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Fall Mladic : Lauter letzte Fristen

Der Ton der Regierenden in Belgrad gegenüber Mladic hat sich in den vergangenen Monaten immer weiter verschärft. Als Kostunica im März 2004 sein Amt als Ministerpräsident Serbiens antrat, tat er die Kooperation mit dem Haager Tribunal noch als Nebensache ab. Auslieferungen angeklagter Serben lehnte er ab.

Mehrheit in Umfragen für eine Verhaftung Mladics

Jetzt sprechen seine Berater davon, im Fall Mladic sei die politische Entscheidung zur Auslieferung längst gefallen, der Rest seien technische Fragen. Sie berufen sich dabei auch auf Umfragen, nach denen mittlerweile sogar eine knappe Mehrheit der Serben für die Verhaftung Mladics ist. Darauf berief sich auch der in Belgrad für Minderheiten zuständige Minister Rasim Ljajic, ein Muslim, als er in dieser Woche andeutungsvoll davon sprach, seit langer Zeit habe es nicht mehr einen derart günstigen Zeitpunkt für die Verhaftung Mladics gegeben wie jetzt.

Ljajic zitierte eine Umfrage, nach der sich vor kurzem 57 Prozent der Befragten in Serbien für eine Verhaftung Mladics ausgesprochen haben. „Das ist bisher der größte Prozentsatz“, stellte Ljajic zufrieden fest. Die deutlichsten Äußerungen zur Causa Mladic kommen aber von Verteidigungsminister Zoran Stankovic, der den General schon mehrmals indirekt aufgefordert hat, sich entweder dem Tribunal zu stellen und dort seine Unschuld zu beweisen oder - sollten die Anklagepunkte gegen ihn zutreffen - Selbstmord zu begehen.

„Glaubst du, daß du wichtiger bist als dieses Land?“

In einem in dieser Woche verbreiteten Interview forderte Stankovic Mladic abermals auf, sich zu seinem eigenen Richter zu machen, und appellierte mit geschickt eingesetztem Populismus an den Patriotismus des Gesuchten: „Glaubst du, daß du wichtiger bist als dieses Land und dieses Volk? Verstehst du, daß du dieses Land in Armut und Isolation hinabziehst?“ Auch der stellvertretende serbische Innenminister versicherte am Dienstag, Serbien werde seine Zusammenarbeit mit dem Tribunal „sehr, sehr bald“ unter Beweis stellen. Allerdings könnte Frau Del Ponte mit solchen und ähnlichen Versprechen serbischer Politiker ein ganzes Beschwerdebuch füllen.

Die serbischen Medien spekulierten am Mittwoch unter Verweis auf zuverlässige Quellen - die der Natur des Berichtsgegenstands gemäß nicht näher genannt wurden - jedenfalls weiter über eine bevorstehende Auslieferung Mladics. Der Belgrader Fernsehsender B92 vermeldete am Mittwoch zwar ein Dementi der Haager Chefanklägerin zu den Nachrichten über die Verhaftung, wiederholte aber die eigene Darstellung, laut der ranghohe Quellen dem Sender versichert hätten, Mladic sei verhaftet worden.

Der Sender empfiehlt sich in der Regel durch vertrauenswürdige und unaufgeregte Berichterstattung. Allerdings haben die im Zweifel linksliberalen Hauptstadtjournalisten von B92 gerade zum Milieu der Kriegsverbrecher und ihrer Helfer naturgemäß weniger gute Kontakte als einige der dubiosen nationalistischen Boulevardzeitungen Belgrads. Dubios ist freilich auch die Ausgangsquelle der jüngsten Entwicklung im Fall Mladic. Von dessen Verhaftung hatte zunächst ein lokaler Fernsehsender aus dem bosnischen Städtchen Bijeljina berichtet, was dann eifrig aufgegriffen wurde. Einige serbische Medien erinnerten am Mittwoch daran, daß dieser Sender auch schon den Tod des bosnischen Präsidenten Izetbegovic im Jahr 2003 als erster gemeldet hatte - etwas zeitig allerdings, drei Monate vor seinem tatsächlichen Tod.

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