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Facebook und der Wahlkampf : Die vereinigten Daten von Amerika

Da waren sie noch hoffnungsfroh: Barack Obama und Hillary Clinton im November 2016 Bild: Reuters

Cambridge Analytica soll Daten von bis zu fünfzig Millionen Facebook-Nutzern für Trumps Kampagne genutzt haben. Doch Barack Obamas Wahlkämpfer verfügten über weitaus mehr Informationen aus dem sozialen Netzwerk.

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          Es gab eine Zeit in Amerika, da lagen die Dinge ein wenig anders als heute. Da war nicht Donald Trump der Böse. Da konnte auch nicht den Republikanern oder von ihnen beauftragten Firmen der Vorwurf gemacht werden, auf Facebook Daten für Wahlkampfzwecke abzusaugen – sondern da waren die anderen die Missetäter, Barack Obama und die Demokraten nämlich. Es war eine Zeit, in der sich die Republikaner als Abgehängte begreifen mussten, im Vergleich zu einer Obama-Kampagne, deren Datenkraken sich unentwegt durch soziale Netzwerke fraßen und ungeheure Mengen an Informationen speicherten. Im Fall des Trumpschen Wahlkampfs wird der britischen Firma Cambridge Analytica vorgeworfen, die Daten von bis zu fünfzig Millionen Facebook-Nutzern auf illegalem Wege erhalten und für zielgerichtete Wahlwerbung zugunsten von Trump verwendet zu haben. Und die Obama-Kampagne? Sie verfügte über eine Aufstellung aller Freundschaftsbeziehungen im gesamten Facebook-Netzwerk der Vereinigten Staaten. Nicht fünfzig oder sechzig Millionen – sondern schlicht: alle.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurt Allgemeinen Sonntagszeitung

          Schon im Jahr 2015 war für Carol Davidsen die Zeit gekommen, ganz offen über diese Dinge zu sprechen. Die frühere Datenbeauftragte der Obama-Kampagne hielt einen Vortrag und erzählte von Facebooks Datenschutzrichtlinien im Jahr 2012. Damals erlaubte Facebook es, dass Nutzer ihre Freundeslisten an Unternehmen oder Wahlkampagnen verrieten. Wer auf Facebook ein Computerspiel spielte oder eben eine Wahlkampf-Anwendung verwendete, musste nur mit einem Mausklick zustimmen – und schon wurde eine Liste seiner Facebook-Freunde übermittelt. Mit der Zeit wurden die Daten immer vollständiger, Freunde von Freunden wurden erfasst. Die Wahlkämpfer wussten also, welche Anhänger sie auf wen ansetzen konnten, um auch diesen für Obama zu gewinnen. „Wir waren tatsächlich in der Lage, das gesamte soziale Netzwerk in den Vereinigten Staaten aufzunehmen“, sagte Davidsen. Und sie betonte, wer in Amerika alles auf Facebook registriert sei: „Das sind die meisten Menschen.“

          Dem Archiv der Demokraten weit unterlegen

          Im Rückblick kamen Davidsen schon Zweifel, ob die Methode fair war. Nicht des Datenschutzes wegen – sondern weil es sich um einen immensen Wettbewerbsvorteil für die Demokraten handelte. Facebook verschärfte nach der Präsidentenwahl seine Bestimmungen. Das Datensammeln war in der bisherigen Form nicht mehr möglich. „Die Republikaner hatten nie eine ähnliche Funktion eingerichtet. Sie haben diese Informationen nicht und werden sie auch nicht bekommen“, sagte Davidsen im Jahr 2015. „Das bedeutet einen Nachteil an Information, der mir nicht fair vorkommt.“ Auch im Jahr 2018 haben die Republikaner, so gesehen, noch diesen Nachteil. Die 50 Millionen Nutzerdaten von Cambridge Analytica waren, zumindest der Menge nach, dem Archiv der Demokraten weit unterlegen – und damit auch den Möglichkeiten der Kampagne von Hillary Clinton.

          Julius van de Laar will die Obama-Kampagne nicht mit Cambridge Analytica vergleichen. Der deutsche Politikberater arbeitete in beiden Wahlkämpfen für Obama; 2008 als Beauftragter für junge Wähler im Bundesstaat Missouri und 2012 als Regionaldirektor für die Wählermobilisierung im Bundesstaat Ohio. „Es gibt elementare Unterschiede zwischen der Obama-Kampagne und Cambridge Analytica: Wir haben unsere Freunde aktiv aufgefordert, Freunde aus ihrem Netzwerk anzusprechen, um für Obama zu werben oder sie zum Wählen aufzufordern. Über die Arbeit von Cambridge Analytica wird berichtet, dass das Unternehmen flächendeckend Daten illegal gesammelt, ausgewertet und basierend darauf eigenständig Werbung geschaltet hat“, sagte van de Laar dieser Zeitung. Am Montag äußerte sich auch Davidsen wieder zum Thema, diesmal auf Twitter: „Facebook war überrascht, dass wir das gesamte Freundschaftsnetz heraussaugen konnten, aber sie haben uns nicht gestoppt. Tage nach der Wahl kamen sie in unser Büro und sagten sehr freimütig, dass sie uns Dinge erlaubt hatten, die sie anderen verboten hätten, weil sie auf unserer Seite waren.“

          Facebook-Gründer Mark Zuckerberg tat dagegen am Mittwoch so, als handele es sich um eine Neuigkeit, dass Republikaner wie Demokraten gleichermaßen massiv Daten von Nutzern abgesaugt haben. In einem Interview mit der Zeitung „New York Times“ sagte Zuckerberg, selbst wenn es dem Unternehmen gelingen sollte, die Menge an Daten zu verringern, auf die App-Entwickler Zugriff haben, stelle sich folgende Frage: „Gibt es noch andere Cambridge Analyticas da draußen?“ Habe es in der Vergangenheit Entwickler gegeben, fragte Zuckerberg weiter, deren Apps Zugriff auf so viele Daten hatten, dass sie damit das Vertrauen der Mitglieder verletzten? Seine Worte wirkten, als sei er ehrlich betroffen über die Enthüllungen der vergangenen Tage.

          Das macht Zuckerberg immer so. Schon 2015 wusste er, dass Cambridge Analytica in den Besitz von Nutzerdaten gelangt war. Es ging um den Fall, der nun in aller Munde ist und der damals schon ein Jahr zurücklag: Ein Wissenschaftler namens Aleksandr Kogan von der Universität Cambridge hatte eine App entwickelt, mit denen Nutzer von Facebook einen Persönlichkeitstest machen konnten. Im Gegenzug erlaubten die Teilnehmer der App, viele Informationen herunterzuladen, die sie im sozialen Netzwerk hinterlassen hatten, welche Seiten sie mit „Gefällt mir“ markiert hatten, welchen Wohnort sie angegeben hatten, wohin sie gereist waren. Doch die App griff nicht nur auf die Daten der Teilnehmer zu, sondern auch auf die aller Freunde – so gelangte der Wissenschaftler Kogan an Informationen von 50 Millionen Facebook-Nutzern, die er dann an Cambridge Analytica weitergab.

          Zuckerberg erfuhr davon vor drei Jahren durch Recherchen der britischen Zeitung „Guardian“. Als die Journalisten an Facebook herantraten, forderten dessen Anwälte von Cambridge Analytica eine Beglaubigung ein: Das Unternehmen sollte versichern, dass es die unrechtmäßig gewonnenen Daten gelöscht habe. Cambridge Analytica kam dem nach. Nachweisen, dass die Daten tatsächlich gelöscht waren, musste die Firma aber nicht. Facebook gab damals auch keine Informationen über das Datenleck an die Öffentlichkeit. In einer Stellungnahme hieß es lediglich, man sei bemüht, die „Situation gewissenhaft zu untersuchen“. Zudem werde man von jedem Unternehmen, das Daten missbrauche, verlangen, sie zu löschen. Erst jetzt hat Facebook den Vorfall vollumfänglich zugegeben, nachdem es unter großen öffentlichen Druck geraten war.

          Auch deutsche Politiker fordern einen strengeren Umgang

          Das Verhalten des Facebook-Gründers mag etwas mit dem Geschäftsmodell seines Unternehmens zu tun haben – das gerade in der Bewirtschaftung und Weitergabe von Nutzerdaten besteht. Jonathan Albright, Forschungsdirektor an der Columbia-Universität in New York, sagte kürzlich, Zuckerberg habe in seinen Einlassungen das eigentliche Thema umschifft. „Und das ist, dass Facebook im Grunde Daten hergibt, als handele es sich um Süßigkeiten. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Weitergabe von Daten Facebook zu dem Erfolg verholfen hat, den es als Unternehmen hat. Man muss das als Teil ihres Geschäftsmodells begreifen und nicht als einmaliges Problem.“ Seit fast zehn Jahren lassen die Aussagen von Zuckerberg den Schluss zu, dass Facebook seine Nutzerdaten an Unternehmen verkauft. Von besonderem Wert sind die Beziehungen, die Facebook-Nutzer untereinander pflegen, dargestellt in einer dreidimensionalen Grafik. Solche Informationen sind freilich nicht allein für Werbetreibende und Unternehmen lukrativ, sondern auch für politische Parteien.

          Deshalb dringen nun auch Politiker in Deutschland auf einen strengeren Umgang mit Facebook. Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) erinnerte am Donnerstag an die im Mai in Kraft tretende europäische Datenschutzgrundverordnung. „Wir wissen, dass Unternehmen sich besonders dann an Regeln halten, wenn die Sanktionen besonders empfindlich sind.“ Die Verordnung sehe Bußgelder in Höhe von bis zu vier Prozent des weltweiten Jahresumsatzes vor. Bei Facebook seien das „beträchtliche Summen“, sagte Barley. Nutzer sozialer Netzwerke müssten außerdem verweigern können, dass bestimmte Daten überhaupt erhoben werden. So will die Bundesregierung verhindern, dass auch in Deutschland amerikanische Verhältnisse entstehen.

          Julius van de Laar hält diese Sorge (noch) für unbegründet. „Nichts von dem, worüber wir hier sprechen, hat meines Kenntnisstandes nach etwas damit zu tun, was in Deutschland gang und gäbe ist“, sagte er. Trotzdem klingelt manchmal sein Telefon. Politiker sind dran, die van de Laar berät. „Natürlich kommen auch Anfragen von Leuten, die fragen, wie die Effektivität ihrer Kampagnen gesteigert werden kann und was generell möglich ist“, sagte van de Laar. „Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man alles macht, nur weil es möglich ist.“ Während der Obama-Wahlkämpfe hatte er das offenbar noch anders gesehen.

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