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Fake News : Von Russland lernen, heißt lügen lernen

  • -Aktualisiert am

Zur Abwechslung keine Ente: Werni und Gordi flogen im Juli 1985 wirklich für die Russen ins Weltall. Bild: Eastblockworld.com

Früher hießen sie anders, aber es gibt sie schon lange: manipulierte Nachrichten. Die russischen Geheimdienste sind Meister in dieser Disziplin. Ihre Falschmeldungen halten sich bis heute.

          5 Min.

          Fake News ist kein Begriff, den jemand noch aus der eigenen Kindheit kennt. Es gibt ihn erst seit kurzem. Aber das Konzept, das dahintersteht, ist wohlbekannt: Manipulieren der öffentlichen Meinung durch das Verbreiten von Falschmeldungen. Neu an Fake News ist, dass sie fast ausschließlich im Internet zu lesen sind. Sie verbreiten sich schneller und einfacher als Falschmeldungen in der Vergangenheit. Manchmal lesen Hunderttausende eine Lüge und halten sie für die Wahrheit, bevor die klassischen Medien und öffentliche Stellen es überhaupt mitbekommen. Und selbst dann ist es häufig zu spät für eine Richtigstellung.

          Anfang letzten Jahres verschwand in Berlin die dreizehn Jahre alte Lisa F. Ihre Eltern meldeten sie als vermisst. Am nächsten Tag tauchte das russlanddeutsche Mädchen wieder auf und erzählte, sie sei von „Südländern“ vergewaltigt worden. Später wies die Polizei nach, dass Lisa die Nacht bei ihrem 19 Jahre alten Freund verbracht hatte. Doch da war es schon zu spät. Russische Staatsmedien beschuldigten die deutsche Regierung, das Verbrechen zu vertuschen. Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten vor dem Kanzleramt. Russlands Außenminister Lawrow schaltete sich ein. Noch heute wird der Fall in Internetforen von Russlanddeutschen als vertuschtes Verbrechen gesehen.

          Das ist nur ein Beispiel russischer Desinformation. Seit mehr als hundert Jahren manipulieren russische Geheimdienste Medien anderer Länder mit selektiven Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen. Andere Staaten tun das auch, aber niemand ist so erfolgreich wie die Russen. Das hängt auch damit zusammen, dass es für russische Dienste leichter ist, in der freien westlichen Presse Falschmeldungen unterzubringen als für einen westlichen Geheimdienst in der zensierten russischen Presse. Zwar werden die Lügen in der westlichen Presse irgendwann enttarnt, aber in Russland könnten westliche Lügen gar nicht erst erscheinen.

          Russlands Nachrichtendienste nennen solche Manipulationen „aktive Maßnahmen“. Aktiv, weil sie das Gegenteil vom passiven Sammeln von Informationen sind. Durch gezielte Irreführung versuchen die Dienste, die öffentliche Meinung und Politik im Westen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Bei den aktiven Kampagnen wird die Wahrheit in unterschiedlichem Ausmaß gebeugt. Manchmal sind es nur Veränderungen von Nuancen. Es geht aber immer darum, einem bekannten Ereignis oder einer Entwicklung entweder eine andere Ursache zuzuschreiben oder sie in eine andere Richtung zu lenken. Wahrheit und Dichtung werden vermischt. Das macht es schwierig, solche Lügen zu widerlegen.

          Stasi verbreitete Lügen über Viren

          Heute ist bekannt, dass die antijüdische Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ höchstwahrscheinlich aus einer Kooperation zwischen zaristischen Geheimdiensten und antisemitischen Gruppen entstand. Trotzdem führen manche Kreise das Dokument noch immer als Beleg einer geheimen jüdischen Weltverschwörung an. Erst im Sommer letzten Jahres schrieb der Konstanzer AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon auf seiner Website: „Bei objektivem Vergleich der widerstreitenden Ansichten über diese ,Protokolle‘ sieht es eher nicht nach Fälschung aus.“ Und so ist es mit vielen Märchen, die russische Geheimdienste in die Welt gesetzt haben. Obwohl sie den Russen nicht mehr nützlich sind, leben sie trotzdem weiter.

          Besonders große Erfolge der Nachrichtenmanipulation feierten der Dienst A des KGB und die Abteilung X der Stasi mit Lügen über Viren und Krankheiten. Denn sie erfüllten die besten Voraussetzungen für Desinformationskampagnen. Bei ihnen sind Unwissen und Gefahr besonders groß. Und wenn die Bevölkerung sich ängstigt, aber gleichzeitig wenig weiß, akzeptiert sie auch abseitige Erklärungen. Als im Sommer 1967 eine bis dahin unbekannte Krankheit im Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt und in den Behringwerken in Marburg ausbrach, an der mehrere Wissenschaftler starben, war in der westlichen Presse zunächst nur von der „Affenkrankheit“ die Rede. Das Labor hatte kurz zuvor eine größere Zahl Meerkatzen aus Uganda angeschafft.

          Gerüchte hielten sich noch jahrelang

          Als immer mehr Menschen erkrankten, wuchs die Verunsicherung in der Bevölkerung. Untersuchungen von Gewebeproben in Wien und auch die Unterstützung amerikanischer Ärzte halfen nicht. Niemand konnte auflösen, um was für einen Erreger es sich handelte. Auch nachdem die Infektion im Herbst abgeklungen war, gab es noch keine Erklärung. Erst später konnte das Marburg-Virus, das nach dem Ort seines ersten Auftretens benannt ist, als ein neues Virus identifiziert werden.

          Hinter vielen falschen Thesen steckte der KGB, der russische Geheimdienst.

          Die ostdeutsche Tageszeitung „Neues Deutschland“ lieferte die Erklärung für die mysteriösen Todesfälle schneller. In den Behringwerken werde an chemischen Kampfstoffen geforscht. Nicht eine Krankheit der Affen sei schuld, „sondern die an ihnen ausgeführten Geheimversuche mit tödlich wirkenden Toxinen. Um davon abzulenken und die dort gegen die Menschheit ausgebrüteten Verbrechen zu verschleiern, fiel Bonn kein anderes Mittel ein, als die Schuld Uganda zuzuschieben.“ Jahrelang hielt sich das Gerücht, am Paul-Ehrlich-Institut werde nach Chemiewaffen geforscht. Dabei hatten dessen Wissenschaftler sogar versucht, mit offenen Karten zu spielen. Sie schickten den Sowjets Proben von infizierten Patienten, um zu zeigen, dass es sich um einen unbekannten Erreger handelt.

          Lügen über den Aids-Virus

          Noch erfolgreicher waren die Sowjets damit, das Aids-Virus in den frühen achtziger Jahren für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Eine unheilbare Seuche mit unbekanntem Ursprung, die hauptsächlich Homosexuelle und Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten befiel, war eine ausgezeichnete Andockstelle für eine aktive Maßnahme. Denn die sollten vor allem bestehende gesellschaftliche Konflikte verschärfen.

          Im Herbst 1983 erschien in der indischen Zeitung „Patriot“ ein anonymer Leserbrief. Der Autor behauptete, das HI-Virus sei nicht – wie gemeinhin vermutet – irgendwo in Afrika von Affen auf Menschen übergesprungen. Es sei ganz im Gegenteil menschengemacht. Und zwar handle es sich um das Ergebnis von Biowaffenexperimenten im amerikanischen Fort Detrick. Bei einem Unfall in der Anlage sei das Virus entfleucht. Der anonyme Autor war der KGB. Doch die Falschmeldung verbreitete sich nicht. Westliche Medien nahmen keine Notiz von der Theorie. Und so legten die Sowjets einige Jahre später nach. Zu dem Zeitpunkt stand das Thema in Amerika im Zentrum der Aufmerksamkeit. In einem Artikel in der sowjetischen Kultur- und Politikzeitschrift „Literaturnaya Gazeta“ wurde am 30. Oktober 1985 behauptet, der Erreger sei nicht nur im Biowaffeninstitut in Fort Detrick entwickelt worden. Er sei auch nicht durch einen Unfall freigesetzt worden, sondern ganz bewusst.

          These über „man-made“ Aids-Virus verbreitete sich

          Den Hintergrund erklärte kurze Zeit später der Ost-Berliner Biologe Jakob Segal. Anfang September 1986 veröffentlichte er auf einem Gipfeltreffen der blockfreien Staaten in Zimbabwe die These, dass die amerikanische Armee das Virus an Gefängnisinsassen nahe Fort Detrick getestet hatte. Deswegen sei es unter Schwarzen besonders verbreitet. Sie stellten damals wie heute die Mehrheit der Gefangenen. Als die Testpersonen wieder freikamen, trugen sie es in die nächstgrößere Stadt, nach New York. Aus dem Grund greife es gerade dort um sich. In Afrika wurde die Erklärung dankbar aufgenommen. Dass das Virus in Afrika von Affen auf Menschen übergesprungen war, hielten viele schon davor für Rassismus.

          Der Ost-Berliner Biologe Jakob Segal erklärte das Aids-Virusals „man-made“ in Amerika.

          Segal war Leiter des Instituts für allgemeine Biologie an der Humboldt-Universität in Berlin und konnte der Lüge so neue Glaubwürdigkeit verleihen. Denn naturwissenschaftliche Ergebnisse sind normalerweise eindeutig und vergleichbar. Doch Segal war die Propaganda anscheinend wichtiger als sein Ruf. Endgültig gelangte die Lüge durch einen Artikel in der „tageszeitung“ in den Westen. Stefan Heym interviewte Segal 1987 für die „taz“. „Aids. Man-made in USA“ lautete die Überschrift. Auch in Amerika verbreitete sich die These daraufhin wie ein Virus.

          Gefährliches Spiel hat noch lange Auswirkungen

          Trennlinien der amerikanischen Gesellschaft wurden zu Schluchten vertieft. Randgruppen wie Homosexuelle und Schwarze waren bereit, an ein Mordkomplott zu glauben. Denn die amerikanische Regierung hatte vierzig Jahre lang wirklich Experimente mit Syphilis an Afroamerikanern durchgeführt und sie dabei sterben lassen. Das war seit Anfang der siebziger Jahre bekannt.

          Bekannt sind all diese Maßnahmen, weil nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die Archive der dortigen Geheimdienste geöffnet wurden. Auch Stasi-Offiziere und ein Leiter der russischen Auslandsspionage packten 1992 aus. Die „taz“ entschuldigte sich später für den Artikel. Dass die Gerüchte dennoch weiter kursieren, zeigt, wie gefährlich das Spiel mit Falschmeldungen ist. Auch für ihre Urheber. Zwar wurde die Verbreitung der Aids-These in Russland irgendwann unterbunden. Doch da war sie schon weit gekommen. Weil die Propaganda immer westliche Regierungen für das Entstehen des Virus verantwortlich gemacht hatte, gab es in Russland auch lange keine staatlichen Aufklärungskampagnen. Heute hat das Land eine der höchsten HIV-Infektionsraten der Welt.

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