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Khashoggi-Kommentar : Kritik wird nicht geduldet

  • -Aktualisiert am

Das saudische Konsulat in Istanbul Bild: AP

Offensichtlich hat die saudische Führung die unangenehmen Folgen der mutmaßlichen Tötung des saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi unterschätzt. Nun sucht die Führung nach einem Sündenbock.

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          Türkische Ermittler suchen nach Hinweisen im saudischen Konsulat in Istanbul und in der Residenz des Konsuls; der amerikanische Außenminister Pompeo wird zu Gesprächen nach Riad entsandt; und die Führung des Königreichs soll eine Erklärung vorbereiten, in der sie die Tötung des Regimekritikers und Journalisten Khashoggi zugibt, aber die Verantwortung dafür von sich weist.

          Im Dreieck Ankara–Riad–Washington ist einiges in Bewegung gekommen; auf vielen Ebenen dürfte gegenwärtig verhandelt werden, und zwar auch, um zu verhindern, dass der Fall Khashoggi vollends zu einer Großkrise wird. Schon jetzt belastet er die saudisch-amerikanischen Beziehungen. Weil die so eng sind, geraten sie unter Rechtfertigungsdruck – zu Recht.

          Hat Riad Ankara unterschätzt?

          Offensichtlich hat die saudische Führung um den Thronfolger Muhammad Bin Salman die Weiterungen der mutmaßlichen Tötung (Ermordung?) des saudischen Dissidenten unterschätzt. So wie sie die technischen Fähigkeiten der türkischen Sicherheitsbehörden zum Abhören und zum Ausspähen unterschätzt hat.

          Schon früh hat die türkische Regierung Riad Mord vorgeworfen. Zwei Wochen lang wies Saudi-Arabien den Vorwurf barsch zurück. Und jetzt wird an einer Darstellung des Geschehens gearbeitet, welche Riad, also niemanden anderen als den Thronfolger, von Verantwortung dafür freispricht, dass Khashoggi im saudischen Konsulat zu Tode gekommen ist?

          Ein Verhör sei aus dem Ruder gelaufen, Agenten hätten auf eigene Faust gehandelt. Präsident Trump hatte am Montag ominös von einem „rogue killer“ gesprochen. Das hörte sich schon nach Sprachregelung an. Warum aber wurde Khashoggi, der wegen seiner geplanten Heirat ins Konsulat gekommen war, überhaupt verhört? Womöglich gefoltert? Weil er die saudische Politik und den selbstherrlichen Thronfolger kritisierte; weil er dem Absolutismus den Spiegel vorhielt. Nun sucht die Führung nach einem Ausweg, einem Sündenbock.

          Saudi-Arabien ist in wirtschaftlicher, geopolitischer und strategischer Hinsicht Schlüsselland am Golf und in der arabischen Welt. Das und lukrative Geschäftsaussichten sind der Grund, warum moralische Entrüstung oft nicht weit trägt. Prinz Muhammad hat vielversprechende Reformen angestoßen, auch in Richtung gesellschaftliche Modernisierung. Doch am absolutistischen Herrschaftscharakter ändert das nichts. Kritik wird im Wüstenkönigreich nicht geduldet.

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