie für die Untersuchungen des britischen Chemiewaffen-Labors in Porton Down: Mit technischen Mitteln kann eine Herkunft des Gifts aus Russland nicht nachgewiesen werden, solange die Proben aus Salisbury nicht mit Proben aus Laboren in Russland verglichen werden können, in denen Gift des gleichen Typs hergestellt worden ist.

          Der russische Außenminister Sergej Lawrow Mitte März bei einem Treffen mit dem Nationalen Sicherheitsberater von Südkorea im russischen Außenministerium

          Überraschend kam die harsche Reaktion Moskaus freilich nicht. Hatte Lawrow von der britischen Regierung anfangs gefordert, sie solle sich an die OPCW wenden, damit der Anschlag auf die Skripals entsprechend den Regularien der Organisation untersucht werden könne, so haben russische Diplomaten in dem Moment damit begonnen, die Glaubwürdigkeit dieser Analysen in Zweifel zu ziehen, in denen der Fall tatsächlich bei der OPCW gelandet war. Russland werde kein Resultat anerkennen, an dessen Erstellung es nicht beteiligt gewesen sei, ließen russische Diplomaten bei verschiedenen Gelegenheiten verlauten. Der Sinn einer Untersuchung durch die OPCW besteht gleichwohl gerade darin, dass keine der interessierten Parteien daran beteiligt ist.

          Die Sprecherin des russischen Außenministeriums behauptete nun am Donnerstagabend, in dem OPCW-Bericht fehlten Informationen, „wer bei wem unter welchen Umständen Analysen genommen hat“. Wenn das so wäre, dann würden in der veröffentlichten Zusammenfassung falsche Angaben gemacht. Darin heißt es nämlich unter Punkt vier, das Team der OPCW habe den verletzten Personen „unter der vollen Überwachungskette“ selbst Blut abgenommen, und unter Punkt fünf, die Fachleute hätten eigene Proben aus der Umwelt entnommen; unter Punkt sechs wird mitgeteilt, dass das Team zudem zu Vergleichszwecken Material aus den von den britischen Ermittlern genommenen Proben erhalten habe.

          Warum streut Moskau verwirrende Versionen?

          Zuvor hatte ein Sprecher des russischen Industrieministeriums zum wiederholten Male darauf hingewiesen, dass Russland die Vernichtung seiner Chemiewaffen-Bestände unter Aufsicht der OPCW im September 2017 abgeschlossen hat. Die Existenz der nun unter dem Namen Nowitschok zusammengefassten Nervengifte hat Russland freilich nie formal zugegeben. Sie wurden der OPCW nicht gemeldet, sodass die Organisation auch ihre Vernichtung nicht bestätigen konnte – falls sie überhaupt stattgefunden hat.

          Will man den Aussagen mehrerer ranghoher russischer Diplomaten glauben, kann Russland gar keine Vorräte von Nowitschok vernichtet haben, weil es weder in der Sowjetunion noch in Russland produziert worden sei. In einem Interview mit der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti hat im März einer der Mitentwickler jedoch über ein großes Team berichtet, das an der Entwicklung von Nowitschok gearbeitet und „sehr gute Resultate“ erzielt habe.

          Bleibt die Frage: Warum streut die russische Regierung so widersprüchliche und verwirrende Versionen? In der Antwort könnte der Grund für die ablehnende Reaktion auf den OPCW-Bericht stecken. Am Freitag wurde ein Brief des Sicherheitsberaters von Premierministerin Theresa May an Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg öffentlich. Darin schrieb er, Skripal und seine Tochter seien vor dem Giftanschlag mindestens fünf Jahre lang ausspioniert worden.

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