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Fake News in Frankreich : Die erfundene Guillotine der „Gelbwesten“

Ein Demonstrant steht am 1. Dezember mit einer Flagge am Triumph-Bogen in Paris Bild: AFP

Festnahmen, Verletzte, Zusammenstöße mit der Polizei: Die „Gelbwesten“ machen in Frankreich weiter mobil – und schrecken dabei auch vor falschen Nachrichten nicht zurück. Doch auch die französische Regierung bleibt nicht strikt bei der Wahrheit.

          Die Wutbürger in den gelben Warnwesten haben eine Guillotine für den Präsidenten – „König Emmanuel“ – auf der Place Royale mitten in Paris aufgebaut. Den Eindruck erweckte jedenfalls ein Foto, das in den sozialen Netzwerken auf Anhieb 50.000 Mal geteilt wurde. Eine blonde Frau namens Jackie Guyot schreibt dazu auf Englisch: „Wenn das französische Volk die Regierenden daran erinnern will, dass sie nur ihre Vertreter und nicht ihre Herren sind, verfügt es über ein paar starke Symbole.“

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Bild und Text waren ganz nach dem Geschmack vieler „Gelbwesten“, die jetzt am dritten Samstag in Folge ihren Protest in die Hauptstadt getragen haben. Wieder kam es zu Ausschreitungen auf den Champs-Elysées. Wieder musste die Polizei Wasserwerfer und Tränengas einsetzen. Mehr als hundert Menschen wurden festgenommen. Die Bewegung organisiert sich über die sozialen Netzwerke, ist besonders außerhalb von Paris aktiv und verfügt über keine zentralisierten Strukturen. Deshalb ist es wohl auch niemandem aufgefallen, dass die Protestaktion mit der Guillotine eine pure Interneterfindung war.

          Aufgedeckt hat die Fotomontage die staatliche Nachrichtenagentur AFP, die eigens ein Team von einem Dutzend Journalisten abgestellt hat, um „Fake News“ zu entlarven. Das Foto wurde im Januar in Paris bei einer Demonstration der Gewerkschaft CGT gegen Kürzungen im Kulturhaushalt aufgenommen. Gelbwesten gab es damals noch nicht; dass sie auf dem Bild sind, ist das Ergebnis einer geschickten Montage.

          Nie zuvor hat eine Protestbewegung so sehr auf Internetkommunikation vertraut wie die „Gelbwesten„ – und nie zuvor sind Proteste von so vielen Lügen, Halbwahrheiten und Hassbotschaften im Internet begleitet worden. Die erfundene Guillotine ist nur eines von vielen Beispielen, was passiert, wenn Bürger ihren Unmut nicht mehr über gewachsene Strukturen wie Gewerkschaften oder Parteien auszudrücken vermögen.

          Am Anfang der „Gelbwesten“-Bewegung stand Mitte Oktober die Videoaufzeichnung der Bretonin Jacline Mouraud. Die 51 Jahre alte Frau mit den grauen Haaren und den großen Brillengläsern beschwerte sich darüber, dass die Regierung eine „Hetzjagd“ auf Autofahrer begonnen habe. Die Ökosteuer auf Diesel und Benzin müsse zurückgenommen werden. Mehr als sechs Millionen Franzosen schauten sich das vier Minuten lange Video an.

          „Wir können unseren Kühlschrank schon nicht füllen, und sie wollen, dass wir uns verschulden, um Elektroautos zu kaufen“, empörte sich Mouraud. Inzwischen verlangt sie, dass die Nationalversammlung aufgelöst wird und die Regierung abtritt. Doch in den sozialen Netzwerken regt sich auch Widerstand gegen ihren Anspruch, für die Gelbwesten-Bewegung zu sprechen. Die Bretonin hat Anzeige bei der Polizei erstattet, weil sie Drohungen erhalten hat. Das sagt sie zumindest, wobei nicht klar ist, ob das nicht auch ein Trick sein könnte, um die abnehmende Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen.

          Gelbwesten-Träger versammeln sich am Samstag, dem 1. Dezember 2018, in einer Seitenstraße Nähe des Arc de Triomphe. Bilderstrecke

          Unterstützung von Le Pen

          Die Protestbewegung hat eine Misstrauenskultur aufblühen lassen, in der jeder jeden verdächtigt, die Wahrheit zu verdrehen. Das gilt besonders für die Zahl der Demonstranten, die vom Innenminister in regelmäßigen Abständen veröffentlicht und von den etablierten Medien verbreitet wird. Die Gelbwesten glauben, dass die Angaben bewusst niedrig gehalten werden, und etliche sind der Meinung, dass die Journalisten bestraft gehörten, weil sie die Falschangaben des Innenministers weiterverbreiten.

          Bei der Demonstration in Paris beschimpften Gelbwesten die Journalisten lautstark als „Collabo“ – Kollaborateure wie einst jene Franzosen, die ihre Landsleute an die deutschen Besatzer verrieten. In Toulouse wurden erboste Gelbwesten sogar handgreiflich und versuchten, Fernsehreportern zweier Nachrichtensender nachzustellen. Die Journalisten konnten in letzter Minute entkommen, „sie hätten uns gelyncht“, sagte ein Reporter hinterher. Die Journalisten erstatteten Anzeige wegen versuchter Körperverletzung.

          Die Oppositionsparteien vom linken und rechten Rand fachen die Wut auf die Presse weiter an. „Mir gelingt es nicht, ernsthaft Mitleid mit diesen Journalisten zu haben“, schrieb Sophia Chikirou nach dem Zwischenfall von Toulouse. Sie leitete den Präsidentschaftswahlkampf des linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, der sich mit knapp zwanzig Prozent der Stimmen beinahe für die entscheidende Stichwahlrunde qualifiziert hätte. In ihrer Facebook-Botschaft urteilte Chikirou weiter über Journalisten: „Die Wut auf sie ist aufgrund ihrer mentalen Korruption, ihrer Lügen und ihrer Desinformation gerechtfertigt.“

          Sie empfahl, auf Nachrichtensender und andere etablierte Medien zu verzichten: „Soziale Netzwerke sind sicherer.“ Und schloss mit dem Ratschlag an die Anhänger des „Unbeugsamen Frankreichs“ Mélenchons, „den Journalisten keinen Vorwand mehr zu geben, sich als Opfer darzustellen“: „Lyncht sie nicht, sprecht nicht mit ihnen, lest sie nicht und schaut sie nicht an!“ Mélenchon selbst hat wiederholt Journalisten als „Lügner“ und „Schummler“ bezeichnet.

          Marine Le Pen steht der Linkspartei in der Medienkritik nicht nach. „Die Gelbwesten sind beleidigt und verachtet worden, ihre Bewegung wurde kleingemacht und verzerrt dargestellt“, beschwerte sie sich in einem Fernsehinterview – ausgerechnet bei einem der Sender, dessen Reporter verfolgt worden waren. Ihre Empfehlungen hörten sich an, als habe sie sich mit Chikirou abgestimmt. „Man muss das Radio und das Fernsehen abschalten, wenn man nicht mit der Art einverstanden ist, wie Informationen verarbeitet werden. Das wird die Verantwortlichen der Sender eher zum Nachdenken bringen, als Journalisten vor Ort anzugreifen.“ Le Pen beschwerte sich zugleich über die „Lügen“ und „Manipulationen“ des Innenministers.

          Hass gegen Macron

          Zum aufgeheizten Klima trägt bei, dass auch die Regierung nicht strikt bei der Wahrheit bleibt. So rechtfertigte Innenminister Christophe Castaner das Demonstrationsverbot auf den Champs-Elysées mit der Behauptung, seit den Märschen der extremen Rechten 1934 seien auf der Prachtavenue keine politischen Demonstrationen mehr erlaubt worden. Das war gleich doppelt falsch. Am 6. Februar 1934 kam es nicht auf den Champs-Elysées, sondern vor der Nationalversammlung am Concorde-Platz zu schweren Ausschreitungen mit fünfzehn Toten und mehr als zweitausend Verletzten.

          Das Fakten-Team von AFP korrigierte den Innenminister auch, indem es einen Archivartikel vom 30. Mai 1968 vorlegte, der über die Demonstration auf den Champs-Elysées zur Unterstützung des in den Maiwirren nach Baden-Baden geflüchteten Präsidenten Charles de Gaulle berichtete. Der Vergleich mit den dreißiger Jahren ist eine Marotte der Regierung. So verglich Haushaltsminister Gérald Darmanin die Gelbwesten mit einer „braunen Pest“. Präsident Macron sprach schon vor den Gelbwesten-Demonstrationen von „der verblüffenden Ähnlichkeit unserer Epoche mit der Zwischenkriegszeit“.

          Viele Gelbwesten aber macht es besonders wütend, dass sie mit Massen verglichen werden, die in den Faschismus abzugleiten drohen. Inzwischen sammeln sie Unterschriften, um Macron abzusetzen. Ein Großteil der von AFP entlarvten „Fake News“ dreht sich um die mutmaßlich gegen die Verfassung verstoßende Machtausübung des Präsidenten. Es werden massenhaft Fotos von Demonstranten mit Kopfverletzungen oder blutüberströmten Gesichtern verbreitet, die vorgeblich von Polizisten misshandelt wurden. „Die Presse berichtet darüber nicht“, heißt es dazu. Doch die meisten Fotos stammen von den Protesten aus Katalonien. Eine Frau, „die auf Anweisung von Macron I. geschlagen wurde“, entpuppte sich als Demonstrantin, die lange vor dessen Amtseinführung im Mai 2016 fotografiert worden war.

          Der Hass auf Macron kennt kaum noch Grenzen. Vier Millionen Franzosen schauten sich ein Video an, das vorgeblich vom Tag der ersten Demonstrationen der Gelbwesten stammte. Es zeigt Emmanuel und Brigitte Macron, wie sie mit erhobenen Armen fröhlich tanzen, als ginge sie der Unmut im Land nichts an. Als enthüllt wurde, dass es sich ebenfalls um eine ältere Aufzeichnung von einem Staatsbankett in Armenien handelte, schrieben Gelbwesten-Anhänger dazu: „Warum entlarvt ihr immer nur Fake News, die den Machthabern zugutekommen?“

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