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Fall Babtschenko : Warum der angebliche Journalisten-Mord Russland in die Karten spielt

Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde Ende Februar 2015 im Zentrum Moskaus mit mehreren Schüssen in den Rücken ermordet; wegen der Tat sind einige Tschetschenen verurteilt worden, aber kein Hintermann wurde zur Rechenschaft gezogen, wie bei keinem einzigen Mord an einem Kritiker Putins in dessen 18 Jahren an der Macht. Die Ermordeten seien, so Schirinowskij weiter, ein „bequemes Ziel“ gewesen, um ihren Tod als „Intrige Moskaus“ darzustellen.

Suggeriert wird mit solchen Aussagen, dass sich die Feinde Putins untereinander töten, um Russlands Herrscher mit Vorwürfen zu schaden. Auch in teils auf „Trolle“ zurückgehenden Internetkommentaren war neuerlich von solch einem „sakralen Opfer“ die Rede, das Russland und Putin schaden solle, besonders mit Blick auf die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft.

Der angeblich in Kiew ermordete russische Journalist Arkadi Babtschenko reagiert auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes SBU.

Babtschenkos vermeintlicher Tod hatte unter russischen Journalisten und Weggefährten große Bestürzung ausgelöst. Nachrufe würdigten besonders das schriftstellerische Schaffen Babtschenkos, in dem er seine Einsätze in beiden Tschetschenien-Kriegen verarbeitet. In den ersten war Babtschenko noch als Rekrut eingezogen worden, am zweiten nahm er als Berufssoldat teil. Beide Male wurde er Zeuge des sinnlosen Sterbens, des Sogs von Gewalt und Hass, der zum Selbstzweck wird.

Diese Erfahrungen haben Babtschenko zum Kriegsgegner gemacht – und zu einem scharfzüngigen und provokativen Gegner des Kriegsherrn Putin. Es war seine demonstrative Verweigerung von Mitgefühl für Dutzende Militärchorangehörige und Staatsmedienmitarbeiter gewesen, die auf dem Weg zu Konzerten in Syrien Ende 2016 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, die die Drohungswelle ins Rollen brachte, angesichts derer Babtschenko Russland verlassen musste. „Nicht ich habe mir diesen Staat und seine Kamarilla zum Gegner gemacht“, schrieb er dazu. „Der Staat und seine Kamarilla haben mich zu ihrem Gegner gemacht. Sie haben mich als Nationalverräter und Feind bezeichnet.“

„Ein Geschenk für den verhassten Kreml“

Das mochte erklären, warum in den offiziellen Stellungnahmen zu Babtschenkos vermeintlichem Tod außen vor blieb, dass er als Soldat sein Leben für Russland riskiert hatte. Einzig Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des Föderationsrats, des Oberhauses, sagte, man müsse seine Hinterbliebenen unterstützen, denn unabhängig von seiner politischen Position habe er doch einst für Russland gekämpft. Die „Wiederauferstehung“ von Kiew sorgte dann in Russland für eine Welle von Mark-Twain-Zitaten („Die Nachrichten über meinen Tod sind stark übertrieben“), für Freude unter Babtschenkos Freunden, aber auch für Kritik. „Ein größeres Geschenk hätte er dem verhassten Kreml nicht machen können“, schrieb etwa die Zeitung „Moskowskij Komsomolez“ über Babtschenkos Zusammenarbeit mit dem SBU für die Inszenierung. Das Staatsfernsehen feierte einen Glaubwürdigkeitsverlust westlicher Medien, die die Todesnachricht gebracht hatten, obwohl man Letztere auch selbst vermeldet hatte.

Unabhängige russische Journalisten erinnerten hingegen an Fälle, in denen auch russische Ermittler den Tod von Leuten vorgetäuscht hatten, um die Hintermänner von Auftragsmorden zu überführen. Ein früherer Arbeitgeber Babtschenkos, die kritische Zeitung „Nowaja Gaseta“, aus deren Reihen schon mehrere Journalisten ermordet worden sind, kommentierte, man könne erst dann wirklich die Inszenierung beurteilen, wenn der SBU alle seine Beweise vorgelegt habe. Noch sehe die Kette eher schwach aus. Auch fühlte sich die Zeitung von den Angaben des SBU, der von Moskauer Diensten angeworbene „Organisator“, ein ukrainischer Bürger „G.“, habe weitere 30 Personen ermorden sollen, auf ungute Weise an unglaubwürdige Erfolgsmeldungen des russischen Geheimdiensts FSB erinnert.   Zu hoffen sei, so die Zeitung weiter, dass vor Gericht Fakten präsentiert würden, „die wirklich solche Opfer von Seiten Babtschenkos und seiner Verwandten rechtfertigten“.

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