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Falkland-Krieg : Ein Abenteuer mit verheerenden Folgen

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„Basta, Piraten!“ Argentinische Soldaten lesen Zeitung, April 1982 Bild: REUTERS

Vor 30 Jahren begann der Falklandkrieg - ein Bericht fällt ein vernichtendes Urteil über die argentinische Junta. Vor allem hatte Argentinien die Entschlossenheit Großbritanniens, den Archipel im weit entfernten Südatlantik zu verteidigen, völlig unterschätzt.

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          Es war von vornherein ein schlecht vorbereitetes militärisches Abenteuer, und es fehlte an fast allem: an einer wohldurchdachten Logistik und einer wirkungsvollen Zusammenarbeit aller Waffengattungen, an modernem Fluggerät und einer geeigneten U-Boot-Flotte, an hinreichend ausgebildeten und ausgerüsteten Truppen. Der Falklandkrieg, den die argentinische Militärjunta vor 30 Jahren vom Zaun brach, musste in einem Desaster enden.

          Die politische und strategische Planung war von Improvisation und Fehleinschätzungen bestimmt. Allein schon der Zeitpunkt für den Kriegsbeginn am Beginn des Winters auf der Südhalbkugel war schlecht gewählt. Vor allem hatte Argentinien die Entschlossenheit Großbritanniens, den Archipel im weit entfernten Südatlantik zu verteidigen, völlig unterschätzt.

          Am Anfang war die Euphorie groß: Kundgebung vor dem Regierungssitz in Buenos Aires im April 1982 Bilderstrecke
          Am Anfang war die Euphorie groß: Kundgebung vor dem Regierungssitz in Buenos Aires im April 1982 :

          Ende 1982, ein halbes Jahr nach der schmachvollen Niederlage auf der in Argentinien Malvinas genannten Inselgruppe, gab die letzte Junta der Militärdiktatur einen Bericht über den Kriegsverlauf in Auftrag. Eine aus sechs ranghohen Militärs bestehende Kommission sollte die Verantwortlichkeiten für den „Konflikt im Südatlantik“ analysieren und bewerten. Der nach dem damaligen General Benjamin Rattenbach benannte Bericht enthält eine schonungslose Auflistung aller Fehler, Irrtümer und Versäumnisse, die zu dem Krieg geführt haben. Die Militärführung und der damalige Außenminister Nicanor Costa Méndez hatten nicht erkannt, dass die britische Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher von dem Überfall zwar überrascht wurde, doch fest entschlossen war, sich mit allen militärischen Mitteln gegen die Besetzung durch Argentinien zu wehren. Außerdem nahm die Junta an, Washington werde sich in dem Konflikt neutral verhalten. Tatsächlich hat Nordamerika jedoch London politische Schützenhilfe geleistet und die britischen Streitkräfte logistisch unterstützt.

          Gewaltige Streitmacht

          Der Krieg begann am 2. April 1982 mit der Landung argentinischer Marineinfanteristen am Mullet Creek. Die Soldaten rückten auf Port Stanley (von Argentinien Puerto Argentino genannt) vor, später besetzten Einheiten Südgeorgien und die südlichen Sandwichinseln. Großbritannien reagierte rasch, entsandte die Flugzeugträger „Invincible“ und „Hermes“, zeigte sich zeitweise zwar kompromissbereit, baute zugleich jedoch eine gewaltige Marine- und Luftstreitmacht auf, um Argentinien von dem Archipel zu vertreiben. Anfang Mai versenkten die Briten mit Torpedos den argentinischen Kreuzer „Belgrano“. Dabei wurden weit mehr als 300 argentinische Besatzungsmitglieder getötet. Der Verlust des emblematischen Schiffs verhärtete die Haltung der argentinischen Militärs, denen es wenig später gelang, einen britischen Zerstörer zu versenken und später auch weitere Schiffe, die London entsandt hatte, schwer zu beschädigen oder gleichfalls zu versenken.

          Doch immer neue britische Truppen, die auf dem Archipel an Land gebracht wurden, lieferten sich mit den schlecht ausgerüsteten und ungenügend vorbereiteten argentinischen Einheiten erbitterte Schlachten. Der Fall von Port Stanley - das mittlerweile nur noch Stanley heißt - führte am 14. Juni 1982 zu einer Waffenruhe und am Tag darauf zur endgültigen Einstellung der Kampfhandlungen. Für Margaret Thatcher war der militärische Sieg auch ein wichtiger politischer Erfolg, weil ihre Popularität zu jener Zeit wegen der hohen Arbeitslosigkeit und anderer innenpolitischer Probleme stark gesunken war. Ihren Triumph bei den Wahlen im Juni des folgenden Jahres verdankte sie auch dem militärischen Sieg Großbritanniens im Südatlantik. Der Falklandkrieg kostete nach offiziellen Angaben 265 britischen und 712 argentinischen Soldaten das Leben.

          Die Niederlage führte schließlich in die Demokratie

          In dem Bericht des Generals Rattenbach kommt der argentinische Diktator Leopoldo Fortunato Galtieri als Oberbefehlshaber besonders schlecht weg. Aber auch vielen anderen militärischen Führungskräften Argentiniens wird schweres Fehlverhalten vorgeworfen. Der für die Streitkräfte wenig schmeichelhafte Bericht wurde als geheim eingestuft. Er sollte erst dann für die Öffentlichkeit freigegeben werden, wenn Argentinien die volle Souveränität über den Archipel erlangt hat. Dieses Ziel ist inzwischen weiter entfernt denn je, auch wenn die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner derzeit keine Gelegenheit auslässt, die britische Regierung zu ärgern, um sie an den Verhandlungstisch zu zwingen; so gibt es mittlerweile kaum noch Flugverbindungen auf die Inseln, zudem verbot Argentinien Schiffen, welche die Inseln ansteuern, in seinen Häfen anzulegen.

          Trotz der Geheimhaltungspflicht waren weite Teile des Rattenbach-Berichts schon kurz nach dessen Fertigstellung bekanntgeworden: Sie wurden im November 1983 von einer Zeitschrift publiziert. Vor kurzem verfügte Präsidentin Kirchner, dass der Bericht freigegeben und veröffentlicht werden solle. Eine Kommission sollte allerdings zuvor prüfen, ob bei bestimmten Passagen Sicherheitsbedenken bestehen. Die Fachleute empfahlen jedoch lediglich, den Namen eines Geheimdienstangehörigen, der heute noch im aktiven Dienst ist, und den Hinweis auf einen „Kelper“, wie die Bewohner der Falklandinseln nach einer dort wachsenden Pflanze (kelp) genannt werden, zu tilgen. Er hatte der argentinischen Seite seinerzeit wertvolle Informationen übermittelt. Frau Kirchner wollte mit der Veröffentlichung nachweisen, dass die Mehrzahl ihrer Landsleute gegen den Feldzug gewesen sei. Zumindest anfänglich hatte es die Militärjunta tatsächlich jedoch verstanden, die Begeisterung über die vermeintlich aussichtsreiche Besetzung und Annexion der Inselgruppe zu entfachen. Es schien zunächst auch so, als würde es gelingen, den Archipel endgültig dem argentinischen Staatsgebiet einzuverleiben. Doch als deutlich wurde, dass der Feldzug als militärisches Debakel zu enden drohte, kippte die Stimmung im Land. Der verlorene Falklandkrieg brachte für die Junta schließlich das endgültige Aus und Argentinien wieder die Demokratie.

          Die Militärführung wusste zwar um die kritische Einstellung Rattenbachs gegenüber den Geschehnissen auf den Falklandinseln. Da er jedoch der älteste General im Heer war und großes Ansehen genoss, galt er als geeignet, um die Abfassung des Berichts zu leiten. „Er nahm den Auftrag gerne an, er war der Meinung, dass man der Bevölkerung eine Erklärung geben müsse“, sagt sein Sohn Augusto Benjamín Rattenbach, der jetzt bei der Veröffentlichung des Berichts mitgewirkt hat. Bei den Befragungen von rund siebzig hohen Offizieren, auf die sich der Bericht stützt, „kam Schlimmeres und Besseres, als man es erwartet hatte, zugleich zutage“, urteilt Augusto Rattenbach, der wie sein Vater eine Militärlaufbahn absolviert hat. „Das Schlimmste geschah in den oberen Rängen. Nicht einmal ein Dilettant hätte solchen Unfug angestellt. In den unteren Sphären gab es dagegen viel Heldenmut.“

          Bereits Ende 1981 Überfall diskutiert?

          Von dem Bericht waren seinerzeit zehn Exemplare hergestellt worden. Die jetzt mit der Veröffentlichung betraute Kommission stützte sich hauptsächlich auf das als Nummer 1 bezeichnete Exemplar, das der Militärjunta übergeben und von ihr unter Verschluss gehalten worden war. Sie sah aber auch die anderen erhaltenen Kopien ein und stellte eine Reihe von Abweichungen fest. Vier der zehn Exemplare waren nicht mehr auffindbar. Der im Oktober 1984 verstorbene Rattenbach hat nach Angaben seines Sohnes offenbar selbst noch bemerkt, dass der Bericht in Teilen manipuliert worden war, um das Verhalten einiger Beteiligter im Krieg in einem günstigeren Licht erscheinen zu lassen.

          Aus den jetzt veröffentlichten Begleitdokumenten geht hervor, dass die Junta bereits Ende 1981 mit dem Gedanken gespielt hatte, die Falklandinseln zu überfallen, um von wachsenden innenpolitischen Schwierigkeiten, insbesondere einer schweren Wirtschaftskrise, abzulenken. Die Faksimiles zeigen auch, dass die Vorbereitung von Anfang an quasi aus dem Stegreif geplant wurde. Den „schematischen Angriffsplan“ und andere strategische Papiere hat Marinechef Jorge Isaac Anaya als handschriftliches Manuskript verfasst, als habe es sich um eine Hausaufgabe für die Schule gehandelt.

          In dem Rattenbach-Bericht werden für die Verantwortlichen - gemäß dem damals gültigen und erst 2008 aufgehobenen Militärstrafgesetzbuch - strenge Strafen gefordert. Diktator Galtieri und Marineadmiral Anaya sollten nach der Empfehlung der Rattenbach-Kommission jedoch nicht, wie immer wieder kolportiert wurde, ausdrücklich zur Todesstrafe verurteilt werden, es wurde auch die Möglichkeit offengehalten, sie mit einer lebenslangen Haftstrafe zu belangen. Der Luftwaffenchef Basilio Lami Dozo sollte nach Auffassung der Autoren des Berichts mit der Amtsenthebung und einer lebenslangen Strafe für sein Verhalten büßen.

          Der Falklandkrieg hat möglicherweise endgültig Argentinien der Chance beraubt, die Souveränität oder auch nur einen wie immer gearteten Einfluss über die Inselgruppe zu erlangen. Fachleute weisen darauf hin, dass in den Jahren vor dem Waffengang eine schleichende „Argentinisierung“ des Archipels vor allem über die Versorgungswege vom südamerikanischen Festland aus begonnen hatte. Nach dem Falkland-Abenteuer wurden die Verbindungen radikal gekappt. Ohne den Krieg, so lautet eine gängige These, wären die Malvinas heute vielleicht tatsächlich argentinisch.

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